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Salafismus in Deutschland : Höflich, nett, Islamist

  • -Aktualisiert am

Erhan A. „Wir waren eine ganz normale Familie“ Bild: Yasemin Ergin

Erhan A. gab ein Interview, in dem er den Mund ziemlich voll nahm. Seither galt er als der „Salafist von Kempten“. Bayern ließ sich das nicht bieten und schob ihn in die Türkei ab. Jetzt beklagt sich die Mutter.

          Bedrohlich klingt es nicht gerade, das Bild, das Fatma A. von ihrem Sohn zeichnet. Er kam mit Ichthyose auf die Welt, einer seltenen Krankheit, die im Volksmund als „Fischschuppenkrankheit“ bezeichnet wird und die sich in schuppender, schmerzhaft entzündeter Haut äußert. Als Kind war er anfällig für Infektionen, durfte nur selten draußen spielen. Als Teenager interessierte er sich für Basketball, musste den Sport aber aufgeben, weil seine Haut von der Anstrengung aufriss. Von klein auf habe er sich minderwertig und ausgegrenzt gefühlt, sagt seine Mutter. Aus ihrer Sicht ist die Krankheit der Schlüssel zu vielem, was bei ihrem Erstgeborenen in den letzten Jahren schiefgelaufen ist: die Radikalisierung, die vielen dummen Entscheidungen, mit denen er als junger Erwachsener sein Leben ruinierte.

          Glaubt man der Mutter, so war Erhan A., der im Oktober 2014 nach einem Interview mit dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ als „Salafist von Kempten“ bekannt wurde, die meiste Zeit seines Lebens ein unauffälliger, höflicher Junge. Einer, der älteren Frauen die Einkaufstüten hochtrug und bei der Suche nach vermissten Katzen half. So bestätigen es auch Nachbarn in dem Hochhaus nahe der Kemptener Innenstadt, in dem Erhan aufwuchs. Der gleiche Junge, der später Hassvideos gegen Yeziden ins Netz stellte und die Enthauptungen von Geiseln durch den IS verteidigte.

          Ungerechtigkeit ins Vergessen geraten

          Fatma A. war 19 Jahre alt, als sie Erhan in der Türkei zur Welt brachte. Ihr Mann stammte wie sie aus der zentralanatolischen Stadt Kayseri, war aber in Kempten aufgewachsen. Nach der Geburt des Sohnes holte er Frau und Kind zu sich in die bayerische Kleinstadt. Die junge Frau fühlte sich von Anfang an wohl. Sie fand einen Job, freundete sich mit Nachbarn und Kollegen an, bekam im Laufe der Jahre noch zwei Töchter. Eine gut integrierte, ganz normale Familie seien sie gewesen, sagt Fatma A.

          Heute sitzt sie verbittert in ihrem mit weißen Lackmöbeln eingerichteten und mit Strass und Kristallglas dekorierten Wohnzimmer und fühlt sich verraten und im Stich gelassen von dem Land, das sie stets als Heimat betrachtet hatte. Die 43 Jahre alte Frau trägt ein lilafarbenes, geblümtes Shirt, dazu Jeans und ein lose gebundenes Kopftuch. Sie ist resolut, redet schnell und eloquent, widerspricht sich vor Aufregung aber oft. Mal sagt sie, sie wolle nicht, dass überhaupt noch über Erhan gesprochen werde, „sie sollen ihn in Ruhe lassen“, sagt sie. Dann wieder ärgert sie sich darüber, dass die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren sei, in Vergessenheit gerate. Sie will ihre Sicht der Dinge schildern, ihr Leid klagen, ihren Sohn, so gut es geht, rehabilitieren. Keine leichte Aufgabe.

          Vor Erhans Radikalisierung spielte der Islam keine große Rolle bei ihnen zu Hause. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie die Kinder muslimischer erzogen, sagt Fatma, ihr Mann aber habe das nicht zugelassen. Er kann mit Religion nichts anfangen, betet nicht, geht nie in die Moschee. Auch Erhan hatte wenig Interesse am Islam. Manchmal, wenn seine Haut mal wieder entzündet war und es ihm besonders schlecht ging, habe er sogar verkündet, nicht an einen Gott glauben zu wollen, der ihn so krank erschaffen habe.

