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Syrienrückkehrer vor Gericht : Ein wertvoller Angeklagter

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Nils D. antwortet ausweichend, tastend, relativierend. Irgendwann wird es der Richterin zu viel. Sie habe den Eindruck, dass er bereit sei, im Detail über Syrien zu berichten, dafür nur sehr eingeschränkt über die Zeit in Dinslaken. Schon im Ermittlungsverfahren war aufgefallen, dass D. kaum Leute aus der Salafisten-Szene in Deutschland belastete, sich an vieles aus Dinslaken nicht mehr richtig erinnern wollte. Und auch am Mittwoch will D. am liebsten gar nicht über die Rolle von nordrhein-westfälischen Salafisten-Schüsselfiguren wie Mustafa T. sprechen. Eine Teileinlassung sei „immer doof“, gibt Richterin Havliza zu bedenken. Dies gelte auch in Anbetracht der schwerwiegenden Vorwürfe, die über ihn in der Anklage der Bundesanwaltschaft stünden. „Sie haben den Weg nach Syrien doch nicht durch Teetrinken in Dinslaken und Diskussionen im Bildungsverein genommen.“

Vor Syrien in Haft

Allmählich nur entsteht dann aus den Erzählungen des Angeklagten ein vages Bild. Zum Islam fand Nils D. durch seinen älteren Cousin Philip B., der für ihn wie ein Bruder war. Auch er war ein Verlierer. Zuletzt war er ins Dinslaken als Pizzabote unterwegs. Der Salafismus gab Philip Halt. Im August konvertierte dann auch Nils. „Ich habe sofort mit Drogen, Alkohol und allem aufgehört.“ Nils ließ sich einen Bart wachsen, trug weite Salafisten-Hosen und fühlte sich nicht mehr wie ein Außenseiter, sondern wie ein Auserwählter, der messerscharf trennen konnte zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse. Gemeinsam mit den „Brüdern“ ihrer Lohberger Brigade radikalisierten sie sich in ihrem „Bildungsverein“ unter dem Vorsitz von Mustafa T. immer weiter. Der Bildungsverein sei anfangs nicht dschihadistisch gewesen. Er selbst habe sich Vorträge des Salafisten-Predigers Pierre Vogel im Internet angeschaut. Aber dann habe man sich im Verein Videos von Millatu Ibrahim angeguckt. „Das war etwas anderes, aggressiver.“

Als Philip sich aufmachte in den Dschihad, verbüßte sein Cousin Nils gerade seine Haftstrafe. Kaum war Nils entlassen, sammelte er für Hilfsbedürftige in Syrien – unter anderem engagierte der junge Mann sich für den Verein „Helfen in Not“, den der Verfassungsschutz schon lange im Verdacht hat, nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern auch eine Art Reisebüro für Syrien-Freiwillige zu sein. Nils D. aber will den Weg ins Gelobte Land der Salafisten allein gefunden haben. „Ich hatte ja selbst Kontakte“, sagt er freundlich plaudernd.

In die Luft gejagt bei Mossul

Es war die Zeit, als die Lohberger Brigade gerade ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit trat. Ende 2013 schwärmte Philip B. in einem Propaganda-Video vom Dschihad in Syrien. Er schwöre, Syrien sei „segenvoll“. Anfang 2014 präsentierte sich sein Brigade-Bruder Mustafa K., ein Kleinkrimineller, der in Dinslaken mit Drogen gehandelt hatte, im syrischen Azaz stolz mit grausigen Trophäen: Lächelnd hielt er auf einem im Internet verbreiteten Foto einen abgetrennten Kopf in die Höhe, ein weiterer Kopf lag vor seinen Füßen. Die „Lohberger Brigade“ hatte in Syrien nachweislich auch Kontakt zum späteren Paris-Attentäter Abdelhamid Abaaoud.

Brigade-Chef Philip B. ist mittlerweile tot. Bei einer „Märtyreroperation“ gegen kurdische Einheiten in der Nähe der irakischen Stadt Mossul soll er als Selbstmordattentäter zwanzig Menschen mit aus dem Leben gerissen haben. Sein letzter Facebook-Eintrag lautete: „Wir wollen für Allah sterben. Denn das Jenseits ist für die Gläubigen die wahre Wohnstätte.“ Nils entschied, dass das nicht sein Weg sein soll. Wie und warum es dazu kam? Auch das soll in dem Prozess geklärt werden, der nach bisheriger Planung bis Ende Februar dauern soll.

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