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In den Pariser Banlieues : Mit Sokrates und Seneca gegen den Terror

Das Franzosentum fällt nicht vom Himmel: Der engagierte Altphilologe im Unterricht Bild: Frank Röth

Auch nach den Terroranschlägen bleibt Augustin d’Humières unbeirrbar. Der Lehrer leitet eine Schule in einem sozialen Brennpunkt bei Paris. Mit antiken Texten will er jungen Franzosen mit Migrationshintergrund Halt und Zukunft geben.

          Frankreich ist im Krieg, sagt der Präsident, aber Yannis ist nicht einverstanden. Gerade hat er zusammen mit seinen Klassenkameraden laut „non“ gerufen auf die Frage, ob er sein Land „im Krieg“ sehe. „Krieg ist für mich etwas anderes“, sagt er und zählt den Ersten und den Zweiten Weltkrieg auf, die Kolonialkriege und „vielleicht noch“ den Kalten Krieg. Yannis ist 17 Jahre alt, so alt wie das jüngste der 130 Opfer der Terroristen in Paris. Er wächst nicht weit entfernt von den Cafés, Restaurants und dem Konzertsaal „Bataclan“ im Osten der Hauptstadt auf, aber zwischen dem 10. und 11. Arrondissement und seiner Umgebung liegen Welten.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Seine Oberschule, das Lycée Jean Vilar, liegt in einem dieser Banlieue-Viertel mit Sozialbautürmen, für das die Franzosen die Bezeichnung „sensible urbane Zone“ erfunden haben. Cafés, Restaurants und oder gar Konzertsäle zum Ausgehen gibt es in „Beauval“ nicht. Geld für abendliche Vergnügungstouren in Paris haben die meisten Heranwachsenden auch nicht.

          Yannis und seine Klassenkameraden identifizieren sich mit den Opfern der Terroranschläge. Sie sprechen über ihre Betroffenheit, ihre Trauer und ihren Zorn. Nur mit der Kriegsrhetorik der Regierung können sie nichts anfangen. „Es wird immer über Syrien geredet, aber fast überhaupt nicht darüber, dass die meisten Terroristen Franzosen waren“, sagt Vinush. Im Fernsehen seien jetzt ständig Bilder vom Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ zu sehen und von Kampffliegern, die mit hoher Geschwindigkeit in den blauen Himmel abheben. Wie es nach den Bombenabwürfen aussieht, Bilder von Verletzten, Toten oder zerstörten Häusern würden aber nicht gezeigt.

          „Es ist jetzt plötzlich ganz angesagt, Soldat zu werden“

          Der „Krieg“, von dem der Präsident so viel rede, sei „irgendwie unwirklich“. „Aber vielleicht sollen wir uns auf den Krieg in Syrien konzentrieren, um uns nicht mit Frankreich zu beschäftigen“, sagt der 16 Jahre alte Vinush. Es ist sein letztes Jahr an der Schule. Zusammen mit seinen Klassenkameraden legt er im nächsten Frühjahr die Prüfungen zum „Baccalauréat“ ab, dem französischen Abitur. Der erste „Kriegsjahrgang“, wenn man den Schlagzeilen über die „Zäsur des 13. November“ folgt. „Le Figaro“ schreibt schon von einem „französischen Erwachen“. Präsident Hollande spricht beim Staatsakt von einer „neuen Generation“.

          Druscillia glaubt hingegen, dass die Regierung an einem Ablenkungsmanöver interessiert ist: „Solange alle nur über den Krieg reden, sind sie davon abgelenkt, an all das zu denken, was in Frankreich schiefläuft.“ Issa spricht über „die hohe Arbeitslosigkeit“ und wie schwierig es ist, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, wenn man vom Lycée Jean Vilar kommt. „Aber darüber wird jetzt nicht diskutiert“, bedauert Issa. Er findet, dass es im Alltag doch so etwas wie eine Militarisierung gibt. „Überall sieht man Soldaten in Uniform mit Waffen“, sagt Issa.

          Früher sei das nur bei besonderen Anlässen der Fall gewesen, etwa bei der Militärparade zum 14. Juli. Guillaume erzählt von früheren Klassenkameraden, die sich bei der Armee engagieren wollten. „Sie träumen davon, für Frankreich zu kämpfen“, sagt Guillaume. „Es ist jetzt plötzlich ganz angesagt, Soldat zu werden.“ Selbst kann er sich nicht vorstellen, zum Dienst an der Waffe eingezogen zu werden. Eine Rückkehr zur Wehrpflicht, wie es einige Politiker nun fordern, lehnt die Klasse mehrheitlich ab.

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