https://www.faz.net/-gpf-8b468

IS-Propaganda im Netz : Die Sorge vor einem Online-Kalifat

Viele fallen auf IS-Propaganda im Netz herein: Terroristen nutzen soziale Medien und das Internet nicht nur zur Verbreitung ihrer Botschaften, sondern auch zur Koordination ihrer Anschläge. Bild: AP

Twitter und Facebook spielen bei der Rekrutierung von neuen Terroristen eine wichtige Rolle. Politiker wollen den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ deshalb auf das Netz ausweiten. Das Silicon Valley sträubt sich – zumindest offiziell.

          2 Min.

          Nach dem Attentat im kalifornischen San Bernadino tauchte auf Twitter unter dem Konto TurMedia335 folgender Kommentar auf: „Kalifornien, wir sind mit unseren Soldaten schon angekommen. Entscheide, wie du enden willst. Mit dem Messer oder der Bombe.“ Der Eintrag ist inzwischen nicht mehr zugänglich. Twitter hat ihn gesperrt, doch bisher zeigte die Geschichte, dass auf jede Sperrung unmittelbar ein neues Twitter-Konto auftaucht und die Rolle des alten übernimmt: Auf TurMedia333 folgte TurMedia334, darauf TurMedia335. TurMedia336 gibt es noch nicht, doch die Zuversicht, Twitter verhindere die Verbreitung von Terror-Botschaften erfolgreich, schwindet.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          In Twitter-Accounts, die den sogenannten Islamischen Staat (IS) unterstützten, wurden Spitzenmanager des Unternehmens persönlich verhöhnt. Twitter verliere den Krieg, hieß es dort. Die Botschaften wurden am 6. und 7. Dezember verbreitet, meldet SITE, eine Cybersecurity-Organisation, die islamische Terroristen im Internet aufspüren will. Twitter und Facebook spielen bei der Rekrutierung von Terroristen-Nachwuchs und für das Marketing eine wichtige Rolle. „Keine Website ist für die Terroristen wertvoller als Twitter“, sagt SITE-Expertin Rita Katz. „Viele ISIS-Kämpfer sind süchtig, sie tweeten selbst mitten im Gefecht.“ Sie spricht von einem Online-Kalifat.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Die Politik ist alarmiert. Präsident Brack Obama forderte in seiner Rede an die Nation die Chefs des Silicon Valley auf, sie müssten es schwerer für Terroristen machen, die Technik zu nutzen, um der Justiz zu entkommen. Noch deutlich schärfer wurde die demokratische Politikerin Hillary Clinton, die sich für die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei bewirbt. Sie forderte die kalifornischen Unternehmer auf, den Terrorismus genauso durcheinanderzubringen wie sie das mit dem Taxigewerbe getan hätten. „Wir müssen mehr Unterstützung von unseren Freunden im Technologie-Sektor bekommen“, verlangte Clinton. Den Terroristen müsse die Zuflucht im Cyberspace verwehrt werden. „Wenn wir in einem Krieg gegen den Terrorismus sind, müssen wir ihre Kommunikationsmittel abschalten“.

          Sicherheitsexperten sehen mit Sorge, wie Terroristen soziale Medien und das Internet nicht nur zur Verbreitung ihrer Botschaften nutzen, sondern auch zur Koordination ihrer Anschläge, wie etwa in Paris. Die heimlichen Botschaften werden mit schwer zu knackender Technik verschlüsselt. Deshalb forderte FBI-Chef James Comey, die entwickelte Verschlüsselungssoftware müsse eine Hintertür für die Ermittlungsbehörden offenlassen, um den Informationsaustausch unter Terroristen sehen zu können. Diese Forderung stieß auf heftigen Widerstand in der Internet-Gemeinde, nicht nur, weil sie die Meinungsfreiheit und informationelle Selbstbestimmung bedroht sehen. Eine „Hintertür“ ist wie eine Einladung an Hacker und macht damit die Verschlüsselungssoftware selbst schnell unnütz. Tatsächlich gibt es in der amerikanischen Regierung selbst einen Konflikt in diesem Thema. Denn das Außenministerium pocht darauf, dass gerade die Möglichkeit, seine Botschaften ohne Verfolgungsrisiko verbreiten zu können, wichtig sei für Dissidenten in Diktaturen. Ein anderes Problem für die Amerikaner ist, dass die Verschlüsselungstechnologie oft aus anderen Ländern kommt. Die Islamisten scheinen deutsche Software zu benutzen.

