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Politologe Asiem El Difraoui : Warum gerade Frankreich angegriffen wurde

  • -Aktualisiert am

„Diese Terroristen sind keine Flüchtlinge“: Asiem El Difraoui Bild: David Ausserhofer

Beim Terror geht es nicht um Spiritualität. Die Dschihadisten kennen die Gesellschaften, die sie infiltrieren, genau, erklärt der Terrorismusforscher Asiem El Difraoui im Interview.

          4 Min.

          Warum hat es Sie nicht überrascht, dass es in Paris abermals zu islamistischen Attentaten gekommen ist?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das hat keinen überrascht, allerdings hatte man hier vermutet, dass es sich um irgendwelche Einzelgänger handeln würde. Aber eine Zelle mit acht Selbstmordattentätern – wie viele Leute müssen dahinter gesteckt haben? Noch mal zehn? Dann hätte man es mit einer Terrorzelle von zwanzig Leuten zu tun – und die bleibt unerkannt? Die französischen Geheimdienste glauben, dass sie Attentate verhindern, und das tun sie auch jeden Tag. Aber es reicht offenbar noch nicht.

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          Hat sich die Terrorbekämpfung nach den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ nicht verbessert?

          Doch, aber es wird in Frankreich noch immer zu wenig Geld in die Dschihadismus-Prävention gesteckt. Außerdem ist der Staatsapparat überlastet. Es herrscht eine politische Lähmung, weil die Regionalwahlen vor der Tür stehen und man Angst vor dem Front National hat.

          Inwiefern?

          Premierminister Manuel Valls hat nach dem 7. Januar gesagt, Frankreich sei ein Land der Apartheid. Das war ein sehr wichtiger Satz. Das Problem dabei ist, dass viele sich davor fürchten, jetzt in die Banlieues zu gehen und dort integrativ aufzutreten – weil der Front National dann sagen kann: Seht, um die kümmern sie sich auch noch, aber um uns nicht!

          Genau das dürfte den Dschihadisten in die Hände spielen.

          Ja, weil der Polarisierung der Gesellschaft nicht entgegengewirkt wird: Polizisten beispielsweise sind immer noch nicht richtig ausgebildet, um Dschihadismus zu erkennen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch zu viele Menschen, die dem französischen Staat überhaupt nur noch in Gestalt der Polizei begegnen und nicht mehr etwa in Form einer Schule. Das ist der Kernpunkt: Dschihadisten wollen die Schwäche der französischen Gesellschaft ausnutzen, und diese Schwäche ist die fehlende Kohäsion. Sie wollen diese Gesellschaft weiter polarisieren, weil sie dann am besten rekrutieren können. Bin Ladin hatte sich gefreut, als George Bush einmal sagte: „You’re with us, or you’re against us.“ Diese Kreuzzügler-Rhetorik ist der beste Freund der Islamisten. Sie wissen, dass hier in drei Wochen Regionalwahlen stattfinden und man jetzt viel Polizei sehen wird. Und natürlich auch, dass Muslime jetzt stigmatisiert werden.

          Aber diese Logik ist doch nach dem 7.Januar ausführlich beschrieben worden. Ist denn gar nichts passiert?

          Nein, es gab diese „Wir sind Charlie“-Euphorie, aber es gab natürlich auch Leute, die gar keine Sympathisanten von „Charlie Hebdo“ waren. Die zwar die Morde verurteilten, aber eben auch fanden, dass „Charlie Hebdo“ etwa mit den Mohammed-Karikaturen zu weit gegangen war. „Wir sind Charlie“ war kein Slogan des Zusammenhalts. Er galt zwar für viele, aber längst nicht für alle Franzosen.

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          Für wen denn nicht?

          Es gibt zahlreiche Franzosen, die „Charlie Hebdo“ für überzogen hielten, aber den Slogan als Ausdruck einer Gesellschaft sahen, zu der sie sich nicht zugehörig fühlten – gleichgültig ob Muslime oder Christen. Inzwischen ist sogar eine Polemik entstanden, wer hier „Charlie“ ist und wer nicht, die Frage ist also: Wie definiert sich Frankreichs Gesellschaft? Ich persönlich habe mich gefragt, warum nicht auch der Slogan „Wir sind alle Juden“ auftauchte, schließlich galten die Angriffe auch einem jüdischen Supermarkt.

          Haben Sie denn den Eindruck, dass man in Frankreich genug über die französischen Dschihadisten weiß?

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