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Axt-Angriff bei Würzburg : Es geht nicht nur um mehr Polizei

Polizisten stehen neben dem Regionalzug, in dem ein 17-jähriger Afghane mehrere Menschen lebensgefährlich verletzt hat. Bild: dpa

Die „Axt-Attacke“ von Würzburg zeigt, dass Integrationspolitik an ihre Grenzen stößt. Denn eigentlich lief zunächst alles, wie es laufen sollte.

          3 Min.

          Das neue Gesicht des islamischen Terrors trägt die Züge des Amokläufers. Nizza, Essen, Brüssel – die Orte in Europa häufen sich, an denen getötet wird, ohne dass es dafür eines Auftrags, eines Befehls bedurft hätte. Es reicht eine innere Stimme, aus welchem verrückten Winkel sie auch immer kommen mag. Manchmal kommt sie über Nacht. Passt die Tat dann zu den Kriegserklärungen des „Islamischen Staats“ – und dafür reicht ein „Allahu akbar!“ –, lässt das Echo nicht lange auf sich warten. Auch im Fall der „Axt-Attacke“ in Würzburg dauerte es nur Stunden, bis die Islamisten im Nahen Osten den Anschein erwecken konnten, als laufe alles nach ihrem Drehbuch.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die Rekrutierer dieser turboradikalisierten Einzelgänger haben, sofern ihre direkte Agitation angesichts virtueller Propaganda überhaupt noch nötig ist, anscheinend leichtes Spiel. Die Islamisten leben davon, den Eindruck zu erwecken, als griffen sie in ein großes Reservoir, um jederzeit Selbstmörder aktivieren zu können, die andere mit in den Tod reißen. Das ist ihr Kalkül auch in Deutschland, wo Misstrauen, Angst und Panik entstehen sollen, weil Kämpfer als Flüchtlingswellenreiter eingeschleust wurden oder aber Flüchtlinge und Migranten für den Terror eingespannt werden.

          Für die Integrationspolitik kann das zur Zerreißprobe werden, wenn Staat und Gesellschaft so reagieren, wie es die Terrorstrategen gern hätten. Sie wird aber auch dann zur großen Belastungsprobe, wenn Staat und Gesellschaft nicht reagieren. Der Verfassungsschutz und die Kriminalämter haben die Islamisten im Auge, die im Netz, in Schulen, Lagern und Heimen agitieren. Der Gesetzgeber könnte allerdings mehr tun, um es den Diensten zu erleichtern, ihrerseits Mitarbeiter zu rekrutieren oder das „Befragungswesen“ zu intensivieren (warum ist eigentlich das gleichnamige Amt 2014 geschlossen worden?). Angesichts der seit Jahren vor sich hin dilettierenden, antiamerikanisch eingestellten Berliner Geheimdienstdebatte wäre es allerdings keine Überraschung, wenn entsprechende Vorschläge als Stasi-Methoden denunziert würden.

          Es geht nicht nur um mehr Polizei und Überwachung

          Es geht aber nicht nur um mehr Polizei, mehr Geheimdienst, mehr Überwachung. Im Fall des Würzburger „minderjährigen unbegleiteten Flüchtlings“, wie Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, im Behördenjargon genannt werden, ist zunächst alles so gelaufen, wie es laufen sollte. Erstaufnahme, dann Obhut des Jugendamts, Unterbringung in einem Heim, schließlich Unterbringung in einer Pflegefamilie – das gilt sogar als Idealfall. Allein im vergangenen Jahr waren so nach Angaben des Landkreistags etwa sechzigtausend Minderjährige untergebracht worden, davon allein fünfzehntausend in Bayern – jeder zweite davon aus Afghanistan. Die Jugendämter haben damit eine Herkulesaufgabe geschultert.

          Bedenken gab es seit Beginn der Flüchtlingskrise aber, ob sie dieser Aufgabe tatsächlich gewachsen seien. Konnten sie das in so kurzer Zeit überhaupt? Mag sein, dass es zu lange dauerte, bis die Jugendlichen aus Sammellagern und Heimen gleichmäßig über ganz Deutschland in Jugendhilfeeinrichtungen verteilt und von den Jugendämtern in private Haushalte übergeben wurden. Mag auch sein, dass die Belastungen der Kommunen in der Jugendhilfe schon vorher zu groß geworden sind. Die Bedenken richteten sich aber nicht nur auf Kapazitäten, sondern auch auf die Expertise. Es ist ein Unterschied, Kinder aus Problemfamilien in Deutschland zu betreuen oder traumatisierte Jugendliche aus fernen Kriegsgebieten an ein fremdes Land und dessen Sprache, an eine andere Kultur, ein neues Leben zu gewöhnen.

          Daraus lassen sich Konsequenzen ziehen, die langfristig wirken. Was aber sollte kurzfristig helfen? Der unschätzbare Vorteil deutscher Zustände gegenüber denen vieler anderer europäischer Länder, auch Frankreichs, liegt darin, dass nicht nur auf „dezentrale Unterbringung“ geachtet wird, sondern diese Dezentralität dem Staat schon eingeimpft ist: Integration gelingt entweder den Städten und Kreisen, heißt es dazu unter den Praktikern gern, oder sie gelingt gar nicht. Wenn es also „Helden der Integration“ gibt, dann nicht unter den Meistern zentralstaatlicher Vogelperspektive, sondern in den Kommunen. Es wäre ein Fehler, daran etwas zu ändern.

          Moscheegemeinden müssen an einem Strang ziehen

          Ändern ließe sich trotzdem etwas. Es gibt viele örtliche Initiativen, vom runden Tisch bis zum Migrationszentrum, um islamischen Radikalen das Handwerk zu legen. Das wird nur Erfolg haben, wenn auch die Moscheegemeinden an einem Strang ziehen. Neunzig Moscheen müssen ständig vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Das ist ein Zeichen dafür, dass weder die muslimischen Gemeinden noch die Islamverbände in Deutschland begriffen haben, worum es geht, wenn die Integration islamisch geprägter Einwanderer von islamistischen Verbrechern belagert wird.

          Gilt das auch noch für die Opposition und Teile der Bundesregierung? Die Kommunen und Jugendämter können vieles leisten. Sie können aber niemandem die Einsicht abnehmen, dass Illusionen, die von Politikern und Schleppern unter den Wanderungswilligen genährt werden, in enttäuschten Hoffnungen enden müssen. Oder auch in hoffnungsloser Enttäuschung. Darauf sind Extremisten spezialisiert.

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