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Suizid in Haft : Justizminister: Keine akute Selbstmordgefahr bei Albakr

  • Aktualisiert am

Der Terrorverdächtige Albakr hat sich das Leben genommen. Bild: Polizei Dresden

Der Terrorverdächtige Jaber Albakr hat sich in seiner Zelle in der JVA Leipzig erhängt. Zuvor hatte er seine Überwältiger der Mitwisserschaft bezichtigt. Sein Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen die sächsische Justiz. Verfolgen Sie die Pressekonferenz zum Selbstmord im Livestream.

          Der Terrorverdächtige Jaber Albakr hat sich in einer Gefängniszelle in Leipzig mit seinem Hemd stranguliert und dadurch Suizid begangen. Das sagte Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) am Donnerstag. Die Experten hätten zu vor „keine akute Selbstmordgefahr" bei Albakr gesehen.

          Auch nach dem Tod des Terrorverdächtigen Jaber Albakr gehen die Ermittlungen in dem Fall weiter. Das Verfahren gegen den 22 Jahre alten Syrer habe sich erledigt, sagte der Sprecher der Bundesanwaltschaft, Stefan Biehl, am Donnerstag in Karlsruhe. Die Ermittlungen zu dem mutmaßlich durch den anerkannten Flüchtling geplanten Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen würden in gleicher Intensität weitergeführt, um die Hintergründe aufzuklären.

          Wenige Tage nach seiner Festnahme wegen mutmaßlicher Anschlagspläne hatte sich Albakr im Gefängnis das Leben genommen. Der 22 Jahre alte Syrer habe am Mittwochabend in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Leipzig Suizid begangen, hatte das sächsische Justizministerium mitgeteilt. Unter welchen Umständen es dem offenbar streng bewachten und als suizidal eingestuften Albakr gelingen konnte, sich das Leben zu nehmen, hatten die Behörden zunächst nicht mitgeteilt. Das sächsische Justizministerium hatte lediglich den Suizid bestätigt und auf eine für Donnerstag in Dresden angesetzte Pressekonferenz verwiesen (ab 11 Uhr im FAZ.NET-Livestream).

          Albakrs Pflichtverteidiger will „niemanden an den Pranger stellen“

          Albakrs Pflichtverteidiger erhielt von den Behörden noch keine näheren Informationen über die Todesumstände seines Mandanten. Die zuständige Oberstaatsanwältin habe ihm nur mitgeteilt, dass Albakr sich erhängt habe, sagte Rechtsanwalt Alexander Hübner am Donnerstag im Deutschlandfunk. Weitere Einzelheiten seien ihm nicht genannt worden. Hübner äußerte großes Unverständnis, dass es in diesem besonderen Fall zu einem Suizid kommen konnte.

          Polizisten bei ihrem Anti-Terror-Einsatz am vergangenen Wochenende in Chemnitz

          Es komme häufiger zu Suiziden und Suizidversuchen in Justizvollzugsanstalten. „Nur in diesem speziellen Fall bin ich einigermaßen fassungslos, weil ich schon davon ausgegangen bin, dass aufgrund der Gesamtumstände, die ja auch bekannt waren – ich meine zum Beispiel den Hungerstreik und die angebliche Motivation, die dann dahinter gesteckt hat –, eine besondere Beobachtung stattfindet“, sagte Hübner im Deutschlandfunk.

          Der Online-Ausgabe der Zeitung „Westfalen-Blatt“ sagte Hübner, die Suizidgefahr seines Mandanten sei „offensichtlich“ gewesen. Die Frage, ob sein Mandant ihm gegenüber eine Tötungsabsicht geäußert habe, beantwortete der Pflichtverteidiger nicht, sondern verwies auf seine Schweigepflicht. „Ich möchte aber niemanden an den Pranger stellen. Das ist jetzt nicht die Zeit für Schuldzuweisungen.“ Er denke, dass die Vollzugsbeamten ihre Arbeit vernünftig gemacht hätten, so Hübner.

          Am Mittwochabend hatte der Pflichtverteidiger gegenüber dem Magazin „Focus“ scharfe Kritik an der sächsischen Justiz geübt und von einem „Justizskandal“ gesprochen. Den Verantwortlichen der Justizvollzugsanstalt sei das Suizid-Risiko des Beschuldigten bekannt gewesen und auch im Protokoll vermerkt worden, so Hübner. Albakr habe in der Zelle bereits Lampen zerschlagen und an Steckdosen manipuliert. Hübner habe am Mittwochnachmittag noch mit dem JVA-Leiter telefoniert. Dieser habe ihm versichert, dass sein Mandant ständig beobachtet werde.

          Der 22 Jahre alte Syrer hatte zuvor in einer Vernehmung die drei Landsleute, die ihn überwältigt und der Polizei ausgeliefert hatten, der Mitwisserschaft bezichtigt. Entsprechende Aussagen habe der Syrer gemacht, berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) unter Berufung auf Ermittlerkreise.

          Es gab noch keine weiteren Festnahmen

          Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die die Ermittlungen führt, wollte die Angaben nicht bestätigen. Unklar blieb zunächst, ob die Ermittler die Aussage Albakrs für glaubhaft halten oder ob es sich um eine Schutzbehauptung handeln könnte.

          Auch die Frage, ob die drei Syrer, die ihn überwältigt hatten, noch als Zeugen oder Verdächtige in dem Ermittlungsverfahren behandelt würden, blieb in Karlsruhe unbeantwortet. Den Angaben zufolge gab es aber keine weiteren Festnahmen.

          Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen in Berlin

          Albakr, der laut Verfassungsschutz einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen bereits weitestgehend vorbereitet haben soll, war am Montag in Leipzig festgenommen worden. In der Chemnitzer Wohnung, in der am Samstag die Festnahme des Gesuchten misslang, fand die Polizei 1,5 Kilogramm des hochgefährlichen Sprengstoffs TATP. Der Wohnungsmieter wurde als mutmaßlicher Komplize verhaftet.

          Bundesverfassungsschutz: Anschlag für diese Woche geplant

          Zuvor hatte diese Zeitung erfahren, dass die Hinweise, die die deutschen Sicherheitsbehörden auf den Zeitpunkt eines bevorstehenden IS-Anschlags durch Albakr hatten, offenbar sehr präzise waren. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sagte, seine Behörde habe den Eindruck gewonnen, „dass der Verdächtige schon in dieser Woche einen Anschlag verüben könnte“. Deswegen erfolgte der Zugriff der Polizei auf Albakr am Wochenende.

          Der Terrorverdächtige war Anfang 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Nach Recherchen des MDR war er zwischenzeitlich wieder in Syrien. Das habe seine Familie mitgeteilt, berichtete das Magazin „Exakt“. Dem MDR zufolge reiste Albakr im Herbst vergangenen Jahres zwei Mal in die Türkei und hielt sich auch einige Zeit in der syrischen Stadt Idlib auf. Mitbewohner aus dem nordsächsischen Eilenburg hätten ebenfalls von seinem Aufenthalt in Idlib berichtet, Albakr aber nicht als besonders religiös beschrieben. Nach seiner Rückkehr soll er sich jedoch verändert haben.

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