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Terror-Ermittlungen : Neue Erkenntnisse zu den Pariser Attentätern

Am Ort der vereitelten Tat: Vor dem Polizeirevier im 18. Arrondissement – der Getötete liegt unter der weißen Plane. Bild: Reuters

Bei den Ermittlungen zu den Pariser Anschlägen gibt es Fortschritte: Sowohl die Angriffe im November als auch die im Januar des vergangenen Jahres sind wohl von Syrien aus koordiniert worden. Der ermittelnde Staatsanwalt sieht jedoch keinen Grund für Optimismus.

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          Nach dem vereitelten Angriff auf eine Polizeiwache in Paris hat Staatsanwalt François Molins am Freitag davor gewarnt, schnelle Erfolge im Anti-Terror-Kampf zu erwarten. „Die Bedrohung wird noch viele Jahre andauern“, sagte der Staatsanwalt. Gründlich geplante, logistisch aufwendige Terroranschläge drohten sich mit improvisierten Einzeltaten von fanatisierten Islamisten abzuwechseln. „Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein“, sagte Molins. Der Täter vom Polizeikommissariat im 18. Arrondissement von Paris gebe weiterhin Rätsel auf.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          In der Jackentasche des Mannes fanden die Ermittler ein Mobiltelefon mit einer deutschen Sim-Karte. Es sei auf deutschem Boden benutzt worden und habe SMS-Mitteilungen in deutscher und arabischer Sprache erhalten und gesendet. Nun fragen sich die Ermittler, ob der Mann sich in den vergangenen Monaten in Deutschland aufgehalten hat. Die Fingerabdrücke des Mannes stimmen mit denen eines Autodiebes überein, der 2013 zusammen mit Komplizen in Saint-Maxime an der Côte d’Azur festgenommen wurde.

          Damals gab sich der Festgenommene als Sallah Ali aus. Er bekundete, ohne festen Wohnsitz in Frankreich zu leben. Seine Angaben – er soll 1995 in Casablanca in Marokko geboren sein – konnten von der französischen Polizei damals nicht überprüft werden. Nach ersten Erkenntnissen ist der Getötete mindestens 30 Jahre alt. In seiner Jacke fanden die Ermittler ein auf Arabisch verfasstes Selbstbezichtigungsschreiben mit einer Fahne der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Darin gibt sich der Mann als Tunesier aus und unterzeichnete mit dem Namen Tarek B.

          Er bekundete, im Auftrag des Terrorchefs Abu Bakr al Bagdadi Rache für die französischen Bombenangriffe auf Ziele in Syrien nehmen zu wollen. Auf den terroristischen Hintergrund des vereitelten Angriffs weist neben dem Schreiben auch die Tatsache hin, dass der Mann eine Sprengstoffgürtel-Attrappe trug, sagte Molins im Radiosender France Inter. Die vermeintliche Bombe bestand aus seiner Tasche mit Klebeband, aus der Kabel herausragten. Diese Attrappe trug der Mann unter seiner Jacke. Sprengstoff wurde bei ihm nicht gefunden.

          Rückkehr nach Syrien geglückt

          Der Staatsanwalt ermittelt wegen versuchten Mordes und Terrorverdachts. Nach Angaben der Polizeigewerkschaft „Alliance“ rief der Mann „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“), als er auf das Polizeirevier zustürmte. Auf Rufe der diensthabenden Polizeibeamten habe er nicht reagiert. Der Staatsanwalt teilte mit, die Polizisten hätten sechs Kugeln Munition eingesetzt.

          Knapp zwei Monate nach den Terroranschlägen in Paris mit 130 Toten haben Polizisten das Versteck des Terroristen Salah Abdeslam gefunden. Nach seiner Flucht aus Paris ist der mutmaßliche Sprengmeister der Gruppe in einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek untergetaucht. Bei der Durchsuchung der Wohnung seien Fingerabdrücke von Abdeslam entdeckt worden, teilte die belgische Staatsanwaltschaft am Freitag mit. In dem Versteck wurden auch Sprengstoff sowie drei selbstgebaute Gürtel sichergestellt. Die Wohnung war am 10. Dezember von der belgischen Polizei entdeckt und durchsucht worden.

          Abdeslam ist nach Erkenntnissen der französischen Ermittler die Rückkehr nach Syrien geglückt. Der 26 Jahre alte Terrorist soll die Attentäter zum Konzertsaal Bataclan gefahren haben. Er hatte auf seinem Namen die Hotelzimmer in Alfortville bei Paris sowie die bei den Anschlägen eingesetzten Mietwagen angemietet.

          Von Syrien aus koordiniert

          Der Pariser Staatsanwalt Molins sagte am Freitag, es sei „offensichtlich“, dass die November-Anschläge von Brüssel aus vorbereitet wurden. „Wir sind mit einem konzertierten Anschlagsprojekt konfrontiert, das von unterschiedlichen Teams ausgeführt und von Syrien aus koordiniert wurde“, sagte Molins. Auch bei den Januar-Anschlägen habe es sich um eine von Syrien aus koordinierte Aktion gehandelt.

          Doch in letzter Minute seien die vorgesehenen Komplizen abgesprungen und Amedy Coulibaly (der Terrorist aus dem jüdischen Supermarkt) habe allein improvisieren müssen. Der Staatsanwaltschaft liegen Kurzmitteilungen vor, die Coulibaly von einem mysteriösen Auftraggeber aus Syrien erhielt.

          Staatsanwalt Molins prangerte am Freitag von neuem die Verschlüsselungspraktiken der Telefonhersteller Apple und Samsung an. Für die Ermittler werde es unmöglich, Mobiltelefone der jüngsten Generation auszuwerten. „Vergangenes Jahr konnten acht für Terrorermittlungen wichtige Mobiltelefone nicht ausgewertet werden“, sagte Molins. Er nannte die steigende Zahl von Frauen beunruhigend, die es zum Dschihad nach Syrien und in den Irak ziehe. Unter den 600 Dschihadisten aus Frankreich seien 220 Frauen.

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