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Massaker in Paris : Der IS wartet nur auf eine Kriegserklärung

  • -Aktualisiert am

Kämpfer des „Islamischen Staats“ in der Nähe von Raqqa, Syrien Bild: AP

Nach den Terrorakten fliegt Frankreich wieder Bombenangriffe auf Stellungen des IS in Syrien. Doch der sogenannte „Islamische Staat“ sieht seinen Kriegsschauplatz längst im Westen. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Die Massaker von Paris kann oder darf man eigentlich nicht verstehen. Zu groß ist das Entsetzen über die Kaltblütigkeit, mit der die Täter wahllos Menschen erschossen. Und doch gilt: Ohne ein Verstehen der Handlungsweisen dieser wohl mehrheitlich jugendlichen Mörder ist Prävention kaum möglich. Natürlich können polizeiliche Maßnahmen im Vorfeld dazu beitragen, potentieller Attentäter habhaft zu werden, doch werden sie allein kaum geeignet sein, den Sumpf trockenzulegen, der diese Menschen zu Massenmördern macht.

          Eine Annäherung an die Vorstellungswelten der Attentäter führt zwangsläufig zunächst zum Islam, mit dem sie ihre Taten rechtfertigen. Die Mörder haben gezeigt, dass es für sie keine Unschuldigen gibt. Ganz nach dem alten Spruch „Der Unglauben bildet eine einzige Gemeinschaft“ wähnten sie sich in einer geschlossenen und feindlichen Welt der Götzendiener. Konzerthallen, Cafés, Sportveranstaltungen oder Märkte gelten ihnen als Orte dieser Götzendienerei, die zu zerstören allein Gottesdienst sei. Im Unterschied zu den Morden an den Mitarbeitern der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar verstehen die Täter ihre Morde nicht mehr als Rache an bestimmten Personen. Vielmehr galt ihre Tat der Gesamtheit der in ihren Augen gottlosen Gesellschaft. Sie mussten sich demnach nicht mehr die Mühe machen, bestimmte Mitglieder der Gesellschaft zu „Ungläubigen“ zu erklären. Diese Rechtfertigung (arabisch takfîr) war in früheren Jahren noch Voraussetzung für die Durchführung mancher Terroranschläge gewesen. Heute ist dieses Konzept in den Hintergrund getreten. Denn angegriffen wurden nun ja nicht Menschen, die als „Ungläubige“ stigmatisiert wurden, vielmehr galt der Behauptung, dass es eine einheitliche Welt des Unglaubens gebe, als gesetzt. In dieser Vorstellungswelt gehören Muslime, ganz gleich ob Schiiten oder Sunniten, ebenso der „Welt des Unglaubens“ an, sofern und solange sie sich nicht der Gemeinschaft der Attentäter anschließen.

          Reinhard Schulze

          Zugleich deutet der Tatvorgang darauf hin, dass die Mörder jedwede Fähigkeit zur Empathie verloren haben. Stattdessen haben sie ihr Ressentiment mit einer Tunnelrationalität begründet, die sie hochgefährlich macht, da sie den Täter selbst als Waffe definiert. Max Weber paraphrasierend kann festgestellt werden, dass auf dem Boden einer islamisch gedeuteten Erlösungsvorstellung das Ressentiment an Bedeutung gewonnen hat: Es ist die religiöse Sollvorschrift der negativ Privilegierten. Diese hatten sich in direkter Umkehrung alter islamischer Vorstellungswelten damit getröstet, dass die ungleiche Verteilung der irdischen Lose auf Sünde und Unrecht der positiv Privilegierten beruhe, also früher oder später die Rache Gottes herbeiführen müsse.

