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Nach den Anschlägen in Paris : Wieder eine Spur nach Brüssel

Das Einwandererviertel Molenbeek in Brüssel Bild: Reuters

Nach den Attentaten von Paris werden Verbindungen der Täter in den Brüsseler Stadtteil Molenbeek gefunden. Nicht zum ersten Mal nach islamistischen Anschlägen steht der Ort im Zentrum des Interesses.

          Für den belgischen Regierungschef gibt es keinen Zweifel. Als Charles Michel am Sonntag im flämischen Sender VRT auf Verbindungen zwischen den Anschlägen in Paris und dem islamistischen Milieu im Brüsseler Stadtteil Molenbeek-Saint-Jean angesprochen wird, gelangt Michel zu einem pauschalen Urteil: „Ich stelle fest, dass es jedes Mal eine Verbindung zu Molenbeek gibt. Das ist natürlich ein Problem.“

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Nach und nach schält sich am Wochenende heraus, dass es enge Verbindungen zwischen den Pariser Anschlägen und dem knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadtteil im Brüsseler Westen geben muss. Am Sonntag bestätigte die oberste belgische Staatsanwaltschaft, dass es sich bei den Leichen von zwei identifizierten Attentätern um Franzosen mit Wohnsitz in Molenbeek sowie der Nachbargemeinde Brüssel, zu der die Innenstadtbezirke der belgischen Hauptstadt gehören, gehandelt habe.

          Auf die belgische Spur sind die Ermittler in Paris schon unmittelbar nach den Anschlägen gestoßen. So war vor dem Konzertsaal Bataclan, wo am Freitagabend mehr als achtzig Menschen getötet wurden, ein VW Polo mit belgischem Kennzeichen sowie einem aus Molenbeek stammenden Parkschein entdeckt worden.

          Tags darauf wurden in einem offenbar aus Paris kommenden Fahrzeug unweit der belgisch-französischen Grenze drei Personen, darunter der Bruder des Mieters des VW Polo, kontrolliert. Bei im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris stehenden Überprüfungen und Hausdurchsuchungen in Molenbeek sind nach Angaben der Bürgermeisterin der Gemeinde, Françoise Schepmans, fünf Personen festgenommen worden. „Man kann davon ausgehen, dass es sich um ein Netz handelt“, sagt die liberale Politikerin am Sonntag im französischsprachigen Fernsehsender RTBF. Später ist von sieben Festnahmen in Molenbeek die Rede.

          Pflaster für islamische Fundamentalisten

          Lange Zeit ist der Name des Stadtteils außerhalb Belgiens allenfalls eingefleischten Fußballfans ein Begriff gewesen. Doch die Zeiten, in denen der örtliche Klub RWDM die belgische Meisterschaft gewonnen hat, liegen schon vier Jahrzehnte zurück. Zählte Molenbeek damals rund 70.000 Einwohner, so dürfte in Kürze die Marke von 100.000 erreicht werden.

          Dies ist einerseits eine Folge der höheren Geburtenrate unter der aus dem Ausland, vor allem aus Marokko stammenden Bevölkerungsgruppe. Sie erklärt sich aber auch durch die großzügige Praxis des Familiennachzugs. Der Ausländeranteil in Molenbeek liegt derzeit bei rund 25 Prozent. Zudem haben etliche Einwanderer die lange Zeit ebenfalls großzügigen Einbürgerungsregeln genutzt und sind belgische Staatsangehörige geworden.

          Bürgermeisterin Schepmans gibt unumwunden zu, dass der sehr dicht besiedelte Stadtteil, der in manchen Vierteln maghrebinisch stämmige Bevölkerungsanteile von achtzig Prozent aufweist, ein lohnendes Pflaster für islamische Fundamentalisten sei. „Für Menschen auf der Durchreise mit sehr schlechten Absichten ist es leichter, anonym zu bleiben“, sagt Schepmans der Zeitung „La Dernière Heure“.

          Polizeieinsatz in Molenbeek am Sonntag

          Sie beschuldigt indirekt auch die Sozialisten, die in Molenbeek über Jahrzehnte den Bürgermeister gestellt haben, durch eine unzureichende Integrationspolitik der Radikalisierung Vorschub geleistet zu haben. Häufig sind es in Belgien geborene Migranten der zweiten Generation, die weder in der Heimat ihrer Eltern noch in Belgien tief verwurzelt sind, deren gesellschaftliche Integration problematisch ist. Als sich Reporter am Sonntag an Marktständen in Molenbeek umhören, überwiegt auch unter Einwanderern die Sorge darüber, dass ihr Wohnort jetzt pauschal in Verruf geraten könne.

          Viele Terrorspuren führen nach Molenbeek

          Dennoch ist der Name der Gemeinde in den vergangenen Jahren immer wieder in Zusammenhang mit Terroranschlägen gebracht worden. Schon im März 2004, bei den Anschlägen auf Madrider Vorortzüge, führte eine Spur bei der Suche nach den Drahtziehern nach Molenbeek.

          Auch der mutmaßliche Attentäter des Anschlags auf das Jüdische Museum, bei dem im vergangenen Jahr vier Menschen getötet wurden, hat einige Zeit in der Gemeinde verbracht. Der für den Anschlag auf den jüdischen Supermarkt in Paris, bei dem im Januar vier Menschen getötet worden waren, verantwortliche Täter soll sich im Brüsseler Westen Waffen beschafft haben. Zwei mutmaßliche Dschihadisten, die wenige Tage später in der ostbelgischen Stadt Verviers durch Spezialeinheiten der Polizei erschossen worden sind, wohnten zuvor in Molenbeek. Und auch bei dem jungen Marokkaner, der im August in einem von Brüssel nach Paris fahrenden Hochgeschwindigkeitszug Thalys nur durch beherzt eingreifende Mitreisende an einem mörderischen Anschlag gehindert wurde, führte die Spur in den Brüsseler Stadtteil.

          Der belgische Innenminister Jan Jambon kündigt nach den Anschlägen am Sonntag an, er wolle gemeinsam mit der belgischen Bundespolizei in Molenbeek gründlich „aufräumen“. Er verweist auf das Beispiel von Antwerpen und auf den Brüsseler Vorort Vilvoorde.

          474 Belgier in den Kampf nach Syrien gezogen

          Dort gebe es erhebliche Erfolge im Umgang mit den Problemen des islamischen Fundamentalismus und mit Kämpfern, die nach Syrien gehen oder von dort zurückkehren. „Wir sind das einzige Land, in dem es schon so viele Verurteilungen von Syrienkämpfern gegeben hat“, erläutert Jambon im Fernsehsender VRT.

          Die Leiterin der Bundespolizei, Catherine De Bolle, sagt, nach Erkenntnissen ihrer Behörde seien bisher 474 Menschen aus Belgien nach Syrien in den Kampf gezogen. Rund 130 seien inzwischen zurückgekehrt, 200 befänden sich nach wie vor in Syrien, 77 seien dort getötet worden.

          Auch wenn es unmöglich sei, jeden Syrienkämpfer ununterbrochen 24 Stunden am Tag zu beschatten, werde ihre Behörde alle Hebel mit diesem Ziel in Bewegung setzen. De Bolle gibt jedoch auch zu bedenken: „Ich kann keine Garantie dafür übernehmen, dass es in unserem Land nicht zu Anschlägen kommt“.

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