https://www.faz.net/-gpf-8adn8

Razzia von Saint Denis : Tod nach sieben Stunden Feuergefecht

Die Polizei auf Kontrollgang in Saint Denis am Donnerstag Bild: dpa

Nun steht es fest: Spezialkräfte der Polizei haben den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge in Paris erschossen. Bei der Suche nach Abdelhamid Abaaoud konnten Europas Geheimdienste offenbar nicht helfen – ein Hinweis kam von anderer Seite.

          3 Min.

          Das war die Nachricht, die Frankreich herbeigesehnt hat, denn im Krieg gegen den Terror haben die französischen Sicherheitskräfte nun zumindest eine Schlacht gewonnen: Der mutmaßliche Drahtzieher der Pariser Attentate vom vergangenen Freitag, der 28 Jahre alte Belgier Abdelhamid Abaaoud, ist beim gestrigen Feuergefecht in der Vorstadt Saint-Denis getötet worden, wie der französische Staatsanwalt am Donnerstag mitteilte. Seine Leiche war so von Kugeln durchlöchert gewesen, dass die Identifizierung mehr als 24 Stunden dauerte. Am Nachmittag teilte Staatsanwalt François Molins die Identität des Getöteten dann mit. Der französische Premierminister Manuel Valls lobte kurz darauf in der Nationalversammlung „die außergewöhnliche Arbeit der Geheimdienste und der Polizei“.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bei weiteren Razzien in Brüssel sind zudem am Donnerstag neun Verdächtige festgenommen worden. Sieben der Festgenommenen seien im  Zusammenhang mit dem Pariser Selbstmordattentäter Bilal Hadfi festgenommen worden, teilte die belgische Staatsanwaltschaft mit. Die anderen beiden Festnahmen stünden in einem weiteren Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen vom Freitag vergangener Woche.

          Siebenstündiges Gefecht

          In einem siebenstündigen Feuergefecht, das in der Nacht zum Mittwoch kurz nach vier Uhr mit den in einer Wohnung verschanzten Terroristen begann, hatte die Spezialeinheit der Polizei, Raid, rund 5000 Kugeln verschossen, wie die Polizei später berichtete. Zwei Terroristen waren dabei getötet und acht festgenommen worden. An mehreren Stellen des vierstöckigen Hauses waren die Böden während des Gefechtes eingebrochen. Das Gebäude gilt seither als einsturzgefährdet.

          Neben Abaaoud befand sich darunter eine Frau, die sich als Selbstmord-Attentäterin in die Luft gejagt hatte. Die Identität der Frau, die sich bei der Razzia in die Luft gesprengt hat, ist weiterhin unklar. Englische Zeitungen berichten unter Berufung auf französische Medien, bei der Frau handele es sich um die 26 Jahre alte Hasna Ait Boulahcen. Weiterhin wird gemutmaßt, sie könne die Cousine des bei der Razzia getöteten Abaaoud sein. Den Berichten zufolge, soll Boulahcen zwar in Paris geboren sein, jedoch marokkanische Wurzeln haben und in ihrer Jugend ein lebhaftes Mädchen gewesen sein.

          Die Nachricht über den Tod Abaaouds ist hoch willkommen, weil seit den Anschlägen vor fast einer Woche die Sicherheitskräfte in die Defensive gedrängt worden waren. Der Umstand, dass zwei der Terroristen noch auf freiem Fuß sind, hat den Druck erhöht. Mindestens eine Fahndungspanne kam hinzu: Der 26 Jahre alte Franzose Salah Abdeslam, der den Wagen von einem der drei Terrorkommandos fuhr, war am Morgen nach den Attentaten von französischen Gendarmen an der belgischen Grenze kontrolliert, doch nicht festgenommen worden. So nahm die Unsicherheit der Franzosen mit jedem Tag zu. Das heftige Feuergefecht im Zentrum von Saint-Denis nicht unweit der berühmten Basilika, wo zahlreiche französische Könige begraben sind, hatte solange die Angst verstärkt, wie der Ausgang der Schießerei unklar war. Die Identifizierung des Drahtziehers der Terroristen dürfte nun für eine gewisse Erleichterung sorgen, auch wenn zwei Angehörige der neunköpfigen Terrortruppe noch flüchtig sind.

