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Syrienrückkehrer vor Gericht : Ein wertvoller Angeklagter

  • -Aktualisiert am

„Null Bock, null Ziel“: Der Angeklagte Nils D. im Düsseldorfer Gerichtssaal Bild: dpa

Nils D. ging aus Dinslaken nach Syrien zum „Islamischen Staat“. Vor Gericht gibt er nun bereitwillig Auskunft. Doch will er nicht an Gewalttaten beteiligt gewesen sein.

          6 Min.

          Dass dieses Verfahren nicht sein wird wie die vielen anderen Prozesse, die schon im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf gegen dschihadistische Terroristen stattgefunden haben, macht die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza am Mittwochmorgen unmittelbar nach Eröffnung der Hauptverhandlung mit ihrer ersten Entscheidung deutlich. Nils D. muss nicht auf der Anklagebank hinter der Trennscheibe aus Sicherheitsglas bleiben, so wie Marco G., der hier schon seit Monaten regelmäßig sitzt, unter anderem weil er eine Bombe am Bonner Hauptbahnhof plaziert haben soll, die wahrscheinlich wegen eines technischen Defekts nicht explodierte. Auch die mitunter flegelhaften Mitglieder der Sauerland-Gruppe mussten vor einigen Jahren stets hinter der Scheibe bleiben. Nils D. aber habe sich von seiner Terrororganisation distanziert, deshalb könne die Trennscheibenanordnung aufgehoben werden, sagt die Vorsitzende Richterin. Also setzt sich D. neben seine Verteidiger.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Terrororganisation von Nils D. war nicht irgendeine kleine Gruppe. Nils D. aus Dinslaken am Niederrhein gehörte einst zur berüchtigten salafistischen „Lohberger Brigade“, von der mittlerweile fünf Mitglieder bei Kämpfen in Syrien oder als Selbstmordattentäter ums Leben gekommen sind. Ende 2013 reiste D. seinen Freunden nach Syrien hinterher und war dann dort selbst für einige Zeit Teil der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Als D. Ende 2014 überraschend nach Dinslaken zurückkehrte, behauptete er, in Istanbul gewesen zu sein. Die Sicherheitsbehörden glaubten das nicht.

          „Gestapo des IS“

          Wochenlang wurde D. observiert. Am Abend des 10. Januar 2015 stoppten maskierte Spezialkräfte den Extremisten dann in seinem Auto. Freimütig hatte D. kurz zuvor einem Freund erzählt, was er so in Syrien getrieben hatte. Die Beamten hatten alles mitgehört; das Auto von D. war verwanzt gewesen. Zunächst wollte D. nicht auspacken. Doch dann stießen die Ermittler auf Handy-Fotos: Nils D. mit Sprengstoffgürtel, Nils D., wie er einem gefangenen Mann eine Pistole an den Hinterkopf hält.

          Seither spricht Nils D. auch mit den deutschen Behörden freimütig. Er hat sich als wertvoll für die Terror-Ermittler herausgestellt. Denn in den vielen seiner Vernehmungen seit seiner Festnahme und als Zeuge in Prozessen gegen andere selbsternannte Gotteskrieger gab der 25 Jahre alte Mann schon umfangreich Auskunft: über IS-Organisationsstrukturen und Zusammenhänge, die Staatsanwälte Angeklagten sonst kaum nachweisen könnten. Er selbst war demnach beim „Sturmtrupp“ des IS. Diese Spezialeinheit, die Deserteure gnadenlos verfolgt, foltert und hinrichtet, gilt wegen ihrer vielen deutschen Mitglieder als „Gestapo des IS“. Nur an Gewalttaten will D. selbst nie beteiligt gewesen sein.

          Auch die Anklage, die Bundesanwältin Carola Bitter am Mittwochmorgen im Oberlandesgericht Düsseldorf vorträgt, fußt in weiten Zügen auf den Aussagen von Nils D. Demnach erhielt der junge Mann eine Ausbildung an diversen Pistolen und Gewehren und im Umgang mit Sprengstoff. Für „den täglichen Gebrauch“ händigten IS-Leute ihm eine Kalaschnikow aus. Zeitweilig trug er einen Sprengstoffgürtel um den Bauch. Als Mitglied der IS-Spezialeinheit nahm er Spione und Deserteure mit Waffengewalt fest und brachte sie in Gefängnisse der Terrororganisation.