          Für die Vorstände des Silicon Valleys ist die Situation schwierig. Bisher haben sie die Ansinnen aus der Politik und von Ermittlern, ihnen Zugang zu persönlichen Daten zu verschaffen, zurückgewiesen. Apple-Chef Cook sprach sich in der Vergangenheit energisch dagegen aus, dass Apple-Kunden aus Rücksicht auf Sicherheitserwägungen Einschränkungen der Privatsphäre hinnehmen müssen. Und Eric Schmidt, Chairman der Alphabet-Holding, deren Tochter Google ist, sagte früher, die Regierung haben schon viele, viele Wege, um das zu bekommen, was sie wollten.

          Doch womöglich ist vieles davon Rhetorik. Es spricht einiges dafür, dass Twitter, Facebook und Google schon mehr Anstrengungen unternehmen, zumindest die Verbreitung von Terror-Botschaften zu verhindern. Sie tun das laut einem Agenturbericht aber diskret, um nicht die Aktivisten für ein freies Internet aufzuschrecken. Eric Schmidt hat seinen Kollegen jetzt aufgefordert, Schreibprogramme zu entwickeln, um Hassbotschaften und entsprechende Videos rechtzeitig zu identifizieren und zu liquidieren.

          Weitere Themen

          Plötzlich ist Trump doch für Masken

          Corona-Pandemie in Amerika : Plötzlich ist Trump doch für Masken

          Bislang weigerte sich Trump, eine Maske zum Schutz vor dem Coronavirus zu tragen. Jetzt erleben die Amerikaner bei ihrem Präsidenten einen Sinneswandel – der mit einem Rekord bei den täglichen Neuinfektionen zusammenhängen könnte.

          Ein Partner nach seinem Geschmack

          FAZ Plus Artikel: Trump und Polens Präsident : Ein Partner nach seinem Geschmack

          Donald Trump gewährt dem um die Wiederwahl kämpfenden Andrzej Duda einen gemeinsamen Auftritt im Weißen Haus. Der polnische Präsident darf sich aber nicht zu laut über die mögliche Truppenverlegung aus Deutschland in sein Land freuen.

          Topmeldungen

          Der Mann ohne Maske: Donald Trump im Mai mit dem obersten Immunologen Anthony Fauci (r.) und Deborah Birx, Koordinatorin der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses

          Corona-Pandemie in Amerika : Plötzlich ist Trump doch für Masken

          Bislang weigerte sich Trump, eine Maske zum Schutz vor dem Coronavirus zu tragen. Jetzt erleben die Amerikaner bei ihrem Präsidenten einen Sinneswandel – der mit einem Rekord bei den täglichen Neuinfektionen zusammenhängen könnte.
          Er hat die besten Aussichten, CDU-Vorsitzender zu werden, aber ist er auch der prädestinierte Kanzlerkandidat? Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

          CDU-Vorsitz und K-Frage : Muss Laschet weichen?

          Während Merkel auf der Europawolke schwebt, kommt der Wettbewerb um den CDU-Vorsitz wieder in Fahrt. Die bisherigen Kandidaten sehen dabei alle drei nicht sonderlich gut aus.
          Sigmar Gabriel, Bundesminister a. D.

          Fleischkonzern : Sigmar Gabriel als Berater von Tönnies bezahlt

          Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat nach Recherchen des ARD-Magazins „Panorama“ für den Fleischproduzenten Tönnies als Berater gearbeitet. Gabriel soll für seine Beratertätigkeit rund 10.000 Euro erhalten haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.