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Islamismus in NRW : Die Spur von „Millatu Ibrahim“

Rund 40 zum Teil auch überregional verbundene Islamistengruppen gibt es in Nordrhein-Westfalen, vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet. Bild: Illustration F.A.S.

Nirgends sonst in Deutschland sind extremistische Salafisten so aktiv wie in Nordrhein-Westfalen. Das hat viel mit zwei Fanatikern zu tun.

          Nils D. aus Dinslaken galt als unauffällig. Aber was bedeutet das schon bei einem bekennenden Islamisten, bei einem Mitglied der berüchtigten „Lohberger-Brigade“, das gerade erst aus Syrien zurückgekehrt war? Also wurde Nils D. „unter Wind“ gehalten, wie Staatschützer sagen. D. wurde wochenlang observiert. Dann entschieden die Sicherheitsbehörden: Zugriff! Am Abend des 10. Januar stoppten maskierte Spezialkräfte den Extremisten in seinem Auto. Es war Zufall, dass D. nur drei Tage nach dem Terroranschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris festgenommen wurde.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Er hatte nichts mit dem Anschlag zu tun. Aber in seinem eigenen Ermittlungsfall gab D. in jenen Tagen selbst die entscheidenden Hinweise. Freimütig erzählte er einem Freund in seinem Auto, was er so in Syrien getrieben hatte. Die Ermittler konnten alles mithören. Der Kleinwagen von D. war verwanzt. Nils D. ist wertvoll für die Terror-Ermittler in Deutschland. Denn in den zwei Dutzend Vernehmungen seit seiner Festnahme und erst vor wenigen Tagen als Zeuge in einem Prozess am Oberlandesgericht Celle gegen zwei Syrien-Heimkehrer gab der 25 Jahre alte Mann umfangreich Auskunft: über IS-Interna, sich und andere deutsche IS-Kämpfer.

          Von April bis November 2014 war D. demnach beim „Sturmtrupp“ des IS. Diese Spezialeinheit, die Deserteure gnadenlos verfolgt, foltert und hinrichtet, gilt wegen ihrer vielen deutschen Mitglieder als „Gestapo des IS“. Nils D. selbst bestreitet, an Gewalttaten beteiligt gewesen zu sein. Sein Prozess soll Anfang kommenden Jahres im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts beginnen.

          Nirgendwo in Deutschland sind extremistische Salafisten so aktiv wie in Nordrhein-Westfalen; rund 40 zum Teil auch überregional verbundene Islamistengruppen gibt es dort, vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet. Kurz nach dem „Charlie-Hebdo“-Attentat warnte der Verfassungsschutz, dass sich die Gefährdung durch islamistische Extremisten „dramatisch zugespitzt“ habe.

          Zusätzliche Motivation durch Anschläge in Paris

          Jene, die sich mit solchen Anschlägen beschäftigten, hätten durch Paris eine zusätzliche Motivation bekommen, sagte Innenminister Ralf Jäger. Weil die Taten planerisch und logistisch weniger aufwendig seien als bisherige Anschläge, habe sich die Zahl möglicher Täter vergrößert. Und nun, nach den neuen Anschlägen von Paris, erhöhte der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz seine Angaben zu möglichen gewaltbereiten Salafisten um 200 auf aktuell 500 Personen.

          Die neue, bis heute fortdauernde Phase der forcierten dschihadistischen Radikalisierung in Deutschland begann 2011 mit „Millatu Ibrahim“, der „Gemeinschaft Abrahams“ von Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert. Der Österreicher Mahmoud zählt zu den Wegbereitern des Dschihadismus im deutschsprachigen Raum. Schon vor Jahren rief er zu Terrorakten auf, wütete gegen Demokratie als „falsche Religion“, den Westen und alles, was ihm „ungläubig“ erschien. 2007 wurde der Extremist in Österreich zu vier Jahren Haft verurteilt. Direkt nach seiner Entlassung siedelte Mahmoud nach Berlin zu Cuspert über.

          Cuspert, der in Berlin immer wieder durch Straftaten und Drogenprobleme auffiel, hatte zunächst unter dem Namen „Deso Dogg“ versucht, sich eine Karriere als Gangsta-Rapper aufzubauen. Doch der erhoffte Durchbruch blieb aus. Parallel zu seiner kriminellen Karriere war Cuspert seit einigen Jahren auf Sinnsuche, wandte sich immer stärker der islamistischen Ideologie zu, entsagte schließlich seinem bisherigen Lebensstil ganz und präsentierte sich als „neugeboren“.

          „Millatu Ibrahim“ wurde zum Sammlungsort

          Statt Rap-Musik veröffentlichte Cuspert nun salafistische Sprechgesänge. „Wacht doch auf“ hieß Anfang 2011 sein erstes Kampflied, in dem er Nichtmuslime als Ungläubige verketzert, den militanten Dschihad als untrennbaren Bestandteil des Islams behauptet und den Märtyrertod verherrlicht. Schnell wurde Cuspert zum Star junger dschihadistischer Heißsporne, zum anerkannten „Staatsfeind“. Mehrere salafistische Prediger buhlten um ihn. Er entschied sich für Mahmoud.

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