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Anschlag auf Sikh-Tempel : Jetzt stehen die Dschihadisten vor Gericht

Angeklagte: Yusuf T. und Mohammed B. Bild: dpa

In Essen beginnt der Prozess um den Anschlag auf den Sikh-Tempel. Die Angeklagten sind noch nicht einmal volljährig. Es geht um den ersten Bombenanschlag dschihadistischer Terroristen in Deutschland.

          3 Min.

          Es ist ein spektakulärer Fall, der von diesem Mittwoch an unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird: der erste vollzogene Bombenanschlag dschihadistischer Islamisten in Deutschland. Wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, Herbeiführen einer Explosion und Sachbeschädigung müssen sich Yusuf T. aus Gelsenkirchen, Mohamed B. aus Essen und Tolga I. aus Schermbeck vor der 5. Jugendstrafkammer des Landgerichts Essen verantworten. Wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten dürfen Zuschauer und Journalisten nicht an der Hauptverhandlung teilnehmen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am 16. April zeichnete eine Überwachungskamera auf, wie Yusuf T. mit seinem ebenfalls 16 Jahre alten Freund Mohamed B. am Eingang des Sikh-Tempels in Essen eine selbstgebaute Bombe ablegte, die kurz darauf detonierte. Im Inneren des Gebetshauses erlitt ein Sikh-Priester Brandverletzungen und einen offenen Bruch am Fuß, zwei Gemeindemitglieder wurden durch Glassplitter verletzt. Dass nicht noch mehr Personen verletzt wurden, war reiner Zufall – denn erst kurz vor der Detonation hatte in einem der Säle des Gemeindehauses eine indische Hochzeit mit vielen Gästen stattgefunden.

          Polizei bezweifelt Version der Täter

          Yusuf T. und Mohamed B. konnten wenige Tage nach dem Anschlag festgenommen werden. In ihren polizeilichen Vernehmungen bestritten die beiden ein religiöses Motiv. Der Tempel sei ein zufälliges Ziel gewesen, gaben sie an. Ihren Sprengsatz hätten sie aus „Spaß am Böllerbau“ hergestellt.

          Polizei und Staatsanwaltschaft bezweifelten das aber allein schon deshalb von Beginn an, weil die Jugendlichen bei ihrer Tat planvoll vorgegangen waren: Ihre Bombe bestand aus einem entleerten Feuerlöscher, den sie mit im Internet bestellten Chemikalien gefüllt und mit einem Zeitzünder versehen hatten. Um sicherzugehen, dass ihre Konstruktion auch funktionierte, hatten sie schon am Silvestertag 2015 auf einem ehemaligen Zechengelände in Gelsenkirchen eine Probesprengung gemacht.

          Täter wollten wohl „Ungläubige“ töten

          Zudem fanden Ermittler bald heraus, dass die beiden Jugendlichen Teil eines Netzes junger Dschihadisten waren. In einer Whatsapp-Gruppe namens „Anhänger des Islamischen Kalifats“ radikalisierten sich die beiden Jugendlichen gemeinsam mit anderen „Glaubensbrüdern“, zu denen auch Tolga I. zählte. Immer konkreter wurden schließlich ihre Überlegungen, „Ungläubige“ mit einem Sprengsatz zu töten.

          Laut Anklage sollen die Jugendlichen die Sikh-Gemeinde als Anschlagsziel ausgewählt haben, weil sie mit der Behandlung von Muslimen durch Sikhs in Nordindien nicht einverstanden waren und ihnen Sikhs als „Ungläubige“ galten.

          Wie Yusuf seiner Familie entglitt

          Gerade der Fall Yusuf T. wirft ein Schlaglicht darauf, wie schnell es salafistischen Werbern und „Predigern“ immer wieder gelingt, orientierungslose Jugendliche zu radikalisieren. In ihrem Anfang Oktober veröffentlichten Buch „Mein Sohn, der Salafist“ beschreibt Neriman Yaman, wie ihr und ihrer Familie Yusuf entglitt. Mit 14 begann sich der Junge für den Salafisten-Prediger Pierre Vogel zu interessieren. Bald nahm der Junge zudem an der Koran-Verteil-Aktion „Lies!“ teil. Offenbar war „Lies!“ auch für Yusuf eine Art „Durchlauferhitzer“.

          Eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung von Yusuf T. und Mohamed B. soll aber auch Hasan C. gespielt haben. Der Duisburger Reisebüro-Besitzer und selbsternannte Imam wurde Anfang November gemeinsam mit anderen mutmaßlichen Mitgliedern eines islamistischen Werber- und Radikalisierer-Netzes um den Prediger Abu Walaa festgenommen.

          Radikalisierung mit 14, Heirat mit 15

          Die Lebenswege von Yusuf, Mohamed und Tolga weisen frappierende Parallelen auf. Alle drei sind in Deutschland geboren; unter anderem durch diverse Gutachten sind – wie Burkhard Freier, der Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes im April formulierte – ihre „Versagenskulissen“ dokumentiert, die typisch sind für radikalisierungsanfällig Jugendliche.

          Yusuf T. etwa fiel – trotz zunächst guter Leistungen – in der Schule bald negativ auf, weil er an ADHS leidet. Als der Junge 14 war, beschrieben ihn Lehrer und Sozialarbeiter als hochaggressiv. Als er einer jüdischen Mitschülerin androhte, ihr das Genick zu brechen, wurde Yusuf, der sich mittlerweile offen zum IS bekannte, der Schule verwiesen. Vergeblich baten Yusufs Eltern mehrere Moscheegemeinden um Hilfe.

          Ihre letzte Hoffnung war schließlich das vom nordrhein-westfälische Innenministerium neu eingerichtete Salafismus-Präventionsprogramm „Wegweiser“. Daran nahm der Junge fortan teil – und radikalisierte sich dennoch immer weiter. Im Mai 2015 heiratete er in einer Salafisten-Moschee die damals ebenfalls erst 15 Jahre alte Serap.

          Anwalt von Änderung überzeugt

          Vier Tage vor dem Bombenanschlag nahm Yusuf noch einmal an einer „Wegweiser“-Sitzung teil. Auch die Mutter von Tolga I. war überaus aufmerksam. Sie warnte die Sicherheitsbehörden sogar ausdrücklich vor ihrem Sohn. Ihr waren Aufzeichnungen in die Hände gefallen, in denen ihr Sohn ankündigte „Ungläubige“ töten zu wollen. Deshalb war er seit Januar vom Polizeipräsidium Duisburg als „Prüffall Islamismus“ geführt worden.

          Yusuf T. hat sich im Juni mit einem handschriftlichen Brief an die Sikh-Gemeinde in Essen gewandt und sich für seine – wie er schrieb – „Missetat“ entschuldigt. Sein Anwalt ist überzeugt, dass er sich geändert hat. Der heute 17 Jahre alte Jugendliche habe sich mittlerweile gegenüber einem Psychiater geöffnet und ihm auch die Hintergründe seiner Radikalisierung geschildert und welche Personen dabei eine Rolle gespielt hätten. Im Prozess wolle Yusuf aussagen.

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