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Syrienrückkehrer vor Gericht : Ein wertvoller Angeklagter

  • -Aktualisiert am

Herumhängen, trinken und kiffen

Nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft wusste D., dass die Gefangenen der Folter bis zum Tod ausgesetzt waren, denn er hatte Einblick in die Folterkammer. „Und er beerdigte einen vermutlich zu Tode gefolterten Gefangenen“, trägt die Bundesanwältin vor. D. holte den Leichnam aus der Kühlkammer und begrub ihn auf einer Müllkippe in einem Erdloch. In einem Trainingslager nahm er als Zuschauer an einer Hinrichtung teil, die der IS dort aus Abschreckungszwecken öffentlich inszenierte.

Dinslakens verlorene Jugend: Mit Machete und Kalaschnikow zeigt sich Philip B. mit seinen Glaubensbrüdern.
Dinslakens verlorene Jugend: Mit Machete und Kalaschnikow zeigt sich Philip B. mit seinen Glaubensbrüdern. : Bild: © HR

Als die Bundesanwältin die Anklage verlesen hat, fragt die Vorsitzende Richterin den Angeklagten, ob er auch in der Hauptverhandlung aussagen will. „Ja“, antwortet Nils D. ohne zu zögern. Barbara Havliza macht dem jungen Mann dann unmissverständlich klar, dass er sich auf einiges gefasst machen muss. Obwohl D. schon unendlich viele Fragen in seinen Vernehmungen beantwortet habe, sei doch eine Reihe von Fragen offengeblieben. „Und die werde ich Ihnen auch stellen.“

Es dauerte eine Weile, bis deutlich wird, worauf die Richterin anspielt. Denn über seinen Lebensweg gibt D. zunächst zuweilen geradezu schonungslos Auskunft. Nils D. war 14 und in der Hauptschule, als er auf die schiefe Bahn geriet. Er begann mit seinen Freunden auf Spielplätzen herumzuhängen, zu trinken, konsumierte Marihuana, Amphetamine, auch Kokain. Bald wurde D. wegen Rauschgifthandels zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. In schneller Folge ging es mit Beleidigung, Körperverletzung und Diebstahl weiter. Als der junge Mann mit einem Kumpel in eine Bäckerei einbrach, wurde er schließlich zu acht Monaten ohne Bewährung verurteilt.

Salafisten-Schüsselfigur Mustafa T.

Schon mit 15 wurde Nils D. Vater. Doch den Weg in ein geregeltes Leben fand er nicht. Den Ausbildungsplatz als Anlagenbauer, den seine große Schwester ihm vermittelt hatte, verlor er nach wenigen Monaten – weil er die Berufsschule schwänzte. Bei der Bundeswehrmusterung fiel er wegen seines Drogenkonsums durch. „Nach der Urinprobe war Schluss“, erzählt D. im lockeren Plauderton. Richterin Havliza fasst zusammen: „Sie waren ein abhängiger Kiffer. Null Bock, null Ziel.“ Nils D. bestätigt das ausdrücklich.

Dschihadist Philip B. (Abu Osama) aus Dinslaken: “Wie ein Bruder“
Dschihadist Philip B. (Abu Osama) aus Dinslaken: “Wie ein Bruder“ : Bild: Screenshot Youtube

Dann und wann greift der junge Mann sich verlegen ans Kinn, scheint sich durch den Salafisten-Bart streichen zu wollen, den er längst nicht mehr trägt. Genau darum geht es der Richterin nun: Sie will verstehen, wen sie da eigentlich vor sich sitzen hat. Sie will verstehen, wieso ein Plan- und Antriebsloser wie Nils D. plötzlich zum Islam konvertiert, dann rasend schnell zum radikalen Salafisten, zum Dschihadisten, zum Syrien-Reisenden und schließlich zum Mitglied der bekanntesten dschihadistischen Terrororganisation der Welt wird – nun aber in seiner dunklen Jeans und seinem Karohemd aussieht wie ein ganz gewöhnlicher junger Mann vom Niederrhein.

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