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Kampf gegen IS : Obamas kühle Rechnung

Hat Amerika eigentlich den Verstand verloren? Es fällt schwer, den Wahlkampf der Republikaner zu verfolgen, ohne diese Frage zu stellen. Präsident Obama jedoch handelt in seiner Strategie gegen den IS weiter rational.

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          Hat Amerika eigentlich den Verstand verloren? Es fällt schwer, den Wahlkampf der Republikaner zu verfolgen, ohne diese Frage zu stellen. Donald Trump und Ted Cruz, die beiden Führenden im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur, reden so, als hätten sie die letzten Jahre auf dem Mond gelebt.

          Trump schlug diese Woche vor, die Familien von Terroristen auszulöschen, um den Kampf gegen den Terror zu gewinnen. Cruz erklärte derweil, dass ausgerechnet Bombenteppiche das Mittel seiner Wahl seien, um Terroristen gezielt auszuschalten. Man möchte sich nicht ausmalen, was aus Amerika wird, sollte einer der beiden Großstrategen ins Weiße Haus einziehen.

          Barack Obama hat sich entschieden, bei diesem Krawall nicht mitzumachen - auch wenn ihn das in den Augen eines beträchtlichen Teils seiner Landsleute wie einen Schwächling aussehen lässt. Der Präsident teilte stattdessen seine Gedanken mit ein paar Leitartiklern.

          Es kann ihn nicht überrascht haben, dass sie sich hernach mit umso größerer Wucht verbreiteten. Die Welt weiß jetzt, warum Obama keine eigenen Truppen für eine Bodenoffensive gegen den „Islamischen Staat“ nach Syrien und in den Irak schicken will.

          Er müsste jeden Monat mit 100 toten Männern, 500 Verwundeten und Kosten von 10 Milliarden Dollar rechnen - so haben es ihm seine Generäle aufgeschrieben. Nur in einem Fall wäre der Präsident bereit, solche Verluste in Kauf zu nehmen: wenn Terroristen zu einer existentiellen Gefahr für Amerika würden, so dass das normale Leben dort nicht mehr möglich wäre.

          Wann würde dieser Fall eintreten? Sicher nicht, wenn zwei Personen, die in loser Verbindung zum IS stehen, 14 Menschen auf einer Weihnachtsfeier töten. Und auch nicht, wenn Terrorkommandos wie in Paris auf Restaurantbesucher schießen und ein Blutbad in einer Konzerthalle anrichten.

          Die Pariser gehen weiter aus, die Halle wird im nächsten Jahr wieder eröffnet. Es müsste schon eine Katastrophe vom Ausmaß des 11. Septembers sein - sie traf das gesamte Land ins Mark und zog erhebliche Beschränkungen der Freiheitsrechte aller Amerikaner nach sich.

          Konsequenz aus dem desaströsen Krieg im Irak

          Nein, Amerika hat nicht den Verstand verloren. Sein Präsident wägt kühl und rational ab, was ein Militäreinsatz bedeutet. Er zieht damit die Konsequenz aus dem Krieg gegen Saddam Hussein, den auch seine Landsleute heute in anderem Licht sehen: Saddam hat Amerika nie existentiell bedroht, und Amerika hat es nicht geschafft, sich als Ordnungsmacht der islamischen Welt zu etablieren.

          Gibt es eine europäische Regierung, die derzeit bereit wäre, den Preis für Bodentruppen in Syrien und im Irak zu zahlen? Selbst Frankreich, dessen Regierungschef dem IS nach dem Terror von Paris den „totalen Krieg“ erklärte, ist dazu nicht bereit. Von Berlin ganz zu schweigen.

          Obama und alle, die seinen Kurs stützen, müssen jetzt daran arbeiten, dass Syrer und Iraker sich selbst gegen die Söldner des IS erheben, darunter viele Fremde. In Syrien wird das nur gelingen, wenn der andere Krieg beigelegt wird, der um die Macht in Damaskus.

          Dazu dienen die Verhandlungen in Wien, die nun mit der Resolution des UN-Sicherheitsrats auf ein festes Fundament gestellt worden sind. Noch ist das nur ein Rahmen, die Interessenkonflikte der Akteure bestehen weiter. Aber es wäre viel gewonnen, wenn sie am grünen Tisch ausgetragen würden statt mit Waffen.

          Bei den nächsten Schritten kommt es entscheidend auf Russland an. Moskau will seinen Einfluss und seine Militärbasis in Syrien sichern, es hat aber nichts in einer schiitischen Achse von Teheran bis Damaskus verloren. Das ist der Hebel, um die Assad-Allianz zu lösen.

          Der Westen müsste Russland entgegenkommen, so schwer das ist. Putin wiederum muss wissen: Das Fenster für eine Einigung steht womöglich nur offen, solange Obama regiert. Denn der nächste amerikanische Präsident könnte Gefallen daran finden, russische Flugzeuge abzuschießen.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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