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Anschlag in Istanbul : Trauer soll der Westen tragen

Anteilnahme: Das Bundeskabinett tritt am 12.01.2016 im Bundeskanzleramt in Berlin zu einer Sondersitzung zusammen. Bild: dpa

Viele Fragen sind noch offen nach dem Anschlag von Istanbul. Während Ermittlungen laufen, fürchtet sich die Tourismusbranche.

          Versteinerte Mienen. Wie oft schon hat man das gesehen in den vergangenen Monaten bei deutschen Spitzenpolitikern, bei Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa nach den Attentaten von Paris I und II, oder jetzt nach dem Anschlag von Istanbul, der vor allem Deutsche traf und womöglich auch vor allem Deutsche und ihren Staat treffen sollte. Als Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Mittwoch in Istanbul eintraf, trug auch er eine Maske regungsloser Gefasstheit zur Schau.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Ernst einer Lage ohne Aussicht auf Besserung, in welcher der Anschlag von Istanbul nur ein kleines Mosaiksteinchen ist, war ihm anzusehen. De Maizière und der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu besuchten gemeinsam verletzte Überlebende des Anschlags und fuhren danach zum Tatort in der Nähe der Blauen Moschee, wo sie Blumen niederlegten, während der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mit Bundespräsident Joachim Gauck telefonierte und ihm sein Beileid aussprach.

          Engere Zusammenarbeit in der Flüchtlingskrise

          Deutschland und die Türkei, die beiden Länder, die in absoluten Zahlen mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen haben als jedes andere Land, wurden gemeinsam Opfer eines Anschlags, der jedes Land auf eigene Weise trifft. Sowohl die Türkei als auch Deutschland seien vom Terrorismus bedroht, sagte de Maizière in Istanbul und leitete daraus die Forderung ab, deshalb müsse auch „die Antwort eine gemeinsame sein“.

          Ende kommender Woche, wenn in Berlin die deutsch-türkischen Regierungsgespräche stattfinden, wird es auch um die Frage gehen, wie diese „gemeinsame Antwort“ aussehen kann. Wird sie über das bisherige Ausmaß hinaus in einen gemeinsamen Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien und im Irak münden? In eine engere Zusammenarbeit in der Flüchtlingskrise, wo Berlin und Ankara bisher oft aneinander vorbeigeredet haben?

          33 deutsche Touristen

          Auch am Tag nach dem Anschlag von Istanbul war noch vieles unklar, blieben die Angaben der Behörden vage und zum Teil widersprüchlich, von den Spekulationen im Internet nicht zu reden. Und dennoch kam im Laufe des Tages eine Erkenntnis zur anderen, schälte sich langsam wenigstens ein ungefähres, ein mögliches Bild der Vorgänge und ihrer Bedeutung heraus. Zehn tote Deutsche und fünf Schwerverletzte auf den Intensivstationen Istanbuler Krankenhäuser – das war der Stand der Dinge gut vierundzwanzig Stunden nach der Tat. Die Toten sollen womöglich von der Bundeswehr in die Heimat zurückgeflogen werden – Touristen in Zinksärgen. Das Verteidigungsministerium teilte mit, die Truppe stehe bereit, wenn der Krisenstab des Auswärtigen Amts die entsprechende Entscheidung treffe.

          Eine türkische Zeitung mit deutschsprachiger Schlagzeile an einem Kiosk in Istanbul, am Tag nach dem Terroranschlag im Viertel Sultanahmet.

          Immerhin stand am Mittwoch auch fest, dass es schlimmer als schlimm hätte kommen können. Wenn der Selbstmordattentäter einen stärkeren Sprengsatz bei sich gehabt hätte, wenn die deutsche Reisegruppe, die er sich womöglich mit kühler Berechnung für seine Tat ausgesucht hatte, dichter beieinandergestanden hätte. Wenn der Anschlagsort im Istanbuler Stadtviertel Sultanahmet, der im Sommer zur Hochsaison überfüllt ist von Touristen und Andenkenverkäufern, stärker bevölkert gewesen wäre.

          Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts teilte mit, insgesamt habe die deutsche Reisegruppe, die direkt von dem Attentat betroffen gewesen war, 33 Touristen gezählt. Es gebe allerdings keine Hinweise darauf, dass es ein gezielter Angriff auf diese Gruppe gewesen sei, sagte die Sprecherin, um gleich darauf einzuschränken, dass der Anschlag noch nicht abschließend aufgeklärt sei.

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