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Nach Axt-Attacke im Zug : Gewerkschaft will Zugfahrer besser schützen

Ein Kameramann filmt in Würzburg den Regionalzug, in dem die Attacke stattfand. Bild: dpa

Nach der Axt-Attacke hat die Bahngewerkschaft EVG sehr schnell Vorschläge parat. Ein Fachmann für Sicherheit dämpft die Hoffnung auf größere Sicherheit im Zug allerdings.

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          Kaum ist die Axt-Attacke im Regionalzug bekannt geworden, meldet sich die Bahngewerkschaft EVG zu Wort. Die Hintergründe seien zwar noch nicht ausreichend aufgeklärt, schreibt sie. „Gleichwohl macht dieser Zwischenfall deutlich, dass Gewalt, die unvermutet gegen Unbeteiligte ausgeübt wird, immer mehr zu einem Problem wird“, lässt der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner noch vor Mitternacht verlauten.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Bahnmitarbeiter und Reisende müssten besser vor tätlichen Angriffen geschützt werden. Die Sicherheitskonzepte der Aufgabenträger, Bahnunternehmen und Sicherheitsorgane müssten kritisch hinterfragt werden, forderte Kirchner. Mehr Videoüberwachung verhindere keine Gewalttaten gegen Dritte.

          Nach Angaben der EVG sind inzwischen viele Regionalzüge ohne Zugbegleiter unterwegs, weil die Länder an dieser Stelle sparen. Kirchner sagte: „Wir wollen, dass auf jedem Zug in Deutschland mindestens ein Zugbegleiter eingesetzt wird, in kritischen Bereichen fordern wir eine Doppelbesetzung sowie den Einsatz von qualifiziertem Sicherheitspersonal.“

          Mehr Sicherheitskräfte, mehr Polizei auf Bahnhöfen und Zügen? Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, warnte am Dienstag vor falschen Illusionen. „Es ist eine Utopie zu glauben, wir könnten vor jedem Bahnhofsabteil und überall auf den Bahnhöfen und Flughäfen mit so viel Personal präsent sein, dass wir bewaffnete Angriffe von radikalisierten Einzeltätern verhindern können“, sagte er.

          „Würden Infrastruktur zum Erliegen bringen“

          Im Bahnverkehr seien nicht dieselben Kontrollen von Passagieren möglich wie im Luftverkehr. „Wir würden die öffentliche Infrastruktur zum Erliegen bringen, wenn wir solche Sicherheitsstandards einführen wollten.“ Sinnvoll sei es aber, die Bundespolizei vernünftig auszustatten, damit sie auf Bahnhöfen und in Zügen präsent sei. Auch das Sicherheitspersonal der Bahn könne noch besser ausgerüstet werden. Bei der Polizei seien in den vergangenen Jahren mehr als 17.000 Planstellen gestrichen worden, obwohl die Aufgaben zugenommen hätten. In Deutschland würden mindestens 20.000 Polizisten mehr gebraucht.

          Wegen der terroristischen Bedrohung hat die Bahn die Zusammenarbeit mit den Polizei- und Sicherheitsbehörden schon seit längerer Zeit intensiviert. Denn niemand bezweifelt, dass es auch den Schienenverkehr treffen kann: Im Juli 2006 scheiterte ein islamistischer Terroranschlag auf deutsche Züge, weil die beiden eingesetzten Kofferbomben falsch konstruiert waren. Im August vorigen Jahres ereignete sich im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris ein Anschlag, als ein islamistischer Attentäter das Feuer auf Fahrgäste eröffnete. Ziel der Brüsseler Attentäter im März war auch ein Bahnhof, die Metrostation Maalbeek.

          Erst vor wenigen Tagen berichtete die Bahn vom Einsatz sogenannter Körperkameras („Bodycams“) gegen alltägliche Gewalt. Dabei tragen die Sicherheitskräfte Kameras auf Höhe der Brust, die Aufnahmen werden auf einen Monitor desselben Geräts übertragen. Ein Angreifer sieht sich also während des Angriffs selbst. In Konfliktsituationen können die Sicherheitskräfte die Bilder auf Knopfdruck speichern. Die Bodycams sollen nicht nur Beweismaterial sichern, sondern vor allem Angreifer abschrecken. Der Pilotversuch läuft derzeit auf drei Berliner Bahnhöfen. Die Videotechnik an Bahnhöfen und in Zügen wird kontinuierlich ausgebaut.

          160 Millionen jährlich für Sicherheit

          Doch nicht nur Technik soll helfen. Die Mitarbeiter würden sensibilisiert und geschult, verspricht die Bahn. Vor wenigen Wochen habe man außerdem eine Taskforce Sicherheitstechnik gegründet, die an Systemen arbeite, um Kunden und Mitarbeiter noch besser zu schützen. Die Erkenntnisse aus der Tat in Würzburg sollten in die Überprüfung des Sicherheitskonzepts einfließen. In Deutschland sind 5000 Bundespolizisten und 3700 Sicherheitskräfte in Zügen und Bahnhöfen im Einsatz.

          Die Bahn investiert rund 160 Millionen Euro jährlich in die Sicherheit von Kunden und Mitarbeitern. Schon heute sind in Deutschland etwa 700 Bahnhöfe mit rund 5000 Kameras ausgerüstet. Auch die Bahn warnt indes: „Bei täglich 40.000 Zugfahrten und über sieben Millionen Reisenden allein in Deutschland kann trotz aller Anstrengungen niemand verantwortungsvoll eine hundertprozentige Sicherheit im System Bahn garantieren.“

          Zeitaufwendige Pass- und Sicherheitskontrollen wie an Flughäfen gibt es im deutschen Bahnsystem nicht. Grenzüberschreitende Zugreisende kennen solche Sicherheitsstandards aus dem Schienenverkehr durch den Ärmelkanal. Wer in London, Paris oder Brüssel in einen „Eurostar“ einsteigen will, muss im Hinblick auf Messer, andere Waffen oder brennbare Substanzen ähnliche Einschränkungen hinnehmen wie Fluggäste.

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