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Anschlag in Nizza : Die Hölle in der Bucht der Engel

Nationales Aufbäumen

Die Rituale nach einem Terroranschlag sind inzwischen eingeübt. Frankreich hat drei Tage Staatstrauer angeordnet, die Fahnen sind auf Halbmast gehisst. Die französischen Bischöfe haben zum Gebet für die Terroropfer aufgerufen. In allen Landesteilen versammelten sich spontan Franzosen, um ihrem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Der Freitag ist ein Brückentag, es sind Schulferien, das Land hat viel Zeit, sein eigenes Unglück zu analysieren. In die Trauer mischt sich immer mehr auch Wut. „Warum hat die Regierung uns nicht besser geschützt?“, fragte ein Augenzeuge. Der langjährige Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, fordert ein nationales Aufbäumen. Die Terrorbedrohung sei nicht ernst genug genommen worden. „Wie konnte der Lastwagen an die Promenade des Anglais gelangen?“, fragte Estrosi, der selbst beim Feuerwerk zugegen war. Die Telefon-App, die nach den Anschlägen vom 13. November als Frühwarnsystem von der Regierung ausgearbeitet wurde, wurde ihrer Aufgabe nicht gerecht. Erst eineinhalb Stunden nach dem Angriff an der Promenade des Anglais gingen die ersten Terrorwarnungen ein.

Blutiger Anschlag in Nizza: der Fast 2 Kilometer lange Todesweg des mutmaßlichen Attentäters.

Über den Täter ist inzwischen bekannt, dass er aus Tunesien stammt und nur über eine befristete Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich verfügte. Mohammed L. wohnte im Norden Nizzas und hat den Kühllastwagen vor zwei Tagen in Saint-Laurent-du-Var, einem Vorort von Nizza, angemietet. Nachbarn beschrieben den Mann gegenüber der Nachrichtenagentur AFP als „unauffällig“ und „diskret“, er habe nicht wie ein streng religiöser Muslim gewirkt. Er stammte aus Msaken, einer Stadt in der Nähe von Sousse, er war verheiratet und hatte drei Kinder. Seine Frau soll laut der Nachrichtenagentur AFP die Scheidung eingereicht und Anzeige wegen Gewalt in der Ehe erstattet haben. Der Mann war zudem wegen Gewalttaten vorbestraft. Sein letzter Strafprozess soll im März stattgefunden haben.

50 Opfer in Lebensgefahr

Die Wohnung des Mannes wurde am Freitagmorgen von der Polizei durchsucht. In dem Lastwagen wurden eine nicht funktionstüchtige Handgranate sowie mehrere Waffen-Imitate gefunden. Der Terrorist trug während seiner mörderischen Fahrt eine Waffe bei sich, von der er kurz vor seiner Überwältigung Gebrauch machte.

Die Promenade des Anglais blieb am Freitag weiträumig abgesperrt. Das strahlende Sommerwetter wollte nicht zu der gedrückten Stimmung passen. Präsident François Hollande traf am frühen Nachmittag in Nizza ein und wohnte einer Sitzung des Krisenstabs in der Präfektur des Départments Alpes-Maritimes bei. Er besuchte auch das Universitätskrankenhaus Pasteur, in dem ein Großteil der Verletzten behandelt wird. 50 Opfer schwebten am Freitag noch in Lebensgefahr. Hollande hat auf den Terroranschlag mit einer Verlängerung der Notstandsgesetzgebung reagiert. Die Gesetze aus dem Jahr 1955 erlauben Hausdurchsuchungen ohne richterliche Genehmigung. Terrorverdächtige können ohne Strafverfahren unter Hausarrest gestellt werden. Zudem sehen die Notstandsgesetze die Möglichkeit von Versammlungsverboten ohne langwierige Prozeduren vor. Um die überarbeiteten Sicherheitskräfte zu entlasten, hat der Präsident zudem die militärische Reserve einberufen. Reservesoldaten sollen künftig Polizei und Armee bei der Sicherung des Landes unterstützen.

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