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Terror aus Molenbeek : Die giftige Saat ist aufgegangen

Einkaufsmeile: Die Chaussée de Grand in Molenbeek Bild: Frank Röth

Alle Welt zeigt auf den Problemstadtteil Molenbeek. Dabei gibt es einen „Halbmond der Armut“ in der belgischen Hauptstadt. Und die Ursachen für den Terror liegen schon Jahrzehnte zurück.

          Fickt euch!, brüllt Bilal dem Polizeiauto nach, das die Rue Tazieaux in Richtung Chaussée de Gand entlangrast. „Die Bullen machen ihre Sirene doch nur an, um schneller im Café sein zu können.“ Es nieselt in Molenbeek, und trotz der acht Grad trägt Bilal nur einen Jogginganzug. Er und seine Freunde Salah und Youssef hängen vor einem Parkplatz herum. Bilal holt Tabak aus seinem alten zerbeulten silberfarbenen BMW, der auf dem Parkplatz steht, und dreht einen Joint. In Molenbeek ist Haschisch zwar etwas günstiger, aber ihren Nachschub holen sich die Jungs aus Amsterdam. „Dort ist die Qualität einfach besser“, sagt Bilal, „in zwei Stunden ist man schon da.“

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Bilal ist 21 Jahre alt und wohnt noch bei seinen Eltern in der Nähe, so wie seine beiden Kumpel. Statistisch gesehen lebt die Hälfte aller Molenbeeker Familien auf weniger als 55 Quadratmetern. Also treffen sich die Jungs hier draußen, kaum zweihundert Meter entfernt von der Rue des Quatre-Vents, der Straße, in der Salah Abdeslam vor zwei Wochen festgenommen wurde, der mutmaßliche Logistiker des Massakers von Paris.

          Puppenköpfe mit Kopftüchern im Schaufenster.

          „Wir kannten den alle“, sagt Bilal. „Hier kennt jeder jeden.“ Die Jungs sind Marokkaner, so wie sechzig Prozent der Molenbeeker und so wie fast jeder in diesem Viertel. Im Laufe des Gesprächs kommen eine Menge Jungs vorbei. Manche bleiben ein paar Minuten, andere gehen gleich weiter, aber jeder schüttelt jedem ausgiebig die Hand. Ein etwa gleichaltriger Müllmann mit leuchtorangefarbener Kleidung verbringt seine Pause mit den Jungs, ein junger Lieferwagenfahrer blockiert die Straße, um kurz zu schauen, was los ist. Es ist fast wie auf dem Dorf, abgesehen von den Polizisten und Soldaten auf den größeren Straßen.

          Aus Molenbeek stammen nicht nur drei der Terroristen von Paris wie Salah Abdeslam und das Unterstützernetz. Auch die Täter des gescheiterten Angriffs auf den Thalys-Schnellzug 2015, der Attentäter im Jüdischen Museum in Brüssel 2014 und einer der Täter der Madrider Eisenbahn-Anschläge 2004 kamen aus Molenbeek oder wohnten hier längere Zeit. Ebenfalls aus Molenbeek stammte einer der beiden Attentäter, die am 9. September 2001 als belgische Journalisten getarnt Ahmed Schah Massud ermordeten, den Kommandeur der afghanischen Nordallianz, welche die Taliban bekämpfte. Es war das direkte Vorspiel des elften Septembers.

          Straßenszene in Molenbeek: Frauen mit Kopftuch überqueren die Straße.

          „Als ich vom Mord an Massud hörte, wusste ich, dass hier in Molenbeek etwas wirklich Großes im Gange ist“, sagt Johan Leman. Der Anthropologe und frühere Kabinettschef der königlichen Kommission für Migrationspolitik leitet heute das Jugendzentrum Le Foyer in Molenbeek, für das er auch schon in den achtziger Jahren arbeitete. „Der Fall Massud hat das Ganze auf eine vollkommen neue Ebene gehoben. Das war höchst professionell.“

          „Molenbeekistan“

          Lemans Jugendzentrum liegt ganz in der Nähe des Kanals, der Molenbeek von der Brüsseler Innenstadt trennt. Das Ufer säumen Designergeschäfte, schicke Kneipen und ein Hotel. Sie richten sich nicht an Bilal und die Jungs, sondern an den Stadtkern auf der anderen Uferseite. Es gibt auch ein hübsches Mittelklasse-Molenbeek. Wenn man Bilals Parkplatz linker Hand passiert und die Chaussée de Gand zehn Minuten lang bergauf nach Ober-Molenbeek geht, dann verwandelt sich die Welt.

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