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Gewalt und Islam : Muslimischer Theologe sieht Religion als Schutz vor Terrorismus

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Trauer um Terroropfer: Die Imame der Moscheen von Nizza am Tatort des Anschlags eines IS-Anhängers, bei dem am 14.Juli 84 Menschen starben. Bild: dpa

Nach den jüngsten Anschlägen von Anhängern der Terrormiliz IS melden sich Vertreter von Islam und Christentum zu Wort. Die Einschätzung der Gefahren und Ursachen unterscheiden sich dabei deutlich.

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          Nach der islamistisch motivierten Anschlagsserie in Frankreich und Deutschland geht die Debatte über die Rolle des Islam bei der Bekämpfung des Terrors und seiner Ursachen in die nächste Runde.

          Eine „gesunde Bindung“ an Religion schützt nach Einschätzung des islamischen Theologen Mouhanad Khorchide vor Extremismus und Radikalisierung. Nicht weniger, sondern mehr Religion müsse die Antwort auf Terrorismus sein, so der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster in der österreichische Wochenzeitung „Die Furche“.

          Belegt sieht Khorchide seine Position durch den Umstand, dass die Terroristen, die in den vergangenen Jahren Anschläge im Namen des Islam verübt hätten, viel eher „religiöse Analphabeten“ statt praktizierende Muslime gewesen seien. „Sie sind nicht religiös sozialisiert worden, besuchten keine Moscheen, hatten kaum Zugang zur Spiritualität, zum Gebet, zum Koran, sie kennen die islamische Lehre kaum.“ Die meisten Täter hätten sich erst im Zuge ihrer Radikalisierung radikalen Moscheegemeinden oder Organisationen angeschlossen und die Religion entdeckt, einige seien gar keine Muslime.

          Terrorakte im Namen der Religion würden von den allermeisten Muslime als sehr „befremdend“ angesehen und abgelehnt, betonte der Theologe. „Anfällig für Radikalisierung scheinen gerade diejenigen zu sein, die sich am Rande der Gemeinschaft bewegen und nicht in ihrer Mitte.“

          Bischof wirft Europas Politikern „Blauäugigkeit“ vor

          Der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mossul, Theophilus George Saliba, wirft den europäischen Politikern „Blauäugigkeit im Umgang mit Migranten aus muslimischen Ländern“ vor. „Man übersieht, hoffentlich aus Unwissenheit und nicht willentlich, die sozio-religiöse Sprengkraft dieser Migrationsbewegung nach Europa. Ihr habt keine Ahnung von der Kultur und Entschlossenheit der Menschen“, so der Erzbischof in einem bereits im Juni geführten Interview, das erst jetzt in mehreren österreichischen Kirchenzeitungen veröffentlicht wurde.

          Europa laufe Gefahr, „den gleichen Terror gegen Christen zu erleben wie wir im Nahen Osten“, so der Erzbischof mit Sitz im irakischen Mossul, der derzeit im Exil im libanesischen Beirut lebt. Regierungen wie etwa in Schweden sähen tatenlos zu, wie radikale Muslime Kriegsflüchtlinge in europäischen Ländern bedrohten. Wenn sich die derzeitige Entwicklungen fortsetze, stünden Europa in zehn Jahren „sehr schwierige Tage“ bevor, so Saliba.

          In Syrien und im Irak findet laut dem Erzbischof derzeit ein „Genozid“ an Christen statt. „Wir Christen werden unbarmherzig verfolgt. Kämpfer des radikal-islamistischen IS rauben, morden und verschleppen Christinnen und Christen. Das ist gezielt organisierter Terror.“ Die christlichen Gemeinden in den beiden Kriegsländern stünden vor der Auslöschung; die Behörden und selbst internationale Hilfsorganisationen würden sie als „Menschen zweiter Klasse“ behandeln.

          Selbstmordanschläge an den heiligen Stätten des Islam am 4. Juli in Medina in Saudi-Arabien
          Selbstmordanschläge an den heiligen Stätten des Islam am 4. Juli in Medina in Saudi-Arabien : Bild: dpa

          Auch die Medien verschwiegen das Leid der Christen, kritisierte Saliba. Er bemängelte eine „seltsame Rangordnung der Leidberichterstattung“: Es werde nur über Gräueltaten an Muslimen oder gelegentlich an Yesiden gesprochen, „aber wenige wissen, dass uns Christen im Irak und Syrien alles geraubt wurde und vielen nur das nackte Leben geblieben ist“.

          Auch im Exilland Libanon sei die Situation schwierig. Dort verwehre die Regierung den christlichen Flüchtlingen, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Alle geflohenen Christen Syriens und des Iraks wollten wieder zurück in ihre Heimat, doch niemand wisse, wann dies möglich sein werde. Die Region brauche dringend Frieden. Dieser liege in den Händen von Amerika und Russland, die daran wenig Interesse hätten. „Mein Eindruck ist, man will den Konflikt am Kochen halten.“

          Katholischer Geistlicher beklagt „pervers-religiöse“ Dimension

          Ein „perverser Kapitalismus“ ist gemeinsam mit Gender-Ideologie sowie einem missionarisch-gewaltbereiten Islamismus nach Einschätzung von Prälat Wilhelm Imkamp verantwortlich dafür, dass die Welt zurzeit aus den Fugen geraten ist. „Über beide Ideologien wird eigentlich nicht diskutiert“, sagte der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild den „Mittelschwäbischen Nachrichten“. Er kritisierte ferner einen „pseudoethischen Menschenrechtsfundamentalismus“.

          Mit Blick auf den Islam sagte der Geistliche, die Frage, ob eine von einem aktiven Gewaltherrscher gegründete Religion grundsätzlich ein anderes Verhältnis zur Gewaltausübung habe als eine Religion, die von einem Gewaltopfer gegründet worden sei, dürfe heute erst gar nicht gestellt werden. „Die Pathologisierung der Selbstmordattentäter verschleiert die pervers-religiöse Dimension der Taten“. Verschleierungs- und Verharmlosungsrethorik wirkten inzwischen wie „Realsatire“.

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