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Terrorgefahr : Der IS schickt seine „Löwen“ in den Westen

Die Nervosität unter Dschihadisten breitet sich aus: Luftangriffe und Gebietsverlust haben den IS stark geschwächt. Bild: AP

Der „Islamische Staat“ muss in Syrien und im Irak Rückschläge einstecken – dafür könnte es auch nach Brüssel mehr Anschläge in Europa geben. Wie der Kampf des IS immer verzweifelter wird.

          Es ist eine Rechtfertigung und ein Aufruf zugleich. Die Propagandazeitschrift „Dar al Islam“ (Haus des Islams), das französischsprachige Sprachrohr der Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS), widmete den Terrorangriffen von Paris in der Februarausgabe eine mehr als dreißig Seiten lange Abhandlung. Kritik von Vertretern der französischen Muslime wird darin mit ausführlichen Verweisen auf Koransuren und überlieferte Prophetensprüche erwidert, ebenso jene moderaterer Islamisten, die als „pseudosalafistische Pharisäer“ diskreditiert werden. Der Artikel bemüht sich herzuleiten, dass die „Ungläubigen“, die sich dem Islam nicht unterwerfen, sich im Kriegszustand mit den Muslimen befänden und dass ihr Blut nicht heilig und nichts wert sei. Daher sei es legitim, Zivilisten in Restaurants, Cafés oder Konzerthallen zu ermorden. Den Krieg in das Reich der angeblichen Ungläubigen zu tragen, so die Botschaft des Propagandatextes, sei nicht nur legitim, sondern eine Pflicht.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Der Beitrag spricht Bände“, sagt Hugo Micheron, ein Dschihadismusforscher am Centre de Recherches Internationales (Ceri), das an der französischen Elitehochschule Sciences Po angesiedelt ist. Er hat zuletzt zahlreiche Interviews mit französischen Dschihadisten geführt, unter ihnen mehrere Syrien-Rückkehrer. Auch wenn das nicht ausgesprochen werde, sagt Micheron, richte sich das Traktat auch an die dschihadistische Szene. Denn die brutalen Anschläge am 13. November in Paris seien auch unter Dschihadisten auf Kritik gestoßen. Ferner beobachte er Bemühungen, die Propaganda stärker weg von den Schlachtfeldern in Syrien und im Irak in Richtung Europa zu lenken. Die jungen Männer sollten nach ihrem Training in Syrien den Terror in das Reich der „Ungläubigen“ tragen.

          Das Kernland des IS-Regimes in der Levante schrumpft, die Reise dorthin und das Leben dort werden beschwerlicher. Lange hat der Sog der syrischen Schlachtfelder junge Dschihadisten in Europa in seinen Bann gezogen. Nun, so droht es zumindest, könnte an seine Stelle ein Sog des Ermächtigungsgefühls treten, der Extremisten dazu verleitet, in Europa mit Angriffen auf „weiche Ziele“ Terror zu verbreiten.

          Rückzug und sinkende Moral

          Vor etwa einer Woche teilte das amerikanische Militär mit, der IS habe im Irak zuletzt zwischen 21.000 und 25.000 Quadratkilometer verloren – rund vierzig Prozent seines einstigen Territoriums. In Syrien waren es demnach bis zum ersten Februar 4000 bis 5000 Quadratkilometer, was gut zehn Prozent entspreche. Seither seien noch einmal gut 3000 Quadratkilometer des syrischen IS-Territoriums zurückerobert worden.

          Von Militär- und Sicherheitsfachleuten sowie von Aktivisten heißt es, die Nervosität beim IS habe zugenommen. Die Dschihadisten verminen demnach Städte, zuletzt wurde Führungspersonal nach Libyen verlegt, wo der IS noch auf dem Vormarsch ist. Es mehren sich Berichte über Desertionen von Kämpfern, die dem selbsternannten IS-Kalifen Abu Bakr al Bagdadi den Rücken kehren – sei es, weil sie desillusioniert sind oder weil der IS angesichts von Luftangriffen auf Einnahmequellen wie Ölanlagen oder Bargelddepots mit einer schrumpfenden Kriegskasse operieren muss und damit die materiellen Anreize fehlen.

          Aktivisten und Einwohner, die aus dem IS-Herrschaftsgebiet in Syrien geflohen sind, berichten, die Einkünfte der Kämpfer und Verwaltungsmitarbeiter seien drastisch gekürzt worden. Auch andere Apanagen wie Gratisgetränke oder Schokoladenriegel würden nicht mehr freigiebig verteilt. Zugleich seien die Preise gestiegen; Gefangene könnten inzwischen mit Dollars freigekauft werden. Ähnliche Berichte gibt es auch aus irakischen IS-Hochburgen. Zuletzt hatten sich im Euphrat-Tal nach Angaben des amerikanischen Militärs 149 IS-Kämpfer unter Zehntausende Flüchtlinge gemischt.

          Zunehmende Nervosität

          Auch die Führung der Terrororganisation hat zuletzt Schläge einstecken müssen. Anfang des Monats meldete das amerikanische Verteidigungsministerium, der ranghohe IS-Militärführer Omar al Schischani („der Tschetschene“) sei bei einem Luftschlag getroffen und wahrscheinlich getötet worden. Dies ist noch immer nicht abschließend bestätigt. Aber allein die Umstände des Luftangriffs werden als Zeichen dafür gewertet, dass die Nervosität zugenommen hat. Denn der als unerbittlicher Kommandeur berüchtigte Bagdadi-Vertraute Schischani hatte sich nach amerikanischen Angaben auf dem Weg zu einem Frontbesuch im syrischen Schaddadi befunden; offenbar, um die Moral seiner Männer dort zu stärken. Der Ort wurde inzwischen von Kämpfern der amerikanisch geführten Anti-IS-Koalition eingenommen.

          Deren Sprecher, Oberst Steve Warren, wollte zuletzt aber nicht von einer entscheidenden Wende im Kampf gegen den IS sprechen. Er verglich die Terrororganisation mit einem Boxer, dessen Arme schwer geworden sind, dessen Deckung daher leidet und der mit jeder Runde schwächer und verwundbarer wird. Aber Warren hob auch hervor, dass dieser Kampf nicht nach zwölf Runden endet und dass der feindliche Boxer noch immer dazu in der Lage ist, eine harte Rechte auszuteilen und schmerzhafte Treffer zu landen.

          Desillusionierung, Luftangriffe, schrumpfende Einnahmequellen: Immer mehr Anhänger kehren dem selbsternannten IS-Kalifen Abu Bakr al Bagdadi den Rücken kehren zu.

          Die irakische Bevölkerung hat das in den vergangenen Wochen zu spüren bekommen. Während die Truppen der Regierung an Boden gewannen, überzog der IS den Irak mit einer Welle von Terroranschlägen, bei denen Dutzende Menschen getötet wurden. Auch in Europa steht zu befürchten, dass die Angriffe der Terrorkommandos unter dem Banner des IS auch nach den Explosionen in Brüssel eher zunehmen werden. Im Leitartikel der Februarausgabe des Propagandamagazins „Dar al Islam“ wird die Frage aufgeworfen, wie viele „unserer Löwen“ wohl schon durch das Netz der Sicherheitsbehörden geschlüpft seien. „Zehn, fünfzig? Einhundert? Mit Erlaubnis Gottes wird bald von ihnen zu hören sein.“

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