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Terror und Migration : Der trübe Blick

Migranten in Schönefeld Bild: dpa

Die große Koalition warnt davor, die Themen Terrorismus und Migration zu verknüpfen. Beruhigend wirken solche Belehrungen freilich nicht. Sie werden als Verschleierungsversuche verstanden. Denn es gibt Zusammenhänge.

          Es ist nicht überraschend, dass Politiker der großen Koalition in einer ans Verbieten grenzenden Tonlage davor warnen, die Themen Terrorismus und Flüchtlingskrise zu verknüpfen. Sie fürchten ein endgültiges Umschlagen der öffentlichen Stimmung. Die war schon vor dem Massaker in Frankreich äußerst angespannt. Die Selbstbegeisterung über die „Willkommenskultur“ ist in weiten Teilen der Bevölkerung der Sorge gewichen, dass Deutschland es nicht schaffe, mit den vielfältigen Herausforderungen durch die Masseneinwanderung fertig zu werden. Dazu zählt die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung und der inneren Sicherheit. Gerade auf diesem Feld sah der deutsche Staat in den vergangenen Monaten jedoch am schwächsten und schlechtesten aus – so, wie man sich einen Staat besonders in Zeiten des Terrors nicht wünscht.

          Es stimmt, dass viele Migranten, die nach Deutschland kommen, vor ebenjenem Ungeheuer flüchten, das hinter dem Massaker von Paris und vielen anderen unfassbaren Bluttaten steht. Und dass man ihnen Schutz gewähren muss. Doch kamen nicht nur vor Krieg und Vergewaltigung flüchtende Frauen und Kinder ins Land. Es kamen und kommen, vielfach unregistriert, auch Hunderttausende von jungen muslimischen Männern, und nicht alle von ihnen sind Pazifisten.

          Rekrutierung in Parallelwelten

          Bisher sollen keine Terroristen unter ihnen gewesen sein. Die Behörden berichten, dass Attentäter andere Wege bevorzugten. Das trifft in mehrfach beunruhigender Weise zu. Die islamistischen Terrororganisationen rekrutieren die Soldaten für ihren Weltkrieg neuen Typs zunehmend direkt im Westen – in jenen Parallelwelten, die offenkundig kaum zu kontrollieren sind, in Frankreich nicht und auch nicht in Deutschland. Der Zustrom von jungen muslimischen Männern wird diese Milieus, die schon jetzt zu viele „Gotteskrieger“ und ihre Unterstützer hervorgebracht haben, weiter anwachsen lassen. Die Gefahren, die vom „hausgemachten“ Terrorismus ausgehen, nehmen aber mit jedem jungen Mann zu, der den auch in Deutschland aktiven Werbern des militanten Islamismus auf den blutigen Leim geht.

          Dem will die Koalition durch schnelle Integration und die Erziehung der Migranten zu Verfassungspatrioten vorbeugen. Das ist ein lobenswerter Versuch, denn tatsächlich wird der weltumspannende Kampf gegen den Islamismus am Ende nur in den Köpfen gewonnen werden können. Doch wird diese Gegenmissionierung unter den Bedingungen des Massenandrangs viel besser gelingen als in der Vergangenheit? Viel besser als in Frankreich?

          Zweifel bleiben

          Man muss es Deutschland wünschen. Dennoch bleiben Zweifel. Die treiben auch viele Bürger um – und hin zu jenen Parteien und Bewegungen, welche die Besorgten einsammeln. Die Mahnungen aus der großen Koalition, die Themen Terrorismus und Migration nicht zu vermischen, obwohl sie in vielfältiger Weise zusammenhängen, zielen darauf ab, diese politische Wanderungsbewegung und die Verschärfung der innenpolitischen Auseinandersetzung zu verhindern. Doch bewirken solche kontrafaktischen Belehrungen oft genug das Gegenteil. Sie werden als Versuche gewertet, die existierenden und erst recht die aufziehenden Probleme kleinzureden oder ganz zu bestreiten. Ein Kirchenpräsident forderte die Deutschen auf, sich in den gegenwärtigen Diskussionen „den Blick nicht trüben zu lassen“. Es ist klar, vor wem er warnte. Viele Bürger aber werden, wenn sie von Verschleierungsversuchen in der Flüchtlingsdebatte hören, zuerst an die große Koalition denken.

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