          Moment der Erleuchtung

          Vor etwa drei Jahren begann er sich dann doch für den Islam zu interessieren. Erhan ging immer öfter in die Moschee, ließ sich einen Bart stehen, betete fünfmal am Tag. Fatma verstand nicht, wie es zu dem Gesinnungswandel kam, aber er störte sie auch nicht. Erhan hatte gerade sein Fachabitur abgeschlossen und ein Studium der Wirtschaftsinformatik begonnen, er hatte neue Freunde, mit denen er bis spät abends im Kemptener Hofgarten saß. Fatma, die ihren Sohn selbst als Erwachsenen noch behütete, ging nie schlafen, bevor er nicht zurück war und erlebte, wie er manchmal euphorisiert nach Hause kam. „Besser so, als wenn er sich betrinkt“, dachte sie sich.

          Bayrische Idylle: Das Elternhaus von Erhan A.

          Eines Nachts erzählte Erhan ihr von einem Moment der Erleuchtung: Einer seiner Freunde habe ihn überzeugt, dass es mehr Sinn mache, in diesem Leben auf Spaß zu verzichten und dafür auf ewig im Paradies zu leben. Dann sei es auch egal, wenn man jung sterbe. Fatma war noch immer nicht sonderlich alarmiert. Erst als er anfing, sich einen Turban um den Kopf zu wickeln, demonstrativ im Hofgarten zu beten und Korane zu verteilen, verstand sie, dass es ein Problem geben könnte.

          Sie und ihr Mann begannen, auf ihn einzureden. Erhan sah sich im Recht, machte seinem Vater Vorwürfe und verschloss sich seiner Mutter gegenüber immer mehr. Wenn sie sich nicht gerade stritten, verhielt er sich so still und unauffällig wie eh und je. Seine Schwestern habe er komplett in Frieden gelassen, sagt Fatma. Obwohl sie weder Kopftuch tragen noch beten.

          Mit zwei Schwestern in einem Zimmer

          Die Schwestern selbst kann man dazu nicht befragen, Fatma hat sie an diesem Nachmittag weggeschickt. Die beiden seien traumatisiert von dem Drama rund um ihren Bruder, sie schämten sich und hätten eine Abneigung gegen ihren Glauben entwickelt: „Der Islam ist schuld daran, dass Erhan in dieser Situation ist“, hätten sie zu ihr gesagt.

          Mit seinen 13 und 18 Jahre alten Schwestern teilte Erhan sich bis zum Schluss ein kleines Zimmer. Sicher kein Idealzustand, aber die Familie habe sich in der Wohnung wohl gefühlt, und die Kinder hätten kein Problem mit dem Arrangement gehabt, sagt die Mutter. Ein Blick in das kleine Zimmer mit den dicht aneinandergedrängten Betten genügt, um das zu bezweifeln. Dass ein junger Mann aus dieser Enge auszubrechen versucht, wirkt nachvollziehbar.

          Dringender Verdacht

          Je mehr die Leute über Erhan redeten, desto beunruhigter war die Mutter. In den Kemptener Moscheen bekamen er und seine Freunde schon bald Hausverbot. Die Gemeinden treffe damit eine Mitschuld am Schicksal ihres Sohnes, findet Fatma. Denn wenn sie ihn und seine Freunde nicht rausgeworfen hätten, dann hätten sie nicht im Park beten müssen und dann wären sie nicht so unangenehm aufgefallen und vielleicht auch nicht ins Visier von Polizei und Presse geraten. Sie knüpft viele solcher Argumentationsketten. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Ihr Sohn ist unschuldig. Und sie trägt an dem ganzen Unglück keine Verantwortung.

          Im November 2013 stand plötzlich die Polizei vor der Tür. Erhan war kurz vorher weggefahren. Die Beamten erzählten, sie hätten den dringenden Verdacht, dass er auf dem Weg nach Syrien sei. Fatma hatte Schwierigkeiten, das Gehörte zu begreifen. Vom IS hatte sie noch nie etwas gehört, und dass Erhan vorhaben könnte, nach Syrien auszureisen, war ihr keine Sekunde in den Sinn gekommen. „Weil ich nicht wusste, dass das überhaupt ein Thema war“, sagt sie.