          Gewalt als Kultpflicht

          In Gestalt dieser Theodizee der „negativ Privilegierten“ dient dann der Moralismus als Mittel der Legitimierung bewussten oder unbewussten Rachedurstes. Besteht einmal eine solche „Vergeltungsreligiosität“, so kann gerade das „Leiden“ als solches, da es ja gewaltige Vergeltungshoffnungen mit sich führt, als etwas an sich Islamisches erscheinen. Das mag skurril klingen, passt aber zu der seit den späten Achtzigern propagierten Aussage, der Muslim lasse erst durch sein gottesdienstliches Tun den Islam in sich wahr werden. Dieses Tun könne sich allein im „Streiten auf dem Wege Gottes“ (Dschihâd) verwirklichen.

          Wer den Gottesstreit aufgibt, so die diabolische Logik, zerstört den Islam in sich selbst - wie ja auch der Islam im Einzelnen selbst nur durch den Gottesstreit herbeigeführt werden kann. Gewalthandeln wäre demnach nicht nur Kultpflicht, sondern bedeute zugleich Katharsis und Erlösung, weil sie im Falle des Selbstmords die höchste und letztmalige Form der Existenzerfahrung bewirke. Diese existentialistisch anmutende Setzung reduziert die Seinsaussage auf den Begriff Islam. Islam erscheint hier als das Dasein in Wahrheit; der Einzelne ist demnach nur dann in Wahrheit existent, wenn er in sich den Islam durch den Kampf verwirklicht.

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          Natürlich deutet sich ein Jugendlicher, der für den „Islamischen Staat“ rekrutiert wird, sein Dasein nicht in diesen Begriffen. Für ihn beruht die Tunnelrationalität im Kern nur noch auf der Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Falsch ist die Welt, in der er sozialisiert wurde, richtig ist die Vorstellungswelt, die er als Islam begreift. Doch dieser Islam steht jenseits der modernen islamischen Ordnung, die noch immer darauf beruht, eine Unterscheidung von Religion und Gesellschaft anzuerkennen. Insofern ist der Islam der Akteure in einem Netzwerk des „Islamischen Staats“ ultrareligiös und zugleich Ausdruck eines Zerfalls der islamischen Öffentlichkeit, ja des Islams selbst. Diese Diagnose hat Navid Kermani in seiner Friedenspreisrede angesprochen: „Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion.“

          Apokalyptische Visionen

          Doch dieser Zerfall ist nur ein spezifischer, wenn auch weit fortgeschrittener Ausdruck eines grundsätzlichen Zerfalls der Religion selbst. Denn schon seit einigen Jahrzehnten schwindet die Zustimmung zu einer modernen Ordnung, die auf einem befriedeten und austarierten Verhältnis von Religion und Gesellschaft beruht. Sie droht gar unter bestimmten Umständen zu zerbrechen. Noch gibt es die bürgerliche Mitte, noch gibt es einen bürgerlichen Islam mit seinem enorm breiten Spektrum an Ideenwelten, doch an den Rändern werden Prozesse sichtbar, die zum einen ebenjene ultraislamischen Kampfbünde und Formen der Vergemeinschaftung freisetzen und zum anderen ein markantes Geflecht von konsumorientierter Erlebnisfrömmigkeit ermöglichen. Letzteres erscheint harmlos, Erstere haben im Kern der Gesellschaft den Krieg erklärt. Ihr Krieg richtet sich gegen alles, was sie als Gesellschaft ansehen; hierzu gehören gerade auch zivile öffentliche Einrichtungen. Diese Ziele sind ubiquitär und allein aus der Tunnelrationalität der Ultras heraus fassbar. Sie definiert alles, was als Götzendienerei begriffen werden kann, als Ziel. Deshalb deuten die Terroristen ihr Tun auch als „Gottesdienst“.

          Solche ultraislamischen Vorstellungswelten, die sich vornehmlich der neuen informellen Medien bedienen, entziehen sich der öffentlichen Debatte und sind damit auch nicht mehr durch ein muslimisches Publikum kontrollierbar. Vielmehr finden sie ihren sozialen Ort in sozialen Vorstellungswelten, die sich nicht der normativen Ordnung der Gesellschaft unterstellen. Dazu gehören informelle Solidaritätsnetzwerke, Verwandtschaftsbünde und andere Formen der Vergemeinschaftung, die eine ganz eigene Welt des Solidaritätstauschs jenseits der zivilen Gesellschaft definieren. Der Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung in Ländern wie Syrien und dem Irak hat diese konkurrierenden Vorstellungswelten freigesetzt, die zunehmend zum sozialen Ort ultraislamischer Bünde geworden sind. Sie bilden den Rückraum für jene, die im Ultraislam ihr Heil suchen.

