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Stadt in Angst : Frankreichs 11. September

Blankes Entsetzen: Menschen werden nach der Geiselnahme im Theater Bataclan in Sicherheit gebracht Bild: dpa

Nach den verheerenden Anschlägen von Paris erzählen die Überlebenden vom Horror: Wild um sich schießende Terroristen und das angstvolle Warten auf Hilfe. „Diese Schüsse sind so laut, sie gehen dir durch Mark und Bein.“

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          Wer am Freitagabend in einer der lärmenden Bars von Paris das Fußballspiel Frankreich-Deutschland mitverfolgte, blieb von den Terrormeldungen zunächst verschont. Selbst die Explosionen in der ersten Halbzeit vom Anschlag am Stadion bekam in den Pariser Kneipen mit ihren großen Bildschirmen kaum jemand mit. Erst als die ersten Nachrichtenbänder über die Attentate liefen und die Café-Besucher in der Rauchpause vor der Tür auf ihre Handys blicken, machte sich der Schrecken langsam breit. Im elften und zehnten Arrondissement häuften sich bald darauf die ohrenbetäubenden Sirenen von Polizei-, Kranken- und Feuerwagen. Besorgte Freunde und Verwandte erkundigten sich  nach dem Befinden all jener, die sich an diesem Freitag, den 13. November, in Paris aufhielten.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Am Boulevard Voltaire zog zwischendurch immer wieder eine seltsame Stille ein. Wenige Hundert Meter entfernt von der Konzerthalle Bataclan hatten sich am rotweißen Absperrband der Polizei Schaulustige, Journalisten und Anwohner versammelt, die nicht in ihre Wohnungen zurückkehren konnten. Erst kurz vorher hatten die Einsatzkräfte den Konzertsaal gestürmt, doch der weiträumige Polizeikordon ließ davon wenig erahnen.


          Terror in Paris

            Die Terroristen schlugen in der Nacht zum 14. November an mehreren Orten kurz nacheinander zu. Eine Übersicht.

            Konzertsaal Bataclan


            DPA

            Mindestens vier schwer bewaffnete, unmaskierte Männer stürmen während eines Rockkonzerts in das Gebäude und eröffnen das Feuer. Dabei schreien sie „Allahu Akbar“ (Gott ist groß). Es folgt eine fast dreistündige Geiselnahme in dem Konzertsaal am Boulevard Voltaire. „Ich habe sie ganz klar zu den Geiseln sagen hören ,Hollande ist Schuld, euer Präsident ist Schuld, er hat nicht in Syrien einzugreifen.' Sie haben auch über den Irak gesprochen“, berichtet der 35-jährige Augenzeuge Pierre Janaszak später. Ein anderer sagt: „Die Typen sind gekommen, sie haben am Eingang begonnen zu schießen.“ Die Polizei stürmt den Konzertsaal kurz vor 0.30 Uhr, der Einsatz ist gegen 01.00 Uhr beendet. Hundert Menschen sind tot, darunter vier Angreifer. Drei von ihnen haben sich mit einem Sprengstoffgürtel selbst in die Luft gesprengt. Der vierte, der auch einen solchen Gürtel trägt, wird von Polizeikugeln getroffen und beim Fallen explodiert auch sein Sprengstoff.

            Fußballstadion Stade de France


            AP

            Fast zeitgleich zum Angriff auf den Konzertsaal ereignet sich um 21.20 Uhr in der Umgebung des Stadions im Norden von Paris eine erste Explosion. Dort soll nächstes Jahr im Juli das Finale der Fußball-Europameisterschaft stattfinden und nicht weit davon, in Bourget, soll am 30. November die große, internationale Klimakonferenz abgehalten werden. Es folgen weitere Explosionen, eine in der Nähe eines McDonald's-Restaurants. Präsident Hollande, der bei dem Fußballspiel Frankreich-Deutschland am Freitagabend ebenso anwesend war wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), wird sofort in Sicherheit gebracht. Die Ein- und Ausgänge zum Stadion werden abgeriegelt. Vier Menschen werden bei der Detonation getötet, darunter drei Angreifer, die wie im Bataclan Sprengstoffgürtel zünden.

            Rue de la Fontaine au Roi


            DPA

            Wenige hundert Meter vom Bataclan entfernt ist die Terrasse der Pizzeria „La Casa Nostra“ das Ziel eines Anschlags. Fünf Menschen werden durch Schüsse aus einer automatischen Waffe getötet, wie der 35 Jahre alte Augenzeuge Mathieu berichtet. „Es waren mindestens fünf Tote um mich herum, andere auf der Straße, überall Blut.“ Ein anderer Zeuge sieht „einen schwarzen Ford Focus“, aus dem geschossen wird.

            Boulevard Voltaire


            DPA

            Nach Angaben aus Justizkreisen gibt es auch dort einen Angriff mit einem Toten. Unklar ist aber, wie weit dieser Ort vom Bataclan entfernt ist. Später heißt es, ein Attentäter habe auf dem Boulevard Voltaire seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion gebracht und sei tot.