          Herumhängen, trinken und kiffen

          Nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft wusste D., dass die Gefangenen der Folter bis zum Tod ausgesetzt waren, denn er hatte Einblick in die Folterkammer. „Und er beerdigte einen vermutlich zu Tode gefolterten Gefangenen“, trägt die Bundesanwältin vor. D. holte den Leichnam aus der Kühlkammer und begrub ihn auf einer Müllkippe in einem Erdloch. In einem Trainingslager nahm er als Zuschauer an einer Hinrichtung teil, die der IS dort aus Abschreckungszwecken öffentlich inszenierte.

          Dinslakens verlorene Jugend: Mit Machete und Kalaschnikow zeigt sich Philip B. mit seinen Glaubensbrüdern.
          Dinslakens verlorene Jugend: Mit Machete und Kalaschnikow zeigt sich Philip B. mit seinen Glaubensbrüdern. : Bild: © HR

          Als die Bundesanwältin die Anklage verlesen hat, fragt die Vorsitzende Richterin den Angeklagten, ob er auch in der Hauptverhandlung aussagen will. „Ja“, antwortet Nils D. ohne zu zögern. Barbara Havliza macht dem jungen Mann dann unmissverständlich klar, dass er sich auf einiges gefasst machen muss. Obwohl D. schon unendlich viele Fragen in seinen Vernehmungen beantwortet habe, sei doch eine Reihe von Fragen offengeblieben. „Und die werde ich Ihnen auch stellen.“

          Es dauerte eine Weile, bis deutlich wird, worauf die Richterin anspielt. Denn über seinen Lebensweg gibt D. zunächst zuweilen geradezu schonungslos Auskunft. Nils D. war 14 und in der Hauptschule, als er auf die schiefe Bahn geriet. Er begann mit seinen Freunden auf Spielplätzen herumzuhängen, zu trinken, konsumierte Marihuana, Amphetamine, auch Kokain. Bald wurde D. wegen Rauschgifthandels zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. In schneller Folge ging es mit Beleidigung, Körperverletzung und Diebstahl weiter. Als der junge Mann mit einem Kumpel in eine Bäckerei einbrach, wurde er schließlich zu acht Monaten ohne Bewährung verurteilt.

          Salafisten-Schüsselfigur Mustafa T.

          Schon mit 15 wurde Nils D. Vater. Doch den Weg in ein geregeltes Leben fand er nicht. Den Ausbildungsplatz als Anlagenbauer, den seine große Schwester ihm vermittelt hatte, verlor er nach wenigen Monaten – weil er die Berufsschule schwänzte. Bei der Bundeswehrmusterung fiel er wegen seines Drogenkonsums durch. „Nach der Urinprobe war Schluss“, erzählt D. im lockeren Plauderton. Richterin Havliza fasst zusammen: „Sie waren ein abhängiger Kiffer. Null Bock, null Ziel.“ Nils D. bestätigt das ausdrücklich.

          Dschihadist Philip B. (Abu Osama) aus Dinslaken: “Wie ein Bruder“
          Dschihadist Philip B. (Abu Osama) aus Dinslaken: “Wie ein Bruder“ : Bild: Screenshot Youtube

          Dann und wann greift der junge Mann sich verlegen ans Kinn, scheint sich durch den Salafisten-Bart streichen zu wollen, den er längst nicht mehr trägt. Genau darum geht es der Richterin nun: Sie will verstehen, wen sie da eigentlich vor sich sitzen hat. Sie will verstehen, wieso ein Plan- und Antriebsloser wie Nils D. plötzlich zum Islam konvertiert, dann rasend schnell zum radikalen Salafisten, zum Dschihadisten, zum Syrien-Reisenden und schließlich zum Mitglied der bekanntesten dschihadistischen Terrororganisation der Welt wird – nun aber in seiner dunklen Jeans und seinem Karohemd aussieht wie ein ganz gewöhnlicher junger Mann vom Niederrhein.

