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Jahrestag von „Charlie Hebdo“ : Ein toter Angreifer am Tag des Gedenkens

Die Polizei hatte die Straßen rund um den Tatort sehr schnell abgeriegelt. Bild: AFP

Genau ein Jahr nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ schreit ein Mann in Paris „Allahu Akbar“, will in ein Kommissariat eindringen und wird von der Polizei erschossen. Vieles ist unklar, doch eine Spur führt zum IS.

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          „Allahu Akbar“ soll er geschrien haben, dann fielen Schüsse. Kurz nach 12 Uhr mittags wird Frankreich am Donnerstag vom Terror eingeholt, dessen Opfern es gerade friedlich gedachte. Ein Mann versuchte, in das Polizeikommissariat in der Rue de la Goutte d’Or im 18. Arrondissement von Paris einzudringen. Er war mit einem Küchenmesser bewaffnet. Aus seiner Jacke lugten Drähte hervor, die auf einen Sprengstoffgürtel hindeuteten. Polizisten schossen den mutmaßlichen Angreifer noch auf der Straße nieder. Es handelte sich um Ali S., der im Mai 1995 in Casablanca in Marokko geboren wurde. Der Mann war 2012 in Südfrankreich, im Département Var, in ein Diebstahlsdelikt verwickelt. Es liegt kein Vermerk wegen Radikalisierung oder Zugehörigkeit zu einer terroristischen Gruppe gegen ihn vor.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Sprengstoffgürtel, lässt der Innenminister wenig später mitteilen, sei eine Attrappe gewesen. Der Täter trug keine Ausweispapiere bei sich, sein Gesicht war, anders als das der Terroristenbrüder Said und Chérif Kouachi bei ihrem Angriff auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ vor einem Jahr, nicht verhüllt. Bernard Cazeneuve spricht von einem „möglichen Terrorakt“. Sein Sprecher Pierre-Henri Brandet wiegelt später ab: „Noch ist es zu früh, um von einem Terrorakt zu sprechen. Wir müssen vorsichtig sein. Es handelt sich um eine Aggression.“

          Innerhalb kürzester Zeit wird das Viertel um den Pariser Nordbahnhof von der Polizei abgeriegelt – die Sicherheitskräfte sind nach der Anschlagserie vom vergangenen Januar und November darin routiniert. Die beiden Schulgebäude in der Rue de la Goutte d’Or werden besonders gesichert. Die Metrolinie 2 wird unterbrochen, „Sicherheitsmaßnahme“ leuchtet es auf allen Tafeln der städtischen Verkehrsbetriebe RATP. Der Boulevard Barbès, ansonsten quirliger Versammlungsort für Straßenhändler aller Arten, ist stundenlang menschenleer. Der staatliche Fernsehsender France 2 verbreitet das Gerücht, ein zweiter „Kamikaze“ sei auf der Flucht. Anwohner werden von der Polizei gebeten, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

          Das Viertel Goutte d’Or verdankt seinem Namen einem Weißwein, der hier früher angebaut wurde. Seit Emile Zolas Roman „Der Totschläger“ (L’Assommoir) verbinden die Franzosen mit der Goutte d’Or jedoch Armut, Kriminalität und soziale Not. Heute steht das Viertel auch für den höchsten Anteil von Franzosen mit ausländischen Wurzeln in der Hauptstadt. In dem Selbstbezichtigungsvideo der Terrororganisation „Islamischer Staat“ zum 13. November waren bereits Anschläge im 18. Arrondissement vermerkt worden. Sollte der Angreifer am Donnerstag diesen „Fehler“ der Selbstmordattentäter vom November korrigieren? Zumindest soll der Täter ein Papier mit einer Fahne des IS und ein auf Arabisch verfasstes Bekennerschreiben bei sich getragen haben, teilte die Pariser Staatsanwaltschaft mit.

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