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Salafismus in Deutschland : Höflich, nett, Islamist

  • -Aktualisiert am

Schwarzes Kopftuch und Camouflage-Anzug

Seine Mutter klagte in Deutschland gegen seine Abschiebung, während er in der Türkei bei Verwandten ausharrte. Etliche Monate später, nachdem das Verwaltungsgericht in Augsburg die Abschiebung für rechtens erklärt hatte, verschwand Erhan. Im Juni 2015 meldete er sich per Facebook aus Syrien. Er sei glücklich dort, schrieb er. Dem IS oder einer anderen terroristischen Organisation habe er sich nicht angeschlossen, er wolle nur helfen.

„Jetzt ist er da in Syrien, mitten im Dreck, ohne seine Medikamente, ohne einen Arzt in der Nähe“, klagt seine Mutter. Seit über einem Jahr hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen. Aber sie stehen in regelmäßigem Kontakt, schreiben sich täglich über whatsapp. Zum Beispiel:

Fatma A.: „Vergiss nicht, deine Vitamine zu nehmen.“

Erhan A.: „Ach, ist doch egal.“

Ein anderes Mal hat er ihr ein Foto von dem ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi geschickt. „Ein syrisches Kind, ertrunken in Bodrum. Um diesen Menschen zu helfen, sind wir hier“, schreibt er. Er verteile in Syrien Spenden von türkischen Hilfsorganisationen. Wo genau er sei, will er ihr nicht verraten. Vor einer Weile hat er ihr ein Foto geschickt, er steht in einer staubigen, undefinierbaren Landschaft, in einem Camouflage-Anzug, mit schwarzem Tuch um den Kopf und verwegenem Blick. Auf Facebook behaupte er manchmal, dass er in Damaskus sei, sagt seine Mutter, sie wisse aber, dass das nicht stimmt. Er sei nahe der türkischen Grenze, sein türkisches Handy sei immer an, manchmal telefonierten sie sogar.

Krank vor Sorge

Hin und wieder ist Erhan auch auf Facebook aktiv. Dort wettert er dann schon mal über den „Islamischen Staat“, von dem er sich schon Ende 2014 distanziert hat. Ob aus Kalkül oder weil er sich wirklich eines Besseren besonnen hat, das weiß nur er selbst. Vieles deutet darauf hin, dass er wirklich nicht bei der straff organisierten und seine Mitglieder streng kontrollierenden Terrormiliz gelandet ist, sondern sich wirklich im türkisch-syrischen Grenzgebiet aufhält.

Fatma ist dennoch krank vor Sorge. Und wütend. Nicht auf ihren Sohn, der sich im Interview nicht nur zum „Islamischen Staat“ bekannt hatte, sondern auch zu Protokoll gab, er würde, wenn nötig, auch seine Eltern töten. Auch nicht auf diejenigen, die ihn angeblich beeinflusst und radikalisiert hätten. Stattdessen hadert sie mit den Journalisten - und vor allem mit der bayerischen Staatsregierung.

Fragwürdige Abschiebung

Eine reine Machtdemonstration Bayerns sei die Abschiebung gewesen, davon ist Fatma überzeugt. Zum Bauernopfer habe man ihren Sohn gemacht, weil er als einziger aus der Kempter Islamisten-Szene keinen deutschen Pass gehabt habe. Erhans Freunde, die genauso tickten wie er, lebten noch immer unbehelligt in Deutschland. Nicht mal die Pässe hätte man ihnen abgenommen. Fatma sagt, sie habe kein Vertrauen mehr in den deutschen Rechtsstaat.

Dass Bayerns Innenminister erst nach der Veröffentlichung eines Interviews Maßnahmen gegen den polizeibekannten Islamisten Erhan ergriff, darüber haben sich auch andere gewundert. Auch die Abschiebung eines in Deutschland sozialisierten jungen Mannes in das Heimatland seiner Eltern ist fragwürdig - selbst das Gericht, das über seine Abschiebung entschied, bezeichnete ihn als „faktisch Deutschen“. Dass er auf dem Papier noch immer türkischer Staatsbürger war, machte es den Bayern aber leicht, sich Erhan vom Hals zu schaffen. Obwohl er nicht vorbestraft war und es keine konkreten Hinweise darauf gab, dass er eine Gewalttat plante.

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