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Anschlag in Nizza : Die Hölle in der Bucht der Engel

Schwachpunkte des französischen Anti-Terror-Kampfs

Doch am 2. Juni 2016 strahlte der staatliche Sender France 2 ein Interview mit dem Dschihadisten aus, in dem er die Attentate als gerechte Strafe für die französischen Luftschläge in Syrien rechtfertigte. Schon 2014 war Nizza nur knapp einem Anschlag entkommen. Eine Terrorgruppe, die unter dem Namen „Cannes-Torcy“ bekannt wurde, wollte während des Karnevals in Nizza einen Anschlag in der feiernden Menschenmenge verüben. Der mutmaßliche Haupttäter, Ibrahim B., ein 24 Jahre alte Syrien-Rückkehrer, wurde am 11. Februar 2014, drei Tage vor Beginn des Karnevals festgenommen. Ein weiterer Anschlagsversuch ereignete sich im Februar 2015 vor einer jüdischen Einrichtung in Nizza. Ein radikalisierter Islamist, Moussa Coulibaly, ging mit einem Messer auf die drei Soldaten los, die vor dem jüdischen Religionszentrum Wache hielten. Die Soldaten konnten den Angreifer überwältigen, er sitzt seither in Haft.

Der Strafvollzug ist einer der Schwachpunkte im französischen Anti-Terror-Kampf. Darauf weist die parlamentarische Untersuchungskommission in ihrem Bericht hin. So funktioniere die geheimdienstliche Überwachung von Häftlingen nicht. Informationen über zum radikalen Islamismus konvertierte Häftlinge würden nach ihrer Haftentlassung nicht weitergegeben, haben die Mitglieder der Kommission herausgefunden. Das führe dazu, dass viele Vorbestrafte durch das Überwachungsnetz fielen. In dem Bericht wird eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Gefängnissen, Bewährungshelfern und Geheimdiensten empfohlen.

Langer Kampf steht bevor

Präsident Hollande aber will lieber den militärischen Kampf gegen IS-Stellungen im Irak und in Syrien intensivieren. „Wir werden unsere Aktionen in Syrien und im Irak noch verstärken“, sagte Hollande in seiner nächtlichen Ansprache. Der französische Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ soll im Herbst von neuem in der Nähe des irakisch-syrischen Kriegsgebiets eingesetzt werden. Doch es wird auch immer mehr Kritik an dem militärischen Vorgehen laut. Marine Le Pen beklagt seit langem, dass die französischen Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak und seit September 2015 in Syrien Frankreich erst zum Hauptziel der Terrororganisation in Europa werden ließen.

Präsident Hollande bereitete seine Landsleute unterdessen auf einen langen Krieg gegen den Terror vor. „Wir befinden uns vor einem Kampf, der lang sein wird. Wir haben einen Feind, der wieder zuschlagen wird“, sagte er in Nizza mit unbeweglicher Mine. „Aber sie sind die Bösen und wir sind fähig zu siegen“, fügte er hinzu.

Der sechste Anschlag nach Charlie Hebdo

Frankreich ist seit dem Attentat auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 so häufig Anschlagsziel gewesen wie kein anderes europäisches Land. Mehr als 230 Menschen wurden seitdem schon ermordet.

7. bis 9. Januar 2015: Chérif und Said Kouachi stürmen das Redaktionsgebäude der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in Paris und erschießen dabei zwölf Menschen. In den folgenden Tagen tötet ihr Komplize Amédy Coulibaly ebenfalls in Paris eine Gemeindepolizistin und vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt. Die Islamisten werden schließlich von Sondereinheiten der Polizei erschossen. 26. Juni: Yassin Salhi enthauptet in einem Gaslager nahe Lyon seinen Chef und hängt dessen Kopf neben islamistischen Flaggen an einem Zaun auf. Anschließend bringt er auf dem Industriegelände mehrere Gasflaschen zur Explosion und verletzt dabei zwölf Menschen, bevor er von Feuerwehrleuten überwältigt wird. Der Mann war nicht vorbestraft. Den Ermittlungsbehörden waren aber seine Kontakte zu salafistischen Kreisen bekannt.

21. August: In einem Thalys-Schnellzug auf dem Weg von Amsterdam nach Paris kann ein Blutbad verhindert werden: Der schwerbewaffnete Ayoub El Khazzani eröffnet im Zug das Feuer auf Mitreisende und verletzt zwei Menschen schwer. Zufällig mitreisende amerikanische Soldaten überwältigen den Mann.

13. November: Bei den schwersten Anschlägen in der französischen Geschichte gehen die Angreifer koordiniert an fünf verschiedenen Orten gleichzeitig vor: In der Konzerthalle Bataclan, in mehreren Bars und Restaurants sowie im Fußballstadion Stade de France töten sie während des Länderspiels Deutschland-Frankreich insgesamt 130 Menschen. Zum Anschlag bekennt sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Seitdem gilt in Frankreich der Ausnahmezustand. 7. Januar 2016: Am Jahrestag des „Charlie Hebdo“-Anschlags attackiert ein Mann in Paris mehrere Polizisten mit einem Metzgerbeil. Die Polizei erschießt den Angreifer. Ein vermeintlicher Sprengstoffgürtel, den er trug, erweist sich als Attrappe. Die Polizei findet bei dem Angreifer ein Bekennerschreiben und eine IS-Fahne.

13. Juni: Wenige Tage nach Beginn der Fußball-Europameisterschaft tötet ein vorbestrafter Islamist im westlich von Paris gelegenen Magnanville einen Polizisten und dessen Lebensgefährtin. Der Angreifer, der sich in einem Video zum IS bekennt, wird von Elitepolizisten erschossen.

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