https://www.faz.net/-gpf-8af6h

Nach den Anschlägen in Paris : Wo der Terror wächst

Dieses Haus im Pariser Vorort Bobigny soll der Attentäter Brahim Abdeslam kurz vor den Anschlägen gemietet haben. Bild: Reuters

Die Terroristen von Paris lebten in den Vorstädten. Das erklärt zwar nicht alles. Doch die Politik bekommt die Probleme in den Vierteln nicht in den Griff. Droht das auch in Deutschland?

          6 Min.

          Einerseits guten Willen, anderseits klägliches Scheitern – diesen Gegensatz symbolisiert heute die „Rue Sadi Carnot“ in der Pariser Vorstadt Drancy. Sie ist eine Durchgangsstraße wie viele andere, benannt nach einem französischen Präsidenten, der Ende des 19. Jahrhunderts von einem Anarchisten ermordet wurde. Doch jetzt hat eine Häusergruppe an der Rue Sadi Carnot noch ein anderes, ein doppeltes Gesicht: Auf der Vorderseite beherbergt sie die „Lokale Mission für die Beschäftigung junger Menschen“. Und nur eine Seitenstraße weiter hinten befindet sich im gleichen Komplex die frühere Wohnung von Samy Amimour. Der französische Terrorist erschoss am Freitag vor einer Woche kaltblütig Dutzende junger Konzertbesucher in Paris und sprengte sich danach in die Luft.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Zurückgewiesen auf dem Arbeitsmarkt, ausgegrenzt aus der Gesellschaft – daher Terrorist geworden? Solche Erklärungsketten würden erheblich zu kurz greifen. Es sind komplexe Umstände, die einen jungen Menschen zur Radikalisierung und Gewalt treiben. Um ihnen auf den Grund zu gehen, ist der Blick auf die Viertel, in denen potentielle Terroristen der westlichen Welt aufwachsen, aber unverzichtbar – in Frankreich, Belgien und auch in Deutschland. Alle Attentäter von Paris sind in französischen oder belgischen Vorstädten groß geworden, die als soziale Brennpunkte gelten. Nicht alle waren arbeitslos oder wirtschaftlich gestrandet, doch sind sie an diesen Orten von islamischen Fundamentalisten angesprochen worden, die aus ihnen Mörder machten.

          Der Bürgermeister von Drancy, Jean-Christophe Lagarde, ist eine Woche nach den Attentaten immer noch aufgebracht. Er kennt die Mutter des Terroristen Amimour persönlich und schwört, dass die Eltern alles taten, um die Radikalisierung ihres Sohnes zu verhindern. Der Vater suchte ihn sogar in Syrien auf und hatte das Wort eines Imams, ihn unter einer Bedingung nach Hause zu schicken: „Wenn er es will“. Amimour wollte nicht. Zu diesem Zeitpunkt, es war im Juni 2014, war der junge Franzose seiner Familie, seinen Freunden und auch dem französischen Staat schon entglitten. Die Behörden in Frankreich hätten viel früher eingreifen müssen, schimpft Bürgermeister Lagarde, der auch Parlamentsabgeordneter und Vorsitzender der Zentrumspartei UDI ist.

          Keine verwahrloste Vorstadt

          „Amimour war den Sicherheitsbehörden genau bekannt. 2012 war er zeitweise in Haft, ihm wurde der Pass abgenommen, weil er in den Jemen reisen wollte. Dennoch ist ihm die Ausreise nach Syrien gelungen.“ Lagarde will auch nicht verstehen, dass man die radikalen Prediger in den französischen Vorstädten unbehelligt ließ. Amimour besuchte die Moschee Casanova des Nachbarortes Le Blanc-Mesnil; sie habe nach Lagardes Worten systematisch Dschihadisten rekrutiert – ein Vorwurf, den die Moschee und der Bürgermeister von Le Blanc-Mesnil abstreiten. Doch Lagarde beharrt auf seinen Vorwürfen und teilt auch gegen die übergeordneten Behörden Frankreichs aus: „Sie sagen uns, wir sollen die Moscheen nicht schließen, weil man dann die Jungen besser überwachen könne. Doch wer wurde in diesem Fall überwacht?“

          Drancy im Nordosten von Paris gehört nicht zu den verwahrlosten Vorstädten, die man selbst tagsüber meiden sollte. Die Grünanlagen sind gepflegt und die Hochhäuser voller Sozialwohnungen nicht ganz so hoch wie in manchen Nachbargemeinden. Die Arbeitslosigkeit von etwa 18 Prozent liegt zwar deutlich über dem nationalen Durchschnitt, doch die Stadt mit ihren 67.000 Einwohnern wirkt nicht nur vergleichsweise aufgeräumt, sondern auch engagiert im Kampf gegen sozialen Notstand. „Ich könnte Ihnen viel erzählen, etwa auch über unsere Kooperation mit Berlin“, sagt Kamel Ouacel, Direktor der lokalen Mission gegen Jugendarbeitslosigkeit. Doch er will nicht reden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mick Mulvaney am Donnerstag bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte

          Ukraine-Affäre : Stabschef Mulvaney bringt Trump in Erklärungsnot

          Der geschäftsführende Stabschef des Weißen Hauses sagt vor der Presse etwas, das er später zurücknimmt: Die amerikanische Regierung habe 400 Millionen Dollar Militärhilfe für die Ukraine zurückgehalten. Damit liefert Mulvaney den Demokraten eine Steilvorlage.
          „Erdogans Krieg – wie machtlos ist Europa?“ war das Thema der Sendung von Maybrit Illner.

          TV-Kritik zu „Maybrit Illner“ : Die Härten der Realpolitik

          Der Einmarsch der Türkei in Syrien beherrscht die öffentliche und politische Debatte auch in Deutschland. „Wie machtlos ist Europa?“ fragte Maybrit Illner ihre Gäste und erhielt eine nüchterne Bestandsaufnahme der deutschen Außenpolitik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.