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Parallelen zur Anschlagsserie : Mumbai an der Seine

Vorbild für die Terrorserie in Paris?: Das brennende Hotel „Taj Mahal“ am Stadthafen von Mumbai, um das indische Soldaten und dort verschanzte Terroristen am 29. November 2008 kämpfen Bild: dpa

Ein lange gefürchtetes Terrorszenario ist nun auch in Europa zur schrecklichen Wirklichkeit geworden. Indien hat es vor sieben Jahren erlebt. Zu den Pariser Anschlägen gibt es mehrere Parallelen.

          Das Massaker begann abends um Viertel nach neun in einem belebten Restaurant. Zwei oder drei Besucher holten Sturmgewehre aus ihren Taschen und feuerten auf die Gäste im „Café Leopold“. Nur fünf Minuten später griffen Terroristen ein jüdisches Zentrum an, erschossen den Rabbi und seine Frau. Fast zur gleichen Zeit eröffneten zwei schwarz gekleidete Männer wahllos das Feuer auf Pendler am Hauptbahnhof, dort starben achtzig Menschen im Kugelhagel.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Weitere zehn Minuten später stürmten Attentäter ein Luxushotel, dann ein zweites und schließlich eine Frauen- und Kinderklinik. Sie nahmen Hotelgäste und Patienten als Geiseln, feuerten um sich, warfen Granaten und zündeten Sprengladungen. Das alles geschah Ende November 2008 in der indischen Stadt Mumbai, dem früheren Bombay.

          Sechzig Stunden lang hielt eine Gruppe von zehn Terroristen eine ganze Metropole in Angst und Schrecken. Die Männer gingen äußerst brutal, tollkühn und mit Todesverachtung vor. Am Ende waren mindestens 170 Menschen tot und 240 verletzt. Eine kleine Gruppe Terroristen hatte die Millionenstadt für zwei Tage in ein Kriegsgebiet verwandelt.

          Seitdem ging in den Sicherheitsbehörden vieler Länder die Angst vor einem terroristischen Großangriff nach dem Mumbai-Szenario um. Als in Deutschland Ende 2009 eine erhöhte Terrorwarnstufe ausgerufen wurde und Polizisten mit Maschinenpistolen im Berliner Regierungsviertel und auf den Weihnachtsmärkten der Republik patrouillierten, geschah das auch aus Angst davor, dass sich ein solches Blutbad in Deutschland ereignen könnte.

          Am späten Freitagabend ist die Befürchtung, dass es auch in Europa zu einem solch verheerenden Anschlag kommen könnte, in Paris Wirklichkeit geworden.

          Pariser Attentäter schlugen zur gleichen Tageszeit wie in Mumbai zu.

          Wie in Mumbai schlug eine kleine Gruppe, wohl acht Attentäter, an mehreren Stellen der Stadt gleichzeitig zu. Es gab mindestens drei Explosionen und sechs Schießereien. Die Sicherheitskräfte waren allein durch die Zahl der Angriffe und ihre Gleichzeitigkeit überfordert. Wie in der indischen Metropole feuerten auch in Paris einige Täter wahllos auf Menschen, die sich in oder vor Restaurants und Cafés aufhielten.

          Sie begannen ihre Attacken exakt zur gleichen Tageszeit wie damals, am späten Abend, wenn die Bars und die Straßen voll sind. Sie zielten auf Menschen in einem japanischen und in einem kambodschanischen Restaurant, auf Gäste einer Pizzeria und eines Cafés. Die Einschläge in den Wänden, Fenstern und Türen zeigen, dass sie wahllos feuerten. In Paris stürmten vier Täter ein Rockkonzert, erschossen gleich zu Beginn wohl rund 20 der 1500 Besucher, insgesamt starben durch ihre Kugeln fast hundert Menschen.

          Strafe für Luftschläge in Syrien

          Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ hat sich am Samstag zu der Attacke in Paris bekannt. „Acht Brüder mit Sprengstoffgürteln und Sturmgewehren“ hätten den „gesegneten Angriff“ verübt. Man habe die „Kreuzfahrer-Nation“ Frankreich aus Vergeltung für die Luftschläge in Syrien bestraft.

          Der IS behauptete in einer schriftlichen Stellungnahme, die Anschlagsorte seien bewusst „im Herzen von Paris“ ausgewählt worden. Das Fußballstadion sei angegriffen worden, weil dort der französische Staatspräsident gewesen sei. Und die Konzerthalle habe man attackiert, weil dort eine „perverse Feier“ stattgefunden habe.

          Einer der zehn Attentäter von Mumbai mit Maschinenpistole auf der Suche nach weiteren Opfern in der Halle des Hauptbahnhofs. Bei den Anschlägen in Mumbai starben zwischen dem 26. und 29. November 2008 bei Attentaten und Gefechten 174 Menschen.

          Ging es bei der Attacke im Januar auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt darum, die Islam-Feinde, die den Propheten mit Karikaturen beleidigt hatten, und die verhassten Juden zu treffen, so sollte diesmal ganz Frankreich bestraft werden. Zugleich setzte der IS bei seinem Angriff auf maximale Medienaufmerksamkeit, um möglichst große Angst zu verbreiten.

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