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Salafismus in Deutschland : Höflich, nett, Islamist

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„Du verstehst den Islam nicht“

Damals kam Erhan nicht viel weiter als bis in die Türkei. Seine Mutter ortete sein Handy und fand heraus, in welchem Hotel in Istanbul er sich aufhielt. Dann alarmierte sie ihre Geschwister im acht Autostunden entfernten Kayseri und die griffen Erhan am nächsten Morgen auf. Bis Februar 2014 blieb er bei seinen Verwandten, dann kam er zurück nach Kempten. Der Polizei erzählte er, er habe in Istanbul einfach nur Moscheen besichtigen wollen. Sie entzogen ihm den Pass und beobachteten ihn fortan noch intensiver.

Auch seine Mutter kontrollierte ihn strenger als je zuvor. In seiner Abwesenheit hatte sie recherchiert und war entsetzt über das, was sie über den IS herausgefunden hatte. Sie versuchte Erhan unter Druck zu setzen, ihm den Umgang mit seinen Freunden zu verbieten. Sie strich ihm das Taschengeld, das er noch immer von ihr bekam. Sobald er mit Freunden wegfuhr, notierte sie sich das Kennzeichen und rief die Polizei an, damit diese hinterherfahren konnte. Immer wieder habe sie in Kauf genommen, dass ihr Sohn sich von ihr abwandte. „Du verstehst den Islam nicht“, habe er gesagt, „er gebietet uns, Ungläubige zu bekehren.“

Yeziden verflucht

Der Krieg in Syrien sei sein großes Thema gewesen. „Denk nicht nur an dich, anderswo weinen auch Mütter, wir müssen ihnen helfen“, habe er gesagt, wenn sie fragte, was er in Syrien wolle. Fatma klingt ein wenig stolz, wenn sie sich daran erinnert. Von Gewalt sei nie die Rede gewesen, fügt sie hinzu.

Im Sommer 2014 ließ sie ihn dann doch aus den Augen. Ein lange geplanter Familienurlaub stand an, und Erhan hatte seinen Pass noch immer nicht zurück. Fatma bat die alte Frau, die früher schon auf ihre Kinder aufgepasst hatte, bei ihnen einzuziehen und Erhan im Auge zu behalten, erst dann flog sie schweren Herzens mit Mann und Töchtern in die Türkei. In ihrer Abwesenheit nahm das Unheil seinen Lauf.

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Während die deutsche Oma im Wohnzimmer saß, nahm Erhan im Kinderzimmer nebenan ein Video auf, in dem er die religiöse Minderheit der Yeziden verfluchte, und lud das Video auf Youtube hoch. Er traf sich mit den Journalisten des „SZ-Magazins“ und ließ sich von einem Team des ARD-Politmagazins „Monitor“ beim Beten im Park filmen.

Blitzabschiebung in die Türkei

Was er sich von diesen Interviews versprochen hat, darüber kann seine Mutter nur spekulieren. Sie vermutet, dass er vorgeschickt wurde, von denen, „die ihn steuerten“. Es bleibt unklar, wen sie damit meint. Nicht seine Freunde aus der Kemptener Salafisten-Szene, sondern dubiose Unbekannte von außerhalb, die ihm und den anderen das Gehirn wuschen. Sie hätten wohl gemerkt, wie „mutig“ Erhan gewesen sei, und ihn benutzt, um den deutschen IS-Anhängern ein Gesicht zu geben. Und Erhan habe diese Aufgabe wohl gerne übernommen, weil er sich endlich mal stark fühlen wollte. Oder weil er dachte, dass es dem Islam nützen könnte. Oder beides.

Auf den Fotos, die im „SZ-Magazin“ veröffentlicht wurden, schaut Erhan trotzig in die Kamera. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und eine schwarze Mütze, beides bedruckt mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Kurz nach Erscheinen des Interviews stuften die bayerischen Behörden den jungen Studenten als gefährlich für die öffentliche Sicherheit ein. Sie nahmen ihn fest und schoben ihn per Blitzaktion in die Türkei ab.

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