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Salafismus in Deutschland : Höflich, nett, Islamist

  • -Aktualisiert am

Verhängnisvoller Satz

Auf Kritik stößt auch, dass Erhan just in der Woche abgeschoben wurde, in der Bundesinnenminister Thomas de Maizière angekündigt hatte, die Ausreise verdächtiger Islamisten mit schärferen Gesetzen unterbinden zu wollen, um den „Dschihad-Tourismus“ aus Deutschland in arabische Länder zu unterbinden. Das war auch als Konsequenz an der Kritik aus der Türkei verstanden worden, die sich darüber beschwerte, dass die Bundesrepublik die Ausreise junger Islamisten offenbar in Kauf nahm. Erhan reiste aber gar nicht aus, er wurde von Bayern dorthin abgeschoben. Die Opposition spießte diesen Widerspruch gerne auf, die Grünen sprachen von „Terror-Export auf Staatskosten“. Joachim Herrmann nahm die Kritik gelassen: Jemand, der seinen Eltern mit Mord drohe, habe in Bayern nichts verloren.

Fatma fühlt sich nicht als Opfer ihres Sohnes, sondern der bayerischen Regierung. Dass immer wieder auf dieser einen Aussage ihres Sohnes herumgeritten wird und dass sogar seine Abschiebung damit begründet wurde, das kann sie kaum ertragen: „Wenn sie sich so um uns sorgten, warum haben sie uns dann nicht schon viel eher gewarnt, sie haben ihn doch schon vorher beobachtet? Warum haben die Journalisten uns nicht direkt nach dem Interview benachrichtigt, wenn sie seine Aussagen so ernst genommen haben? Warum haben wir erst Wochen später erfahren müssen, dass wir in Gefahr vor unserem eigenen Sohn waren?“

Straßenszene im zerstörten Damaskus

Erhan lieferte sowohl auf Facebook als auch in einem späteren Interview eine verschwurbelte Erklärung dafür, wie er den verhängnisvollen Satz gemeint haben will. Irgendwie „theoretisch“, bezogen auf eine hypothetische Situation, in der „Heiliger Krieg“ herrsche und in der er auf der einen und seine Eltern auf der anderen Seite kämpften. Oder so. Der Mutter reicht das als Erklärung, sie klammert sich daran und tröstet sich damit.

„Möge Allah dich vernichten“

Das Schlimmste für sie ist, dass sich nach Erhans Abschiebung plötzlich keiner mehr dafür interessierte, wie es seinen Eltern geht. „Alle haben plötzlich so hämisch und schadenfroh über ihn berichtet, sie haben sich über ihn lustig gemacht, keiner hat gefragt, wie wir und unsere Kinder damit klarkommen“, sagt sie mit sich überschlagender Stimme.

Einer der Menschen, die ihrem Sohn ihrer Ansicht nach besonders übel mitgespielt hätten, ist der FDP-Politiker Tobias Huch. „Dieser Mann“, sagt sie verächtlich, „er hat Erhan angezeigt. Dabei hatten sie ihn doch eh schon rausgeworfen, sie waren ihn los, warum konnten sie ihn nicht in Ruhe lassen?“ Tatsächlich hatte Erhan nach seiner Abschiebung den FDP-Politiker auf Facebook attackiert, weil Huch Mohammed-Karikaturen auf seiner Seite veröffentlicht hatte. „Möge Allah dich vernichten“, schrieb Erhan Huch auf die Seite, und „ich hoffe, dass du von irgendwelchen Muslimen auf der Straße gefunden wirst.“

Hilfspakete in Syrien

Dass es ziemlich dumm von ihrem Sohn war, einen Politiker öffentlich zu bedrohen, noch während der Prozess lief, in dem über seine Abschiebung entschieden wurde, das gibt auch Fatma zu. Sie habe ihn sofort angerufen und zur Rede gestellt, sagt sie, und Erhan habe sich verteidigt. „Die anderen haben angefangen“, das seien seine Worte gewesen. Ständig würden sie ihn beleidigen, die Politiker und Journalisten aus Deutschland, er reagiere nur darauf. Er sei verletzt und trotzig, so die Mutter, und sie könne das sogar verstehen, wie sie offenbar so vieles andere versteht.

Einige Tage nach den Attentaten von Paris meldet Fatma A. sich noch einmal. Erhan habe ihr geschrieben, er glaube nicht, dass der „Islamische Staat“ dahinterstecke, verdamme die Anschläge aber auf jeden Fall. Vor allem, weil die jetzt wieder die Feinde des Islams bestärken würden. Sie leitet ein Foto weiter, das Erhan ihr kürzlich „von der Arbeit“ geschickt habe. Er verteile noch immer Hilfspakete in Syrien. Auf dem Foto sieht man Kartons mit dem Aufdruck der türkischen Hilfsorganisation „Roter Halbmond“.

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