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Ahmad Mansour : „Wir müssen Verantwortung für dieses Ungeheuer übernehmen“

„Es gibt nicht den Islam“, sagt Ahmad Mansour. Bild: dpa

Der Psychologe Ahmad Mansour war selbst mal Islamist. Er hat den Ausstieg geschafft - und warnt nun vor der Radikalisierung einer ganzen Generation.

          4 Min.

          Viele der Attentäter von Paris stammen aus Frankreich. Und auch viele Muslime, die sich hierzulande radikalisieren, sind in Deutschland aufgewachsen. Wie kann das sein? Wie können diese jungen Menschen freiwillig alle Freiheiten aufgeben – Flirten, Tanzen, Rapmusik –, nur um in den Dschihad zu ziehen?

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Erst mal müssen wir unterscheiden. Wenn es um Jugendliche geht, die bereit sind, nach Syrien und in den Irak auszureisen oder sogar Menschen umzubringen, dann ist das die absolute Minderheit, auch unter den Radikalen. Radikalismus ist nicht nur Dschihadismus. Ich finde es traurig, dass wir diese Debatte nur in Bezug auf die Anschläge führen und nicht im Hinblick auf Ihre Frage: wie es sein konnte, dass Jugendliche, die zu dieser Gesellschaft gehören, sich von ihren Werten entfernen.

          Wie passiert das?

          Es gibt zwei Wege. Der erste Weg ist, in einer patriarchalischen Familie groß zu werden, wo die Sachen, von denen Sie sprachen, von Anfang an verboten oder mit Strafen verbunden sind. Das ist leider weit verbreitet. Wir können auch nicht erwarten, dass zum Beispiel alle Menschen ein freies Sexualleben gut finden. Das tun ja auch nicht alle deutschen Katholiken. Es schafft allerdings die Basis, an der dann die Radikalen ansetzen können. Ihnen spielt ein Islamverständnis in die Hände, das viel mit Angst arbeitet, mit dem Glauben an die Hölle. Im Mittelpunkt steht dort ein patriarchalischer Vater und Gott, Sexualität wird tabuisiert, und der Glaube basiert auf strikter Buchstabentreue. Aus dieser Sicht darf man den Koran also nicht einer historisch-kritischen Betrachtung unterziehen. Das schafft unmündige Menschen, die anfällig sind für eine weitere Radikalisierung.

          Und der zweite Weg?

          Das sind Jugendliche, die vielleicht in sehr liberalen Familien aufgewachsen sind und mit dem Islam und seinen Werten gar nichts oder sehr wenig zu tun haben, die aber an ihrem eigenen psychologischen Zustand leiden. Außenseiter, die einfach mental nicht angekommen sind in der Gesellschaft. Und dann kommt so eine Ideologie und gibt ihnen Sicherheit, vermittelt ihnen zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass sie einer Elite angehören, von Gott geliebt werden, angekommen sind. Sie fühlen sich wie neugeboren, werden glücklicher und leidenschaftlicher.

          Haben wir in Deutschland was falsch gemacht, wenn sich diese Menschen hier so ausgegrenzt fühlen?

          Teilweise ja. Ich lehne es aber ab, diese Debatte nur in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus zu führen. Das ist nur ein Faktor von vielen, der zur Radikalisierung führen kann. Unter denjenigen, die nach Syrien und Irak ausreisen, sind auch Leute, die alle möglichen Aufstiegschancen hatten.

          Die Salafisten und Terroristen des IS müssen ja einiges zu bieten haben.

          Die haben unglaublich viel anzubieten.

          Was denn?

          Sie bieten Orientierung und Halt, eine Struktur im Alltag. Sie geben diesen Jugendlichen Aufgaben. Sie geben ihnen das Gefühl, über andere Menschen zu entscheiden. Wenn ein deutscher Junge, der nicht einmal sechs Monate lang Muslim ist, in einer meiner Veranstaltungen aufsteht und mir, der islamisch sozialisiert ist, lautstark vorwirft, ich wäre kein Muslim und solle aufhören den Islam zu bekämpfen, dann ist das für diesen jungen Mann sehr viel Macht.

          Ich habe den Eindruck, dass Spiritualität insgesamt momentan eine sehr große Anziehungskraft hat. Als würde sie irgendeine Leerstelle füllen.

          Es stimmt: Religiosität und Religion sind auf dem Vormarsch, nicht nur unter Muslimen. Das ist verständlich, denn die Welt wandelt sich sehr schnell, und wir haben eine Situation, die ganz viele Unsicherheiten birgt. Jugendliche kommen mit dieser Unsicherheit meistens klar, aber es gibt eine kleine Gruppe, die total überfordert ist.

