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Terrorgefahr in Frankfurt : Ein Stümper vor dem Herrn

  • -Aktualisiert am

Gerade nocht rechtzeitig: Ermittler im April vor der Wohnung von D. Bild: Helmut Fricke

Wollte Halil D. beim Radrennen in Frankfurt ein Blutbad anrichten? Was genau der Familienvater vorhatte, ist weiterhin unklar. Auch Staatsanwälte und Richter sind vor dem Prozess uneins.

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          Am Abend des 30. April 2015 um kurz nach sieben Uhr sagt das hessische Landeskriminalamt das traditionelle Radrennen rund um Frankfurt ab. 19 Stunden nachdem die mutmaßlichen Islamisten Halil und Senay D. festgenommen worden waren. Und 17 Stunden vor dem Start des Radrennens, bei dem die Eheleute offenbar Menschen töten wollten. Deutschland entgeht in diesen Minuten dem ersten großen islamistischen Anschlag und die Frankfurter dem Schock, den schon die Menschen in London, Madrid und Paris erleben mussten. Oder doch nicht?

          Eher nicht, sagt die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Halil D. wollte töten, aber wohl nicht am 1. Mai 2015 an der Straße, auf der sich die Radler zum Feldberg im Taunus hochquälen. Eher doch, sagt das Landgericht Frankfurt. Denn Halil D. hatte die Straße zum Feldberg einige Male abgefahren und drei Liter Wasserstoffperoxid gelagert.

          Falscher Name, Große Menge

          Was stimmt, wird der Prozess zeigen müssen, der an diesem Donnerstag gegen Halil D. vor dem Landgericht Frankfurt beginnt. Das Radrennen ist nicht die einzige Großveranstaltung in Deutschland, die wegen akuter Terrorgefahr abgesagt worden ist. Im Februar 2015 fiel ein Karnevalsumzug in Braunschweig aus, im November ein Fußballspiel in Hannover. Aber Halil D. ist der Einzige, der sich wegen eines Anschlagsplans vor Gericht verantworten muss. Beweise gibt es gegen ihn nicht, nur Indizien.

          Wie hat Halil D., 35 Jahre alt, früherer Chemiestudent, zuletzt arbeitslos, vor seiner Festnahme gelebt? Der Vater von zwei kleinen Kindern hat sich, so viel wissen die Ermittler, nie einer Terrororganisation angeschlossen. Er war in keinem Ausbildungslager, und er hat nicht im Internet mit Anschlags- oder Ausreiseplänen geprahlt. Stattdessen ist er in einen Baumarkt gegangen und hat drei Einliterflaschen Wasserstoffperoxid gekauft, eine Chemikalie, die gegen Schimmel hilft oder beim Bombenbauen. Er war schlau genug, beim Einkauf einen falschen Namen anzugeben. Aber dumm genug, so viel von der Chemikalie auf einmal zu kaufen. Er selbst sagt: Das war weder schlau noch dumm, sondern Überforderung. Aber dazu später mehr.

          In altem BMW die Straße abgefahren

          Die Kassiererin des Baumarktes rief die Polizei, ihr kamen Halil D. und seine Frau Senay, die bei dem Einkauf dabei war, seltsam vor: die Frau im Niqab, der Mann mit Bart. In ihrem Wohngebiet in Oberursel hießen die beiden nur „die Taliban“. Sie galten als schrullig, nicht als gefährlich, auch bei der Polizei. Die Ermittler wussten zwar, dass Halil D. sich ab und zu in der salafistischen Szene in Frankfurt herumtrieb. Er war auch schon wegen illegalen Waffenbesitzes aufgefallen. Dass er einen Anschlag planen könnte, erwartete niemand.

          Nach dem Einkauf im Baumarkt änderte sich das. Die Polizei beobachtete Familie D. und sah den Mann in seinem alten BMW die Radrennstrecke abfahren, immer wieder. Manchmal fuhr er 180 Stundenkilometer, manchmal hielt er auf einem Waldparkplatz. Am 30. April, einen Tag vor dem Radrennen mit mehr als 5000 Teilnehmern, wurden Halil und Senay D. festgenommen. In ihrem Haus in Oberursel fanden die Ermittler eine mit Nägeln gefüllte Rohrbombe, Waffenteile, 24.000 Euro in bar und knapp drei Liter Wasserstoffperoxid. Das Landeskriminalamt sagte das Radrennen ab.

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