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Islamexperte Gilles Kepel : „Der Islamische Staat ist nicht die Rote Armee Fraktion“

Mohamed Merah hat die Kinder der jüdischen Schule in Toulouse am 19. März 2012 umgebracht, auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Waffenstillstand im Algerien-Krieg. Der 19. März 1962 symbolisiert das Ende des Krieges, die Rückkehr der Soldaten und nationale Erleichterung. Über die Bedeutung des Tages gibt es aber Streit. Die Front-National-Bürgermeister sind dabei, die Straßen des 19. März 1962 umzubenennen. Sie sagen, es sei ein Tag der nationalen Schande gewesen. Frankreich hätte nie nachgeben sollen. Mohamed Merah wiederum war in einer Familie geboren, die Frankreich zutiefst hasste. Seine Mutter war im Grunde begeistert darüber, wie ihr Sohn Frankreich kurzzeitig auf die Knie zwang. Der im Algerien-Krieg entstandene Hass auf die französischen Kolonialherren wirkt in vielen Einwanderungsfamilien bis heute nach. Bis zu den Anschlägen im November waren die Terroristen ausschließlich Franko-Algerier, mit Ausnahme von Amedy Coulibaly, der aber unter dem Einfluss seiner franko-algerischen Lebensgefährtin Hayad Boumeddiene stand. Frankreich ist das größte arabische Land in Europa. Deutschland ist türkisch, Großbritannien indo-pakistanisch. Aber der Dschihad ist ein arabischer. Die französischen Dschihadisten schämen sich, Französisch zu sprechen, sie lernen Arabisch. Sie wollen ihre Bindung zu Frankreich kappen. Das liegt auch daran, dass Frankreich von allen europäischen Gesellschaften am wenigsten für die Eingliederung tut.

Ist das Einwanderungsland Frankreich gescheitert?

Frankreich wird von einer Aristokratie aus hohen Beamten regiert, die sich aus der Steuerkasse alimentiert. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, das Wirtschaftswachstum springt nicht an. Die gutausgebildeten Kinder der Mittelschicht wie auch meine eigenen verlassen das Land, wenn sie es können, und bereichern lieber Großbritannien oder Amerika. Die Kinder aus der Einwanderungsgeneration haben kaum berufliche Aufstiegschancen. Das Versagen unserer Eliten ist auffallend.

Das klingt alles sehr pessimistisch.

Mein Buch ist dabei nicht pessimistisch. 2016 ist ein Schicksalsjahr für Frankreich. So interpretiere ich die Ergebnisse der Regionalwahl im Dezember. Im ersten Wahlgang haben 6,8 Millionen Wähler für den Front National gestimmt, aber nicht, weil sie Faschisten sind. Sie haben wie die Tunesier zum Ende der Herrschaft Ben Alis ihren Herrschenden zugerufen: Haut ab! Die größte Sorge der Franzosen ist das Unvermögen ihrer Regierenden. 75 Prozent der Franzosen wollen weder François Hollande noch Nicolas Sarkozy als Präsidenten. Wenn wir aus dem Horrorjahr 2015 die richtigen Lehren ziehen, dann kann sich das Blatt schnell wenden.

Welche Lehren müssen gezogen werden?

Wenn Wirtschaftsminister Emmanuel Macron von der Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise als Nährboden für den Terrorismus spricht, gehe ich noch einen Schritt weiter. Der Dschihadismus hat den Finger in die Wunde gelegt, die durch unsere Versäumnisse bei der Integration der Einwanderergenerationen entstanden ist. Unsere Kinder sind in den Heiligen Krieg gezogen. Der Premierminister sagt, dass höre sich nach Entschuldigung an. Er hat nichts kapiert. Es ist notwendig, nach den Gründen des Terrorismus zu suchen.

Der Islamforscher Olivier Roy behauptet, nicht der Islam sei für die Radikalisierung verantwortlich, sondern der Wunsch nach Radikalität einer gewissen Gruppe von schlecht integrierten Jugendlichen habe im Islamismus seine Verwirklichung gefunden.

Olivier Roy bietet den politischen Eliten die Thesen, die ihre eigene Faulheit rechtfertigen. Er lebt seit 15 Jahren in Florenz und weiß einfach nicht, wie es in vielen französischen Vorstädten heute aussieht, wie die Islamisierung sie verändert hat. Er hat Clichy-sous-Bois nicht ein einziges Mal betreten. Es ist bequem, sich zu sagen, dass es zu allen Zeiten Formen der Radikalisierung gegeben hat. Aber der „Islamische Staat“ ist nicht die „Rote-Armee-Fraktion“.

Gilles Kepel ist der führende französische Islam-Fachmann. Er lehrt am renommierten Institut d’Etudes Politiques (“Sciences Po“) und am Institut Universitaire de France in Paris. In seinem neuen Buch „Terror im Hexagon“ untersucht der 60 Jahre alte Islamwissenschaftler die Fehler Frankreichs, die zum Entstehen einer neuen Generation von Dschihadisten beitrugen. Seine Analyse ist nach den Terroranschlägen des vergangenen Jahres auf ein großes Echo gestoßen. Kepel, der sich seit 30 Jahren mit dem Islamismus beschäftigt, konzentriert sich immer stärker auf den „hausgemachten“ Dschihad in Europa. (mic.)

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