          „Du verstehst den Islam nicht“

          Damals kam Erhan nicht viel weiter als bis in die Türkei. Seine Mutter ortete sein Handy und fand heraus, in welchem Hotel in Istanbul er sich aufhielt. Dann alarmierte sie ihre Geschwister im acht Autostunden entfernten Kayseri und die griffen Erhan am nächsten Morgen auf. Bis Februar 2014 blieb er bei seinen Verwandten, dann kam er zurück nach Kempten. Der Polizei erzählte er, er habe in Istanbul einfach nur Moscheen besichtigen wollen. Sie entzogen ihm den Pass und beobachteten ihn fortan noch intensiver.

          Auch seine Mutter kontrollierte ihn strenger als je zuvor. In seiner Abwesenheit hatte sie recherchiert und war entsetzt über das, was sie über den IS herausgefunden hatte. Sie versuchte Erhan unter Druck zu setzen, ihm den Umgang mit seinen Freunden zu verbieten. Sie strich ihm das Taschengeld, das er noch immer von ihr bekam. Sobald er mit Freunden wegfuhr, notierte sie sich das Kennzeichen und rief die Polizei an, damit diese hinterherfahren konnte. Immer wieder habe sie in Kauf genommen, dass ihr Sohn sich von ihr abwandte. „Du verstehst den Islam nicht“, habe er gesagt, „er gebietet uns, Ungläubige zu bekehren.“

          Yeziden verflucht

          Der Krieg in Syrien sei sein großes Thema gewesen. „Denk nicht nur an dich, anderswo weinen auch Mütter, wir müssen ihnen helfen“, habe er gesagt, wenn sie fragte, was er in Syrien wolle. Fatma klingt ein wenig stolz, wenn sie sich daran erinnert. Von Gewalt sei nie die Rede gewesen, fügt sie hinzu.

          Im Sommer 2014 ließ sie ihn dann doch aus den Augen. Ein lange geplanter Familienurlaub stand an, und Erhan hatte seinen Pass noch immer nicht zurück. Fatma bat die alte Frau, die früher schon auf ihre Kinder aufgepasst hatte, bei ihnen einzuziehen und Erhan im Auge zu behalten, erst dann flog sie schweren Herzens mit Mann und Töchtern in die Türkei. In ihrer Abwesenheit nahm das Unheil seinen Lauf.

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          Während die deutsche Oma im Wohnzimmer saß, nahm Erhan im Kinderzimmer nebenan ein Video auf, in dem er die religiöse Minderheit der Yeziden verfluchte, und lud das Video auf Youtube hoch. Er traf sich mit den Journalisten des „SZ-Magazins“ und ließ sich von einem Team des ARD-Politmagazins „Monitor“ beim Beten im Park filmen.

          Blitzabschiebung in die Türkei

          Was er sich von diesen Interviews versprochen hat, darüber kann seine Mutter nur spekulieren. Sie vermutet, dass er vorgeschickt wurde, von denen, „die ihn steuerten“. Es bleibt unklar, wen sie damit meint. Nicht seine Freunde aus der Kemptener Salafisten-Szene, sondern dubiose Unbekannte von außerhalb, die ihm und den anderen das Gehirn wuschen. Sie hätten wohl gemerkt, wie „mutig“ Erhan gewesen sei, und ihn benutzt, um den deutschen IS-Anhängern ein Gesicht zu geben. Und Erhan habe diese Aufgabe wohl gerne übernommen, weil er sich endlich mal stark fühlen wollte. Oder weil er dachte, dass es dem Islam nützen könnte. Oder beides.

          Auf den Fotos, die im „SZ-Magazin“ veröffentlicht wurden, schaut Erhan trotzig in die Kamera. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und eine schwarze Mütze, beides bedruckt mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Kurz nach Erscheinen des Interviews stuften die bayerischen Behörden den jungen Studenten als gefährlich für die öffentliche Sicherheit ein. Sie nahmen ihn fest und schoben ihn per Blitzaktion in die Türkei ab.

          Schwarzes Kopftuch und Camouflage-Anzug

          Seine Mutter klagte in Deutschland gegen seine Abschiebung, während er in der Türkei bei Verwandten ausharrte. Etliche Monate später, nachdem das Verwaltungsgericht in Augsburg die Abschiebung für rechtens erklärt hatte, verschwand Erhan. Im Juni 2015 meldete er sich per Facebook aus Syrien. Er sei glücklich dort, schrieb er. Dem IS oder einer anderen terroristischen Organisation habe er sich nicht angeschlossen, er wolle nur helfen.