          Konfiguriert und konturiert werden diese Vorstellungen durch apokalyptische Visionen, von denen die strategische Ausrichtung der die ultraislamischen Netzwerke dominierenden Bünde wie Al Qaida, oder des „Islamischen Staats“ bestimmt wird. Erinnert sei an den 2005 in der arabischen Presse zirkulierenden „Strategieplan“ von Al Qaida, dem zufolge bis 2020 eine weltweite, apokalyptische Konfrontation zwischen einer islamischen Armee des Kalifats und dem Westen herbeizuführen sei; dieser „Endkampf“ würde zwei Jahre dauern, dann würden die Vereinigten Staaten und mit ihnen der ganze Westen kollabieren.

          Ein System gesellschaftlicher Solidarität

          Gemäß den Chefpropagandisten des „IS“ sei die Zeit gekommen, die „Tempel der Götzendienerei“ auch im Westen anzugreifen. Die Angreifer würde als Lohn ein süßer Tod und die Katharsis erwarten, der Westen würde zu reagieren haben und damit seinerseits in den „Endkampf“ zwischen dem Islam und der Welt des Götzendienstes und des Unglaubens eintreten. Die Führer des „IS“ warten also förmlich darauf, dass der Westen ihnen den Krieg erklärt, und sie hoffen, dass diese Vorstellung gerade auch unter Jugendlichen mit prekären Biographien in Europa Wurzeln schlagen wird. Die Rekrutierung muslimischer Jugendlicher in Frankreich und Belgien als Soldaten der Armee des Kalifats scheint diese Hoffnung zu bestätigen.

          Der Entfaltungsraum für die Vorstellungswelten der ultraislamischen Kampfbünde hängt stark davon ab, ob es diesen gelingt, Jugendliche in ihr Solidaritätsnetzwerk einzuspannen. Erfolglos werden die Bünde dann sein, wenn sich diese Jugendlichen in ein System gesellschaftlicher Solidarität eingebettet sehen, das ihnen Lebenspläne und irdische Visionen ermöglicht.

          Aus der Sicht der islamischen Öffentlichkeit habe die Ultraislamisten nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Islam verlassen. Doch die oft gehörte Behauptung, das alles habe nichts mit dem Islam zu tun, greift zu kurz. Vielmehr muss auch die islamische Öffentlichkeit anerkennen, dass in ihren muslimischen Gemeinschaften ein massives Sektenproblem herangereift ist. Will sie auch noch so kleine Teile ihrer Jugend nicht verlieren, muss sie sich dem Problem stellen und fragen, was zum Zerfall geführt hat und wie die Ideale einer friedlichen Ordnung von Islam und Gesellschaft wieder durchgesetzt werden können. Das schließt Kritik und - wie Navid Kermani sagt - den Hader an der Verfasstheit des Islam in der Gegenwart ein.

          Doch solange die Rückzugsgebiete ultraislamischer Bünde in den gescheiterten Gesellschaften Syriens oder des Iraks und in Teilen anderer Gesellschaften im Nahen Osten existieren und solange in den muslimischen Migrationsgemeinschaften im Westen immer neue prekäre Biographien entstehen, werden sich die apokalyptischen Reiter weiter auf ihrem Weg nach Armageddon wähnen.

          Reinhard Schulze, geboren 1953 in Berlin, ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern und lehrte als Gastprofessor an der New York University und der Harvard University. Er ist Herausgeber der Reihe „Social, Economic and Political Studies of the Middle East and Asia“. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören „Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert“ sowie „Der Koran und die Genealogie des Islam“.

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