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Razzia gegen Salafisten : Schlag gegen die Hydra

Großrazzia: Polizisten vor einer Zweigstelle des Vereins „Die wahre Religion“ in Berlin Bild: dpa

Die Großrazzia gegen „Die wahre Religion“ war bereits der zweite schwere Schlag gegen die Salafisten innerhalb von wenigen Tagen. Trotzdem könnte sich die Szene schnell wieder erholen.

          Wie immer bei solchen Aktionen ging es früh am Morgen los. 1900 Polizisten waren am Dienstag in ganz Deutschland unterwegs und durchsuchten 190 Wohnungen, Büros und andere Räumlichkeiten, die mit der islamistischen Vereinigung „Die wahre Religion“ (DWR) in Verbindung gebracht wurden. Zwei Moscheen bekamen ebenfalls Besuch von der Polizei. Zehn Bundesländer waren betroffen, sechzig Städte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Allein in Hessen, einem der Schwerpunkte der von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) angeordneten Operation, waren 570 Polizisten an 64 Durchsuchungen beteiligt. Auf den Plätzen zwei und drei der Liste standen Nordrhein-Westfalen mit 36 Untersuchungen und Bayern mit 31.

          Ein Schwerpunkt der Aktion war Pulheim bei Köln. Dort befand sich auf dem Gelände eines Bauernhofs das Zentrallager der radikalen islamistischen Vereinigung. Von hier aus wurden Aktivisten der bundesweiten Aktion „Lies!“ in den vergangenen Jahren zuverlässig mit Koran-Nachschub versorgt. Wie in Pulheim kam es auch an anderen Orten zu zahlreichen Beschlagnahmungen, verhaftet wurde niemand.

          Mit dem Koran für Dschihadismus und Salafismus geworben

          Um 9 Uhr, wenige Stunden nach Beginn der Operation, stellte de Maizière sich in seinem Ministerium ans Mikrofon und teilte mit, er habe „Die wahre Religion“ als Verein verboten. Bekannt ist die Vereinigung vor allem wegen ihrer Aktionen in Fußgängerzonen, bei denen Exemplare des Korans, versehen mit dem Logo von DWR, verteilt werden. „Lies! Stiftung“ oder auch „Stiftung Lies“ nennt sich der DWR daher auch.

          Bei diesen Aktionen wurde nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden im Bund und in den betroffenen Ländern in den vergangenen Jahren intensiv und sehr erfolgreich für den dschihadistischen Islamismus und salafistische Positionen geworben. 140 Islamisten, von deren Ausreise nach Syrien oder in den Irak mit dem Ziel, sich dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen, die Behörden wissen, waren zuvor im Kontakt mit DWR oder haben an „Lies!“-Aktionen teilgenommen. „Mit der Koranübersetzung in der Hand werden Hassbotschaften und verfassungsfeindliche Ideologien verbreitet und Jugendliche mit Verschwörungstheorien radikalisiert“, äußerte der Bundesinnenminister am Dienstag zur Begründung seines Vorgehens.

          Der führende Kopf der verbotenen Vereinigung ist Ibrahim Abou-Nagie, ein in Köln lebender selbsternannter Prediger. Er zählt neben Pierre Vogel, Sven Lau und Abu Walaa zu den führenden Salafisten in Deutschland. Zur Zeit hält er sich in Malaysia auf, scheint aber nach Deutschland zurückkehren zu wollen.

          Abou-Nagie kam im Juni 1964 in einem palästinensischen Flüchtlingslager zur Welt, ging mit 18 Jahren nach Deutschland und begann ein Studium der Elektrotechnik, das er jedoch nicht abschloss. 1994 wurde er deutscher Staatsbürger. Mit einem kleinen Unternehmen für selbstklebende Folien scheiterte Abou-Nagie 2007, bezog dann Hartz IV und widmet sich seither ganz der islamistischen Missionsarbeit. Zunächst soll er als Kameramann und „Laufbursche“ für Pierre Vogel tätig gewesen sein. Später überwarfen sich die beiden.

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