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Nach Suizid von Jaber Albakr : „Sachsen hat es nicht verstanden“

Die Justizvollzugsanstalt Leipzig, in der sich der mutmaßliche Terrorist Jaber Albakr am Mittwoch erhängte Bild: dpa

Nach dem Selbstmord des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr werden immer mehr Details seines Plans bekannt. Nach F.A.S.-Informationen reiste Albakr im September eigens nach Berlin, um das Terrorziel auszukundschaften.

          Die Kritik an der sächsischen Landesregierung wegen des Suizids des Terroristen Jaber Albakr in der Justizvollzugsanstalt Leipzig hält an. Der Regierung von CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich wird vorgeworfen, die Bedeutung des Häftlings ignoriert zu haben. „Er war der wichtigste Gefangene der Bundesrepublik Deutschland. Das hat man in Sachsen nicht verstanden“, sagte ein hoher Sicherheitsbeamter in Berlin der F.A.S. Justizminister Sebastian Gemkow von der CDU hätte selbst dafür sorgen müssen, dass die Brisanz des Falls den Justizbeamten klar gemacht worden wäre, statt die Verantwortung den Fachleuten zuzuschieben.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Kritik am Verhalten von Minister Gemkow kam auch aus den Reihen der Union. „Die Begründung, man habe nicht gewusst, wie gefährlich Jaber Albakr ist, halte ich für reichlich naiv“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Stephan Mayer. Es habe sowohl bei der Polizei als auch bei der Justiz in Sachsen ganz offensichtlich Versäumnisse gegeben. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, von der SPD sagte der „Berliner Morgenpost“, die sächsische Justiz habe „völlig versagt“. Tillich müsse „auf den Tisch hauen“ und die Fehler klar benennen. Albakr hatte sich am Mittwochabend in seiner Zelle erhängt. Er war, obwohl er Essen und Trinken verweigerte und als möglicher Selbstmordattentäter bekannt war, als „nicht akut suizidgefährdet“ eingestuft worden.

          Der Syrer hatte in der vergangenen Woche einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen verüben wollen. Wie die F.A.S. aus Sicherheitskreisen erfuhr, war er deshalb in der zweiten Septemberhälfte mit dem Zug nach Berlin gefahren, um den Ort für den Anschlag auszukundschaften. Davon zeugen unter anderem die Fahrkarten nach Berlin, die nun in seinen Sachen gefunden wurden. Albakr blieb zwei Tage in der Hauptstadt und traf dort auch eine Kontaktperson.

          Die Ermittler gehen davon aus, dass Albakr, der im Februar 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, sich erst nach seiner Einreise radikalisiert hat. Er unternahm Reisen in die Türkei und hielt sich vermutlich auch in Syrien auf. Bekannte und Verwandte berichteten von Aufenthalten in Idlib und Raqqa, der Hochburg der Terrororganisation „Islamischer Staat“. Es wird vermutet, dass Albakr im Auftrag des IS handelte. Ein Sprecher der Generalbundesanwaltschaft sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, es gebe bisher allerdings keine ausreichenden gerichtsverwertbaren Bezüge zum IS.

          Unter Druck: Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU)

          Ende August war Albakr von der Türkei kommend auf dem Flughafen Leipzig gelandet. Nach Aussagen der Ermittler hatte er damals seinen Anschlagsplan „in der Tasche“. Nachdem er kurz vor der Tatausführung in Chemnitz geortet worden war, konnte Albakr am vergangenen Samstag der Polizei trotz eines Großeinsatzes entkommen. Er wurde zunächst nicht verfolgt. In Sicherheitsbehörden des Bundes wird die Version der sächsischen Polizei bezweifelt, dass die Verfolgung wegen der schweren Schutzkleidung der Beamten vom Sondereinsatzkommando (SEK) unmöglich war. „Die Jungs rennen mit schweren Schutzwesten schneller als unsereins ohne Weste“, sagt ein Beamter, der mit der Ausbildung von SEK zu tun hatte.

          Keine Hinweise auf Verwicklung von Landsleuten

          Albakr war nach seiner Flucht aus Chemnitz von drei Landsleuten in Leipzig überwältigt und der Polizei ausgeliefert. Es gebe keine Hinweise, dass die Syrer irgendetwas mit dem Fall zu tun hätten, hieß es aus Sicherheitskreisen. Albakr hatte nach seiner Festnahme die Syrer beschuldigt, Mitwisser zu sein. Sie halten sich derzeit außerhalb von Leipzig auf, weil sie Racheakte des IS fürchten, nachdem sie Morddrohungen erhalten haben. Das sächsische Landeskriminalamt hat nach eigenen Angaben den Syrern Schutz angeboten und zwei sichere Unterkünfte bereitgestellt. Die Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm werde geprüft.

          Für eine kurze Zeit der wichtigste Gefangene der Bundesrepublik: der Syrer Jaber Albakr

          Die Bundesanwaltschaft indes geht weiter von einem dringenden Tatverdacht gegen den 33 Jahre alten Syrer Khalil A. aus. Sie wirft ihm Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Khalil A. war Mieter der Wohnung in Chemnitz, in der Albakr 1,5 Kilogramm hochwirksamen Sprengstoffs lagerte.

          In der kommenden Woche soll der Fall Albakr im Innenausschuss des sächsischen Landtags besprochen werden. Zudem soll eine unabhängige Untersuchungskommission eingerichtet werden. Im Bundestag werden sich der Innen- und der Rechtsausschuss sowie das Parlamentarische Kontrollgremium am Mittwoch mit dem Fall befassen.

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