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Russlands Einsatz in Syrien : Entspannung unerwünscht

Ein russischer TU-22-Bomber, hier aufgenommen von einem Begleitflugzeug über Syrien, wirft seine Bombenlast ab. Bild: Reuters

Im „Kampf gegen den Terror“ geht Russland gnadenlos vor. Zum Opfer fallen Putins Strategie nicht nur eigene Soldaten und syrische Zivilisten. Auch die russische Bevölkerung spürt Auswirkungen des Konflikts.

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          Russland führt seinen „Kampf gegen den Terror“ brutal und ohne Rücksicht auf Verluste – auch nicht auf eigene. Das zeigen jüngste Berichte über den Einsatz in Syrien und das Zerwürfnis mit der Türkei. Sie verdeutlichen zudem neuerlich das russische Führungsprinzip, nachdem Präsident Wladimir Putin in unfehlbarem Ratschluss den Kurs vorgibt, während Politik und Staatsmedien noch jede erratische Volte feiern.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich auf ein Netz von Aktivisten im Land stützt, zog am Montag eine vorläufige Bilanz der russischen Luftangriffe. Dadurch sind demnach seit Ende September in Syrien mehr als 1500 Menschen getötet worden. Unter ihnen 419 Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS), 598 Kämpfer anderer aufständischer Gruppen und 485 Zivilisten. Das ist folgerichtig: Während sich Moskau als Partner im Kampf gegen den IS anbietet, greift die russische Luftwaffe weniger Ziele im vom IS dominierten Osten Syriens an, sondern vor allem Gegner, die den Verbündeten Baschar al Assad im Westen des Landes bedrängen.

          Die Ziele gehören aus russischer Sicht grundsätzlich zu „Terroristen“, ob diese nun für die Al-Nusra-Front, die Freie Syrische Armee oder die von der Türkei unterstützten Turkmenischen Brigaden kämpfen. Die hohe Zahl der zivilen Opfer erklärt sich auch durch die Wahl der Waffen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf Moskau schon Mitte Oktober vor, sogenannte Vakuumbomben einzusetzen. Erst am Sonntag wurden Dutzende Menschen bei einem angeblich russischen Luftangriff auf einen Marktplatz in Ariha in der Provinz Idlib getötet, bei dem laut Aktivisten Streubomben eingesetzt wurden.

          „Werden die Terroristen an jeder Ecke des Planeten finden“

          Manche fühlen sich durch die Brutalität der russischen Angriffe an den zweiten Tschetschenien-Krieg erinnert, mit dem sich Putin vor seiner ersten Präsidentschaft als harter Entscheider profilierte. Im September 1999 versprach der damalige Ministerpräsident, „Terroristen“ überallhin zu verfolgen, wenn man sie auf der Toilette erwische, „werden wir sie auch dort abknallen“. Dasselbe Prinzip soll nun für Syrien und darüber hinaus gelten: Nachdem Putin nach den Anschlägen von Paris auch den Absturz des russischen Passagierflugzeugs Ende Oktober über dem Sinai auf den IS zurückführen ließ, versprach er, die Terroristen „überall zu suchen, wo sie sich auch verstecken“, man werde sie „an jeder Ecke des Planeten finden und bestrafen“.

          Ein Jahr ist es her: Bestes Einvernehmen der Herren Putin und Erdogan

          Um Russland dann auch vor der eigenen Öffentlichkeit in die Riege der Opfer islamistischen Terrors einzureihen, brachte das Staatsfernsehen seinerzeit mehrfach Bilder der – dem IS zugeschriebenen – Selbstmordanschläge auf eine Friedensdemonstration in Ankara, denen im Oktober mehr als hundert Menschen zum Opfer fielen. Es ist auch gerade erst ein Jahr her, dass im Gasgeschäft ein neuer Coup Putins im Duett mit Ankara gefeiert wurde. Noch am 16. November berichteten die russischen Staatsmedien von außergewöhnlich erfolgreichen Gesprächen Putins mit Präsident Recep Tayyip Erdogan am Rande des G-20-Gipfels in der Türkei. All das ist nun Vergangenheit, die Bilder der türkischen Terroropfer verschwunden. Stattdessen sind die Türkei, Erdogan und dessen Kinder nach dem Abschuss des russischen Su-24-Jagdbombers plötzlich zu „Komplizen“ des IS geworden. Entspannung ist vorerst unerwünscht.

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