          „Jetzt ist er da in Syrien, mitten im Dreck, ohne seine Medikamente, ohne einen Arzt in der Nähe“, klagt seine Mutter. Seit über einem Jahr hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen. Aber sie stehen in regelmäßigem Kontakt, schreiben sich täglich über whatsapp. Zum Beispiel:

          Fatma A.: „Vergiss nicht, deine Vitamine zu nehmen.“

          Erhan A.: „Ach, ist doch egal.“

          Ein anderes Mal hat er ihr ein Foto von dem ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi geschickt. „Ein syrisches Kind, ertrunken in Bodrum. Um diesen Menschen zu helfen, sind wir hier“, schreibt er. Er verteile in Syrien Spenden von türkischen Hilfsorganisationen. Wo genau er sei, will er ihr nicht verraten. Vor einer Weile hat er ihr ein Foto geschickt, er steht in einer staubigen, undefinierbaren Landschaft, in einem Camouflage-Anzug, mit schwarzem Tuch um den Kopf und verwegenem Blick. Auf Facebook behaupte er manchmal, dass er in Damaskus sei, sagt seine Mutter, sie wisse aber, dass das nicht stimmt. Er sei nahe der türkischen Grenze, sein türkisches Handy sei immer an, manchmal telefonierten sie sogar.

          Krank vor Sorge

          Hin und wieder ist Erhan auch auf Facebook aktiv. Dort wettert er dann schon mal über den „Islamischen Staat“, von dem er sich schon Ende 2014 distanziert hat. Ob aus Kalkül oder weil er sich wirklich eines Besseren besonnen hat, das weiß nur er selbst. Vieles deutet darauf hin, dass er wirklich nicht bei der straff organisierten und seine Mitglieder streng kontrollierenden Terrormiliz gelandet ist, sondern sich wirklich im türkisch-syrischen Grenzgebiet aufhält.

          Fatma ist dennoch krank vor Sorge. Und wütend. Nicht auf ihren Sohn, der sich im Interview nicht nur zum „Islamischen Staat“ bekannt hatte, sondern auch zu Protokoll gab, er würde, wenn nötig, auch seine Eltern töten. Auch nicht auf diejenigen, die ihn angeblich beeinflusst und radikalisiert hätten. Stattdessen hadert sie mit den Journalisten - und vor allem mit der bayerischen Staatsregierung.

          Fragwürdige Abschiebung

          Eine reine Machtdemonstration Bayerns sei die Abschiebung gewesen, davon ist Fatma überzeugt. Zum Bauernopfer habe man ihren Sohn gemacht, weil er als einziger aus der Kempter Islamisten-Szene keinen deutschen Pass gehabt habe. Erhans Freunde, die genauso tickten wie er, lebten noch immer unbehelligt in Deutschland. Nicht mal die Pässe hätte man ihnen abgenommen. Fatma sagt, sie habe kein Vertrauen mehr in den deutschen Rechtsstaat.

          Dass Bayerns Innenminister erst nach der Veröffentlichung eines Interviews Maßnahmen gegen den polizeibekannten Islamisten Erhan ergriff, darüber haben sich auch andere gewundert. Auch die Abschiebung eines in Deutschland sozialisierten jungen Mannes in das Heimatland seiner Eltern ist fragwürdig - selbst das Gericht, das über seine Abschiebung entschied, bezeichnete ihn als „faktisch Deutschen“. Dass er auf dem Papier noch immer türkischer Staatsbürger war, machte es den Bayern aber leicht, sich Erhan vom Hals zu schaffen. Obwohl er nicht vorbestraft war und es keine konkreten Hinweise darauf gab, dass er eine Gewalttat plante.

          Verhängnisvoller Satz

          Auf Kritik stößt auch, dass Erhan just in der Woche abgeschoben wurde, in der Bundesinnenminister Thomas de Maizière angekündigt hatte, die Ausreise verdächtiger Islamisten mit schärferen Gesetzen unterbinden zu wollen, um den „Dschihad-Tourismus“ aus Deutschland in arabische Länder zu unterbinden. Das war auch als Konsequenz an der Kritik aus der Türkei verstanden worden, die sich darüber beschwerte, dass die Bundesrepublik die Ausreise junger Islamisten offenbar in Kauf nahm. Erhan reiste aber gar nicht aus, er wurde von Bayern dorthin abgeschoben. Die Opposition spießte diesen Widerspruch gerne auf, die Grünen sprachen von „Terror-Export auf Staatskosten“. Joachim Herrmann nahm die Kritik gelassen: Jemand, der seinen Eltern mit Mord drohe, habe in Bayern nichts verloren.