          Die Fahndungsbehörden hatten zunächst geglaubt, dass sich Abaaoud in Syrien aufhalte. Doch durch die Überwachung von Telefongesprächen und Geldbewegungen auf Bankkonten haben sie in dieser Woche seine Präsenz in Frankreich festgestellt. Beim Angriff auf die Wohnung der Terroristen in Saint-Denis hatten sie bereits die Vermutung, dass sich Abaaoud dort aufhalte.

          „Stolz auf die Sicherheitskräfte“

          Unterdessen hat die französische Nationalversammlung mit einer Mehrheit von 551 gegen 6 Stimmen die Dauer des Ausnahmezustandes auf drei Monate verlängert. Sie ermöglicht den Sicherheitsbehörden rasche Zugriffe ohne richterliche Zustimmung. Davon haben sie in dieser Woche bereits umfangreich Gebrauch gemacht. Dabei wurden an mehreren Orten Frankreichs beeindruckende Waffenarsenale gefunden und zahlreiche Festnahmen vorgenommen.

          Präsident François Hollande hatte bereits am Mittwoch vor einer Versammlung der französischen Bürgermeister den Mut und die Professionalität der französischen Spezialeinheiten gelobt und ihnen seine Bewunderung ausgesprochen: „Frankreich ist stolz über Sicherheitskräfte in dieser Qualität zu verfügen, die unsere Mitbürger beschützen“.

          Sondersitzung der Justizminister gefordert

          Innenminister Bernard Cazeneuve beklagte am Donnerstag vor der Presse, dass Frankreich keinen einzigen Hinweis über Abaaoud von einem anderen europäischen Geheimdienst erhalten habe. „Ein Hinweis kam von einem Dienst außerhalb Europas“, sagte der Minister. Offenbar ist Abaaoud mindestens einmal unbehelligt über Griechenland nach Europa eingereist, obwohl er in Belgien zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war und ein internationaler Haftbefehl auf ihn ausgestellt war. Kritiker machen in Frankreich dafür die Schwächen des Schengen-Abkommens verantwortlich. Erst die französischen Behörden hätten die Schlüsselrolle von Abaaoud ermittelt, berichtete der Innenminister. Seit dem Frühjahr sei er an vier von sechs Attentaten- oder Attentatsversuchen in Frankreich beteiligt gewesen, außerdem habe er in der Terrororganisation IS eine Führungsrolle inne gehabt.

          Cazeneuve rief vor diesem Hintergrund zu einer Sondersitzung der europäischen Justizminister am Freitag auf. Er forderte, dass die europäischen Staaten endlich beim Austausch von Passagierdaten im Flugverkehr (PNR) zusammenarbeiten, die Außengrenzen Europas verstärken und den Waffenhandel bekämpfen. „Aber all das geht nicht weit genug und nicht schnell genug“, sagte Cazeneuve.

          Weitere Themen

          Reformpaket überzeugt Demonstranten nicht Video-Seite öffnen

          Beirut : Reformpaket überzeugt Demonstranten nicht

          Die Regierung im Libanon reagiert auf anhaltende Proteste mit einem Reformpaket, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Die Demonstrationen ebben dennoch nicht ab.

          Kramp-Karrenbauer auf Konfrontationskurs

          Sicherheitszone in Syrien : Kramp-Karrenbauer auf Konfrontationskurs

          Die Verteidigungsministerin fordert eine internationale Schutzzone in Nordsyrien – und schließt auch den Einsatz deutscher Soldaten dabei nicht aus. Damit irritiert sie die SPD und vor allem Außenminister Maas. Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten. Auch der Kreml äußert sich.

          Topmeldungen

          Sicherheitszone in Syrien : Kramp-Karrenbauer auf Konfrontationskurs

          Die Verteidigungsministerin fordert eine internationale Schutzzone in Nordsyrien – und schließt auch den Einsatz deutscher Soldaten dabei nicht aus. Damit irritiert sie die SPD und vor allem Außenminister Maas. Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten. Auch der Kreml äußert sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.