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Kommentar : Wie der IS besiegt werden muss

Kurdische Kämpfer halten eine eroberte Flagge des IS. Sie sind momentan die wirkungsvollsten Kämpfer gegen die Dschihadisten. Bild: dpa

Zur militärischen Auslöschung des IS kann es keine Alternative geben. Das reicht allerdings nicht, so lange andere muslimische Staaten nicht bereit sind, ihn entschlossen zu bekämpfen.

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          Mit der Terrornacht von Paris sind zwei Kalküle des „Islamischen Staats“ (IS) aufgegangen. In Frankreich und in der Welt hat er eine neue Angst erzeugt, und schnell wurde nach harten Maßnahmen, nach einem energischen militärischen Vorgehen gerufen. Umgehend bombardierten denn auch französische Kampfflugzeuge als Vergeltungsmaßnahme die „Hauptstadt“ des „Islamischen Staats“, Raqqa.

          Der IS will genau das: im Westen eine Überreaktion provozieren, ihn in einen Krieg ziehen, um behaupten zu können, der Westen führe Krieg gegen den Islam. Das stellt die freie Welt vor ein Dilemma. Denn sie darf sich ihr Handeln nicht vom IS diktieren lassen, sie kann die Kriegserklärung des IS aber auch nicht ignorieren. Die Antwort auf den Terror des IS muss daher eine Strategie sein, die mehr Erfolg verspricht als der Kampf gegen den Terror bisher. Denn seit dieser Kampf nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausgerufen wurde, hat sich die Zahl gewaltbereiter Islamisten, die sich einer Terrorgruppe angeschlossen haben, bedrohlich vervielfacht.

          Eine Strategie, den IS zu bekämpfen und langfristig die Gefahren zu beseitigen, die mit ihm verbunden sind, muss sich aus mehreren Maßnahmen zusammensetzen: den IS militärisch zu besiegen, die dysfunktionalen Staaten der arabischen Welt zu reformieren, die Ideologie des Dschihads zu entzaubern und bei uns das für die Integration der gefährdeten muslimischen Jugendlichen Nötige zu tun, damit sie in unserer Gesellschaft einen Platz finden.

          Ohne militärische Gewalt wird es nicht gehen. Denn der IS herrscht über ein Territorium, und er nennt sich selbst „Staat“, obwohl er das Völkerrecht ablehnt. Dieses Gebilde übt auf viele islamistische Extremisten eine große Anziehungskraft aus, die zugenommen hat, je mehr Territorium der IS erobert. Mit einem physischen Ende dieses Kalifats nähme seine Anziehungskraft ab, und er würde nicht mehr einen Raum bieten für ausländische Kämpfer, die jetzt noch den Terror zurück in ihre Herkunftsländer tragen.

          Die Ideologie besteht fort

          Zur militärischen Auslöschung des IS kann es keine Alternative geben, zumal sie mit konventionellen militärischen Mitteln erfolgen kann - mit Luftstreitkräften und Bodentruppen. Dazu muss die Anti-IS-Allianz ausgeweitet werden, der ein durchschlagender Erfolg gegen den IS bisher versagt blieb. Am Boden werden die unverzichtbaren Peschmerga nicht ausreichen, und auch die Bekämpfung des IS mit westlicher Militärtechnologie aus der Luft wird den IS nicht in die Knie zwingen. Kein westliches Land ist aber bereit, eigene Truppen zu stellen.

          Die meisten militärischen Interventionen des Westens im Nahen Osten sind, gemessen an den langfristigen Folgen, gescheitert. Eine Ausnahme war 1991 die Befreiung von Kuweit durch eine internationale Koalition unter amerikanischer Führung und Einschluss der meisten arabischen Staaten. Ohne arabischen Beitrag wird auch der IS nicht zu besiegen sein. Die arabischen Länder sind zwar ebenso bedroht wie der Westen. Bei ihnen und auch bei der Türkei fehlt aber der politische Wille, gegen den IS militärisch vorzugehen. Saudi-Arabien sieht nicht den IS als größten Feind, sondern Iran; die Türkei bekämpft den Separatismus der Kurden, nicht den IS.

          Saudi-Arabien ist auch auf einem zweiten Schlachtfeld gefordert, dem der Ideologie. Selbst wenn der IS militärisch besiegt sein sollte, die Ideologie des Dschihads bestünde fort und wäre ein Nährboden für künftige Generationen von Terroristen. Der Islam des IS ist ohne den Islam Saudi-Arabiens nicht denkbar. Noch immer rufen saudische Hassprediger zu Gewalt gegen Andersgläubige auf; noch immer sind viele Saudis überzeugt, ein Monopol auf die Auslegung des Islams zu haben. Gewonnen werden kann der Krieg gegen den IS nur, wenn saudische Theologen der Ideologie des Dschihads den Kampf ansagen und den Anspruch aufgeben, dass ihre Version des Islams allen anderen Religionen überlegen sei.

          Muslime brauchen eine andere Perspektive

          Dann würden auch wieder gemäßigte Muslime zur Kenntnis genommen, die noch von repressiven Regimen kriminalisiert werden. Das spielt den Extremisten in die Hände, die als Mittel für Veränderungen allein Gewalt einsetzen. Tunesien mit seiner Politik, alle wichtigen Akteure – auch Islamisten – einzubinden, und Dubai, das mit guter Regierungsführung Wohlstand geschaffen hat, zeigen aber, dass es in der arabischen Welt funktionierende Staaten geben kann. Eine internationale Einigung auf eine Übergangsregierung in Damaskus und die Zukunft Syriens hätte zwar keinen direkten Einfluss auf den Kampf gegen den IS; sie würde die Bildung einer wirksamen Front gegen ihn aber erleichtern.

          Schließlich müssen bei uns muslimische Jugendliche das Gefühl bekommen, akzeptiert und anerkannt zu werden, um nicht mehr anfällig zu sein für eine Heilspropaganda à la IS. Das schließt nicht aus, mit einer effizienten Überwachung, die sich weniger auf elektronische Systeme verlässt als auf das Einschleusen von Informanten, Gefährder frühzeitig zu erkennen. Solche Maßnahmen haben einherzugehen mit dem militärischen Eingreifen gegen den IS.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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