          Fatma fühlt sich nicht als Opfer ihres Sohnes, sondern der bayerischen Regierung. Dass immer wieder auf dieser einen Aussage ihres Sohnes herumgeritten wird und dass sogar seine Abschiebung damit begründet wurde, das kann sie kaum ertragen: „Wenn sie sich so um uns sorgten, warum haben sie uns dann nicht schon viel eher gewarnt, sie haben ihn doch schon vorher beobachtet? Warum haben die Journalisten uns nicht direkt nach dem Interview benachrichtigt, wenn sie seine Aussagen so ernst genommen haben? Warum haben wir erst Wochen später erfahren müssen, dass wir in Gefahr vor unserem eigenen Sohn waren?“

          Straßenszene im zerstörten Damaskus

          Erhan lieferte sowohl auf Facebook als auch in einem späteren Interview eine verschwurbelte Erklärung dafür, wie er den verhängnisvollen Satz gemeint haben will. Irgendwie „theoretisch“, bezogen auf eine hypothetische Situation, in der „Heiliger Krieg“ herrsche und in der er auf der einen und seine Eltern auf der anderen Seite kämpften. Oder so. Der Mutter reicht das als Erklärung, sie klammert sich daran und tröstet sich damit.

          „Möge Allah dich vernichten“

          Das Schlimmste für sie ist, dass sich nach Erhans Abschiebung plötzlich keiner mehr dafür interessierte, wie es seinen Eltern geht. „Alle haben plötzlich so hämisch und schadenfroh über ihn berichtet, sie haben sich über ihn lustig gemacht, keiner hat gefragt, wie wir und unsere Kinder damit klarkommen“, sagt sie mit sich überschlagender Stimme.

          Einer der Menschen, die ihrem Sohn ihrer Ansicht nach besonders übel mitgespielt hätten, ist der FDP-Politiker Tobias Huch. „Dieser Mann“, sagt sie verächtlich, „er hat Erhan angezeigt. Dabei hatten sie ihn doch eh schon rausgeworfen, sie waren ihn los, warum konnten sie ihn nicht in Ruhe lassen?“ Tatsächlich hatte Erhan nach seiner Abschiebung den FDP-Politiker auf Facebook attackiert, weil Huch Mohammed-Karikaturen auf seiner Seite veröffentlicht hatte. „Möge Allah dich vernichten“, schrieb Erhan Huch auf die Seite, und „ich hoffe, dass du von irgendwelchen Muslimen auf der Straße gefunden wirst.“

          Hilfspakete in Syrien

          Dass es ziemlich dumm von ihrem Sohn war, einen Politiker öffentlich zu bedrohen, noch während der Prozess lief, in dem über seine Abschiebung entschieden wurde, das gibt auch Fatma zu. Sie habe ihn sofort angerufen und zur Rede gestellt, sagt sie, und Erhan habe sich verteidigt. „Die anderen haben angefangen“, das seien seine Worte gewesen. Ständig würden sie ihn beleidigen, die Politiker und Journalisten aus Deutschland, er reagiere nur darauf. Er sei verletzt und trotzig, so die Mutter, und sie könne das sogar verstehen, wie sie offenbar so vieles andere versteht.

          Einige Tage nach den Attentaten von Paris meldet Fatma A. sich noch einmal. Erhan habe ihr geschrieben, er glaube nicht, dass der „Islamische Staat“ dahinterstecke, verdamme die Anschläge aber auf jeden Fall. Vor allem, weil die jetzt wieder die Feinde des Islams bestärken würden. Sie leitet ein Foto weiter, das Erhan ihr kürzlich „von der Arbeit“ geschickt habe. Er verteile noch immer Hilfspakete in Syrien. Auf dem Foto sieht man Kartons mit dem Aufdruck der türkischen Hilfsorganisation „Roter Halbmond“.

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