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Muslimische Einwanderer : Frankreich, geliebt, gehasst

Muslime in Paris in diesem Sommer Bild: dpa

Für viele muslimische Einwanderer ist Frankreich ein Land der Hoffnung. Doch Enttäuschte und Verführte nutzen es seit dem Algerienkrieg als Schlachtfeld ihrer Kriege.

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          Kriege, Aufruhr und Terror – diese Begriffe gehören seit Jahrzehnten zu den Beziehungen Frankreichs mit Teilen Afrikas, insbesondere zu ehemaligen Kolonialgebieten im Maghreb und in Westafrika. Das Blut, das dabei seit Mitte der fünfziger Jahre in Algerien und Marokko fließt, mischt sich mit den Idealen der französischen Aufklärung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit: Halb Afrika spricht Französisch, aber viele in Afrika haben auch gegen Frankreich gekämpft.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Frankreich empfindet sich als Kulturmacht, jedoch ebenso als internationale Polizei in Jahrzehnten der Kriege und Bürgerkriege, so wie zuletzt bei der „Operation Serval“ in Mali oder bei der Luft-Intervention im libyschen Bürgerkrieg. Anerkennung, aber auch Todfeindschaften sind die Folge.

          Allein in Algerien fielen dem Kolonialkrieg der französischen Armee gegen die nationale Befreiungsfront etwa 300.000 Zivilisten zum Opfer. Als Fallschirmjäger war damals Jean-Marie Le Pen beteiligt, der spätere Gründer des Front National.

          After a moment of silence to remember the victims of the #ParisAttacks the French National Assembly breaks into a spontaneous rendition of La Marseillaise for the first time since the liberation of France after WW1 on 11 November 1918.

          Posted by BBC News on Dienstag, 13. Januar 2015
          Nach einer Schweigeminute der französischen Nationalversammlung für die Opfer der Anschläge in Paris, stimmen die Politiker spontan die französischen Nationalhymne an. Zum ersten Mal nach dem Befreiungstag des ersten Weltkrieges am 11. November 1918.

          Hunderttausende Einheimische und französische Siedler flohen nach Frankreich, das selbst zum Schlachtfeld der Auseinandersetzungen wurde: Bombenanschläge, Attentate und sogar ein Putschversuch erschütterten Paris Anfang der sechziger Jahre.

          Wellen von Wirtschaftsmigranten aus dem Maghreb

          Eine Folge der Kolonialkriege auf dem Weg zur Unabhängigkeit waren mehrere Millionen Einwanderer aus den ehemals französischen Gebieten, vor allem aus Algerien, aber auch aus Schwarzafrika und Indochina, wo ebenfalls ein blutiger Kolonialkrieg ausgefochten wurde. Der Unabhängigkeit folgten insbesondere aus dem Maghreb Wellen von Wirtschaftsmigranten.

          Denn beispielsweise in Algerien gelang es der alternden, korrupten Führung nicht, die immensen Rohstoffschätze zum Aufbau einer eigenen Wirtschaft zu nutzen und ihrer Jugend eine Perspektive zu geben. Die jungen Leute wanderten aus, suchten Arbeit und Freiheit in Frankreich. Aber viele fanden dort nur ein Dasein in den berüchtigten Vorstädten, den Banlieues.

          Das Trauma des Algerienkriegs wirkt noch heute in Frankreich nach
          Das Trauma des Algerienkriegs wirkt noch heute in Frankreich nach : Bild: dapd

          Die Verwicklung Frankreichs in die Kriege und Bürgerkriege im Nahen Osten und in Afrika führten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auch zu Anschlägen im Land selbst. So explodierten bei einer Terrorserie zwischen Dezember 1985 und September 1986 elf Bomben in Pariser Kaufhäusern, Geschäften, Märkten und Büros. Bei dem Attentat am Billig-Kaufhaus „Tati“ in der Rue des Rennes starben im September 1986 sieben Menschen, 55 wurden zum Teil schwer verletzt.

          Kopf der damaligen Attentäter war ein in Frankreich geborener Tunesier und Anhänger der radikal-islamistischen Hizbullah (Partei Gottes). Er wollte mit den Anschlägen Terroristen freipressen, die in Frankreich inhaftiert waren.

          In den brodelnden Banlieues kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen und zu Straßenschlachten mit der Polizei, ausgelöst durch angebliche Willkürakte der Behörden, forciert von überwiegend maghrebinischen Jugendbanden. Brandstiftungen gehörten dabei zum Alltag.

          2005 wurden bei Unruhen, die fast drei Wochen andauerten, mehrere tausend Autos zerstört. Die Polizei nahm etwa 2500 Personen fest, überwiegend junge Leute. Marine Le Pen forderte damals den Einsatz der Armee in den Vorstädten und den Ausnahmezustand.

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          Terrorangriffe durch Rückkehrer

          In den vergangenen Jahren wurden diese Quartiere aber auch Reservoirs für Islamisten und Rekrutierer des Terrors. Mehr als 1550 Kämpfer soll der „Islamische Staat“ in Frankreich für den Krieg in Syrien angeworben haben. Das sind mehr als in jedem anderen europäischen Land.

          Und was für Deutschland bisher ein theoretisches Szenario ist, haben Frankreich und Belgien schon erlebt: Terrorangriffe durch Rückkehrer. So tötete der Franzose Mehdi Nemmouche im Mai vorigen Jahres vier Menschen im jüdischen Museum in Brüssel. Der Syrien-Rückkehrer soll außerdem ein Attentat zum Nationalfeiertag in Paris geplant haben, bei dem er möglichst viele Menschen in aller Öffentlichkeit töten wollte – ähnlich, wie es jetzt in Paris tatsächlich geschehen ist.

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