            Rue Alibert/Rue Bichat


            AFP

            Etwas weiter nördlich kommt es an der Ecke der Straßen Bichat und Alibert zu Schüssen auf der Terrasse des Restaurants „Le Petit Cambodge“. Dort werden 14 Menschen getötet. „Es war surreal, alle lagen am Boden, niemand bewegte sich“, erzählt eine Augenzeugin. Rue de Charonne: Ähnliche Szenen spielen sich etwas weiter östlich in der Rue de Charonne ab, wo 18 Menschen getötet werden. Ein Mann berichtet, er habe „zwei, drei Minuten“ lang Schüsse gehört. Nach seinen Angaben waren ein Café und ein japanisches Restaurant das Ziel der Schüsse.

            Rue de Charonne


            AFP

            Ähnliche Szenen spielen sich etwas weiter östlich in der Rue de Charonne ab, wo 18 Menschen getötet werden. Ein Mann berichtet, er habe „zwei, drei Minuten“ lang Schüsse gehört. Nach seinen Angaben waren ein Café und ein japanisches Restaurant das Ziel der Schüsse.


          Gerade war die Nachricht eingetroffen, dass die vier Terroristen mehr als 70 Konzertbesucher in den Tod rissen, bevor sie sich selbst töteten oder getötet wurden. Der Schock stand den Menschen ins Gesicht geschrieben. Vor allem junge Menschen suchen das Bataclan gerne auf, das einst nach einer Operette von Jacques Offenbach benannt wurde.

          Maschinengewehrfeuer im Restaurant

          An diesem Abend des Schreckens spielte eine Band namens „Eagles of Death Metal“. Der Tod ist nun in der Tat allgegenwärtig „In was für einem Land lebe ich eigentlich, ich habe Angst“, sagte eine junge Frau in einem nahegelegenen Café. Zwei junge Deutsche neben ihr erfuhren per Handy von der Empfehlung der französischen Behörden, nur auf die Straße zu gehen, wenn es absolut nötig sei. Sie lasen die Nachricht laut vor, schnell entstand ein Gespräch mit den Franzosen. Die beiden Deutschen waren eigentlich für ein U2-Konzert nach Paris gekommen und besuchten dabei auch das Fußballspiel der Nationalmannschaften im Stade de France. „Wir merkten gleich, dass diese Explosionen im Stadium keine normalen Detonationen waren“, berichtete einer. Das Spiel verließen sie vorzeitig und liefen den langen Weg in die Innenstadt per Fuß zurück. Denn zu diesem Zeitpunkt fuhr die Metro schon nicht mehr. Eine Freundin, die im Hotel geblieben war, versuchten sie am Telefon zu beruhigen.

          Ali, ein 44 Jahre alter Sicherheitsmann in einem Krankenhaus, blieb an diesem Abend seine Mission schuldig: für Sicherheit zu sorgen. Er wollte einfach nur ein Bierchen trinken und vor der Tür eine Zigarette rauchen, als er das Maschinengewehrfeuer am nahegelegen Restaurant „Petit Cambodge“ hörte. Sofort flüchtete er sich in eine Bar und harrte dort eine gute Stunde aus. „Diese Schüsse sind so laut, sie gehen dir durch Mark und Bein“. Vor dem Café streckten sie ein gutes Dutzend von Restaurantbesuchern nieder.

          Frankreich : Mehr als 120 Tote bei Serie von Anschlägen in Paris

          Hilfsaktionen auf Twitter

          Das Bürgermeisteramt des 11. Arrondissements nahm in seinen Räumen die Opfer mit psychologischen, nicht physischen Schäden auf. „Sammlung für die Flüchtlinge“ stand von einer früheren Aktion noch auf einem roten Plakat. Sanitäter brachten Decken und Wasserflaschen. Bald trafen die ersten befreiten Geiseln ein. Sie trugen goldene Aluminiumfolien gegen die Kälte. Manche erzählten den Reportern vom Horror: den wild um sich schießenden Terroristen, welche die Franzosen angeblich für ihr militärisches Eingreifen in Syrien bestrafen wollte, von ihrem angstvollen Warten auf die Befreiung, von den Leichen um sie herum.

          Terroristen töteten an diesem Schwarzen Freitag an sechs Orten mehr als 120 Menschen.  „Die Freiheit der Jugend, abends auszugehen, wollten die Attentäter bestimmt auch treffen. Paris zahlt einen hohen Preis, doch Paris bleibt aufrecht“, sagte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Teilweise kam es zu spontanen Solidaritätsaktionen: Auf Twitter boten etliche Pariser jenen Gestrandeten Übernachtungen an, die es wegen des unterbrochenen Nahverkehrs nicht mehr nach Hause schafften. Taxifahrer luden ihre Autos voll, wo sie sonst nur einen Fahrgast nehmen. Die Behörden warnten, dass an diesem Samstagmorgen unter Umständen noch nicht alle Terroristen außer Gefecht gesetzt waren.

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