          Wie kann man verhindern, dass die so abdriftet? Die freie Gesellschaft hat doch eine Menge Vorteile, was man daran sieht, dass viele Muslime aus anderen Ländern ihr Glück bei uns suchen.

          Wenn wir zum Beispiel diese patriarchalischen Strukturen in Frage stellen, mit den Eltern arbeiten und ihnen andere Erziehungsmethoden vermitteln, ihnen auch die Ängste nehmen, können wir viel erreichen. Wir müssen Jugendliche, die auf der Suche nach einer starken Vaterfigur sind, durch Sozialarbeit in den Schulen begleiten, ihnen Angebote machen, die ankommen. Das bedeutet nur enorm viel Arbeit und auch, dass die Bekämpfung von Terrorismus und Islamismus viel früher anfängt und nicht erst da, wo Islamismus in Gewalt umschlägt.

          Dann müssten aber viel mehr Leute im Schuldienst eingesetzt werden. Zum Beispiel pädagogische Hilfskräfte, die Lehrer entlasten und dabei helfen, den Jugendlichen abseits der Schule Freizeitangebote zu machen, die zu den Eltern nach Hause gehen, also auch Arabisch und Türkisch sprechen können.

          Richtig, aber wir müssen einfach begreifen, dass es hier um eine Jahrhundertaufgabe geht.

          Müssen wir uns nicht auch ändern? Viele Muslime sagen mir, was sie am Westen nicht mögen, sei seine Beliebigkeit. Es gebe keine Regeln, keine allgemeingültigen Werte mehr, man könne alles so oder auch andersherum sehen.

          Ich nenne das Individualismus. Und es ist eine Frechheit und offenbart ein total verzerrtes Weltbild, wenn man behauptet, der Westen habe keine Werte. Die Menschen haben hier sehr wohl Werte. Nicht nur das, sie leben auch nach Regeln. Sie haben allerdings auch Freiheiten. Solange sie andere damit nicht beeinträchtigen, leben die Menschen, wie sie wollen. Ob ein Mädchen mit 18 Jahren entscheidet, Sex zu haben oder Jungfrau zu bleiben, ist ihre Sache.

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          Kann es nicht sein, dass an dieser Kritik der Beliebigkeit was dran ist?

          Kritikwürdig ist nur, dass wir diese Jugendlichen nicht erreicht haben, dass wir ihnen nicht gezeigt haben, welchen Mehrwert sie davon haben, in dieser Gesellschaft zu leben. Wir haben sehr wohl Werte, es sind nur nicht die, die diese Jugendlichen zu Hause oder in der Moschee vermittelt bekommen. Aber wollen Sie jetzt die Individualität einschränken? Wollen Sie als Antwort auf den Terrorismus die Meinungs- oder Religionsfreiheit eingrenzen? Das zeigt nur, wie tief die Gräben inzwischen geworden sind.

          In der öffentlichen Diskussion heißt es häufig, Islam und Islamismus hätten nichts miteinander zu tun. Was Sie bisher gesagt haben, klingt aber anders.

          Es gibt nicht den Islam. Aber Islamverständnisse, die weitverbreitet sind, auch hier in Deutschland, haben sehr wohl mit Islamismus zu tun. Ich mache mich nicht beliebt, wenn ich das sage, aber wir müssen uns endlich auch innerislamisch die Frage stellen: Wie konnte dieses Ungeheuer unter uns entstehen? Das ist unser Kind, wir müssen die Verantwortung übernehmen. Und diesen Jugendlichen ein Islamverständnis anbieten, das mit solchen radikalen Tendenzen nichts mehr gemeinsam hat. Das ist aber nicht der Fall. Wir sind zufrieden, wenn es in den Medien heißt, das hat mit dem Islam nichts zu tun, und ein paar Mahnwachen gehalten werden. Aber das reicht nicht.

          Glauben Sie, dass die Flüchtlingskrise dieses Problem verschärfen kann?

          Das sind unterschiedliche Themen. Die miteinander in Verbindung zu bringen wäre sehr gefährlich. Aber wenn wir Konzepte entwickeln, um junge Muslime für die offene Gesellschaft zu gewinnen, dann können diese Konzepte auch bei Flüchtlingen hilfreich sein. Da kommen ja auch Leute, die anders sozialisiert sind. Viele sind offen für uns. Sie wollen Teil dieser Gesellschaft sein. Die Frage ist eher, ob wir sie tatsächlich dafür gewinnen können – oder ob sie nach einigen Jahren so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, dass sie es nicht mehr wollen.

          Das Gespräch mit Ahmad Mansour führte Morten Freidel.

          Mansours Buch „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ ist im S. Fischer Verlag erschienen.

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