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Salafismus in Deutschland : Höflich, nett, Islamist

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Moment der Erleuchtung

Vor etwa drei Jahren begann er sich dann doch für den Islam zu interessieren. Erhan ging immer öfter in die Moschee, ließ sich einen Bart stehen, betete fünfmal am Tag. Fatma verstand nicht, wie es zu dem Gesinnungswandel kam, aber er störte sie auch nicht. Erhan hatte gerade sein Fachabitur abgeschlossen und ein Studium der Wirtschaftsinformatik begonnen, er hatte neue Freunde, mit denen er bis spät abends im Kemptener Hofgarten saß. Fatma, die ihren Sohn selbst als Erwachsenen noch behütete, ging nie schlafen, bevor er nicht zurück war und erlebte, wie er manchmal euphorisiert nach Hause kam. „Besser so, als wenn er sich betrinkt“, dachte sie sich.

Bayrische Idylle: Das Elternhaus von Erhan A.

Eines Nachts erzählte Erhan ihr von einem Moment der Erleuchtung: Einer seiner Freunde habe ihn überzeugt, dass es mehr Sinn mache, in diesem Leben auf Spaß zu verzichten und dafür auf ewig im Paradies zu leben. Dann sei es auch egal, wenn man jung sterbe. Fatma war noch immer nicht sonderlich alarmiert. Erst als er anfing, sich einen Turban um den Kopf zu wickeln, demonstrativ im Hofgarten zu beten und Korane zu verteilen, verstand sie, dass es ein Problem geben könnte.

Sie und ihr Mann begannen, auf ihn einzureden. Erhan sah sich im Recht, machte seinem Vater Vorwürfe und verschloss sich seiner Mutter gegenüber immer mehr. Wenn sie sich nicht gerade stritten, verhielt er sich so still und unauffällig wie eh und je. Seine Schwestern habe er komplett in Frieden gelassen, sagt Fatma. Obwohl sie weder Kopftuch tragen noch beten.

Mit zwei Schwestern in einem Zimmer

Die Schwestern selbst kann man dazu nicht befragen, Fatma hat sie an diesem Nachmittag weggeschickt. Die beiden seien traumatisiert von dem Drama rund um ihren Bruder, sie schämten sich und hätten eine Abneigung gegen ihren Glauben entwickelt: „Der Islam ist schuld daran, dass Erhan in dieser Situation ist“, hätten sie zu ihr gesagt.

Mit seinen 13 und 18 Jahre alten Schwestern teilte Erhan sich bis zum Schluss ein kleines Zimmer. Sicher kein Idealzustand, aber die Familie habe sich in der Wohnung wohl gefühlt, und die Kinder hätten kein Problem mit dem Arrangement gehabt, sagt die Mutter. Ein Blick in das kleine Zimmer mit den dicht aneinandergedrängten Betten genügt, um das zu bezweifeln. Dass ein junger Mann aus dieser Enge auszubrechen versucht, wirkt nachvollziehbar.

Dringender Verdacht

Je mehr die Leute über Erhan redeten, desto beunruhigter war die Mutter. In den Kemptener Moscheen bekamen er und seine Freunde schon bald Hausverbot. Die Gemeinden treffe damit eine Mitschuld am Schicksal ihres Sohnes, findet Fatma. Denn wenn sie ihn und seine Freunde nicht rausgeworfen hätten, dann hätten sie nicht im Park beten müssen und dann wären sie nicht so unangenehm aufgefallen und vielleicht auch nicht ins Visier von Polizei und Presse geraten. Sie knüpft viele solcher Argumentationsketten. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Ihr Sohn ist unschuldig. Und sie trägt an dem ganzen Unglück keine Verantwortung.

Im November 2013 stand plötzlich die Polizei vor der Tür. Erhan war kurz vorher weggefahren. Die Beamten erzählten, sie hätten den dringenden Verdacht, dass er auf dem Weg nach Syrien sei. Fatma hatte Schwierigkeiten, das Gehörte zu begreifen. Vom IS hatte sie noch nie etwas gehört, und dass Erhan vorhaben könnte, nach Syrien auszureisen, war ihr keine Sekunde in den Sinn gekommen. „Weil ich nicht wusste, dass das überhaupt ein Thema war“, sagt sie.

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