          Nils D. antwortet ausweichend, tastend, relativierend. Irgendwann wird es der Richterin zu viel. Sie habe den Eindruck, dass er bereit sei, im Detail über Syrien zu berichten, dafür nur sehr eingeschränkt über die Zeit in Dinslaken. Schon im Ermittlungsverfahren war aufgefallen, dass D. kaum Leute aus der Salafisten-Szene in Deutschland belastete, sich an vieles aus Dinslaken nicht mehr richtig erinnern wollte. Und auch am Mittwoch will D. am liebsten gar nicht über die Rolle von nordrhein-westfälischen Salafisten-Schüsselfiguren wie Mustafa T. sprechen. Eine Teileinlassung sei „immer doof“, gibt Richterin Havliza zu bedenken. Dies gelte auch in Anbetracht der schwerwiegenden Vorwürfe, die über ihn in der Anklage der Bundesanwaltschaft stünden. „Sie haben den Weg nach Syrien doch nicht durch Teetrinken in Dinslaken und Diskussionen im Bildungsverein genommen.“

          Vor Syrien in Haft

          Allmählich nur entsteht dann aus den Erzählungen des Angeklagten ein vages Bild. Zum Islam fand Nils D. durch seinen älteren Cousin Philip B., der für ihn wie ein Bruder war. Auch er war ein Verlierer. Zuletzt war er ins Dinslaken als Pizzabote unterwegs. Der Salafismus gab Philip Halt. Im August konvertierte dann auch Nils. „Ich habe sofort mit Drogen, Alkohol und allem aufgehört.“ Nils ließ sich einen Bart wachsen, trug weite Salafisten-Hosen und fühlte sich nicht mehr wie ein Außenseiter, sondern wie ein Auserwählter, der messerscharf trennen konnte zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse. Gemeinsam mit den „Brüdern“ ihrer Lohberger Brigade radikalisierten sie sich in ihrem „Bildungsverein“ unter dem Vorsitz von Mustafa T. immer weiter. Der Bildungsverein sei anfangs nicht dschihadistisch gewesen. Er selbst habe sich Vorträge des Salafisten-Predigers Pierre Vogel im Internet angeschaut. Aber dann habe man sich im Verein Videos von Millatu Ibrahim angeguckt. „Das war etwas anderes, aggressiver.“

          Als Philip sich aufmachte in den Dschihad, verbüßte sein Cousin Nils gerade seine Haftstrafe. Kaum war Nils entlassen, sammelte er für Hilfsbedürftige in Syrien – unter anderem engagierte der junge Mann sich für den Verein „Helfen in Not“, den der Verfassungsschutz schon lange im Verdacht hat, nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern auch eine Art Reisebüro für Syrien-Freiwillige zu sein. Nils D. aber will den Weg ins Gelobte Land der Salafisten allein gefunden haben. „Ich hatte ja selbst Kontakte“, sagt er freundlich plaudernd.

          In die Luft gejagt bei Mossul

          Es war die Zeit, als die Lohberger Brigade gerade ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit trat. Ende 2013 schwärmte Philip B. in einem Propaganda-Video vom Dschihad in Syrien. Er schwöre, Syrien sei „segenvoll“. Anfang 2014 präsentierte sich sein Brigade-Bruder Mustafa K., ein Kleinkrimineller, der in Dinslaken mit Drogen gehandelt hatte, im syrischen Azaz stolz mit grausigen Trophäen: Lächelnd hielt er auf einem im Internet verbreiteten Foto einen abgetrennten Kopf in die Höhe, ein weiterer Kopf lag vor seinen Füßen. Die „Lohberger Brigade“ hatte in Syrien nachweislich auch Kontakt zum späteren Paris-Attentäter Abdelhamid Abaaoud.

          Brigade-Chef Philip B. ist mittlerweile tot. Bei einer „Märtyreroperation“ gegen kurdische Einheiten in der Nähe der irakischen Stadt Mossul soll er als Selbstmordattentäter zwanzig Menschen mit aus dem Leben gerissen haben. Sein letzter Facebook-Eintrag lautete: „Wir wollen für Allah sterben. Denn das Jenseits ist für die Gläubigen die wahre Wohnstätte.“ Nils entschied, dass das nicht sein Weg sein soll. Wie und warum es dazu kam? Auch das soll in dem Prozess geklärt werden, der nach bisheriger Planung bis Ende Februar dauern soll.

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