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Islamexperte Gilles Kepel : „Der Islamische Staat ist nicht die Rote Armee Fraktion“

Ursprung des französischen Dschihads? Die Unruhen in Pariser Vororten im November 2005 Bild: dpa

Im Interview spricht der Islamwissenschaftler Gilles Kepel über den Dschihadismus in französischen Städten und erklärt, warum Frankreich mehr Dschihadisten hervorbringt als andere europäische Länder.

          Kann Frankreich den Krieg gegen den islamistischen Terrorismus gewinnen?

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Frankreich führt auf syrischem und irakischem Staatsgebiet Krieg gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) und wird dabei von europäischen Verbündeten wie Deutschland unterstützt. Aber auf französischem Boden kann nicht von einem „Krieg gegen den Terror“ gesprochen werden, wie François Hollande das getan hat. Das hieße, das Vokabular des IS zu übernehmen, der einen Bürgerkrieg in Europa heraufbeschwören will. Frankreich muss sich Fragen zu einer besseren Polizei- und Geheimdienstarbeit stellen, zu den Zuständen in den Haftanstalten, die Brutstätten für radikale Dschihadisten sind. Wir sind gefordert, die soziale Inklusion der Einwanderer zu verbessern. Wir müssen die kulturelle Schlacht gewinnen. Krieg ist etwas anderes.

          In Ihrem neuen Buch „Terror im Hexagon“ beschreiben Sie die Ursprünge des französischen Dschihads. Die Banlieue-Unruhen im Herbst 2005, die drei Wochen andauerten, hatten für Sie eine religiöse Dimension.

          Die Medien haben diesen Aspekt damals verschwiegen. Die Ausschreitungen nach dem Unfalltod von zwei Jugendlichen in Clichy-sous-Bois waren schon abgeflaut, als bei einem Polizeieinsatz drei Tage später eine Tränengasbombe im Eingang der Moschee Bilal landete. Daraufhin entflammten Unruhen in fast allen Vorstädten. Der Zwischenfall wurde instrumentalisiert und zu einer Leidensgeschichte der Einwanderungsgenerationen stilisiert: Die französische Polizei greift die Muslime an, hieß es.

          Islamwissenschaftler Gilles Kepel: „Wir erleben heute die dritte Generation der Dschihadisten.“

          Warum aber mündeten die Unruhen in eine neue Dimension der Radikalisierung?

          Wir erleben heute die dritte Generation der Dschihadisten, ein Dschihadismus von unten, ohne klare Hierarchie wie zuvor unter Bin Ladin. Die Geburtsstunde dieser Generation, die 2015 die Anschläge in Paris verübt hat, bildet der Aufruf des Syrers Abu Mussab al Suri zum „globalen islamischen Widerstand“. Al Suri forderte alle europäischen Muslime auf, sich in ihren Gaststaaten zu erheben. Sie sollen „Feinde des Islams“ wie die Zeichner von „Charlie Hebdo“, Juden und alle „Ungläubigen“ angreifen. Der Aufruf wurde im Januar 2005 ins Internet gestellt, wenige Wochen bevor Youtube ins Handelsregister eingetragen wurde. Über die neuen sozialen Netzwerke, über Youtube, Facebook und Twitter, hat sich dieser Aufruf sehr schnell verbreitet. Die Geheimdienste haben das damals nicht ernst genommen. Aber es gibt noch einen weiteren Faktor für den Erfolg des Dschihads in Europa, den Chefideologe al Suri nicht vorhergesehen hatte. Als Folge der gescheiterten arabischen Revolutionen sind rechtlose Zonen vor den Toren Europas entstanden, wo Dschihadisten den Waffengebrauch trainieren können. Ein Flugticket nach Istanbul kostet 150 Euro. Nach Libyen kommt man im Wohnmobil.

          Warum bringt Frankreich mehr Dschihadisten hervor als andere europäische Länder?

          Nehmen wir das Beispiel von Lunel, der 25.000-Einwohner-Stadt im Südwesten, aus der 15 junge Männer in den Dschihad gezogen sind. Der Ort ist von der Krise im Weinbau geprägt. Die einheimische Bevölkerung hat sich auf ihre lokale Identität zurückgezogen, feiert die typischen Stierkämpfe, den Muskatwein. Sie hat so gut wie keinen Kontakt zu den Einwanderern. In den von den Migranten bewohnten Altstadtvierteln von Lunel trifft man keine Frau mehr an, die nicht verschleiert ist. Genauso wie es in den Pariser Vororten Clichy-sous-Bois und Montfermeil für einen Franzosen mit Einwanderungshintergrund unmöglich geworden ist, während des Fastenmonats Ramadan in der Öffentlichkeit zu essen.

          Der soziale Druck ist zu groß. Die Regeln des Islams sind allgegenwärtig in den Vierteln und Vorstädten mit hohem Einwandereranteil. In Lunel hat der konservative Bürgermeister den Bau einer riesigen Moschee gefördert, um sich sozialen Frieden zu erkaufen. Aber die Moschee ist viel zu groß, um von den örtlichen Verantwortlichen kontrolliert zu werden. So nisteten sich dort radikale Prediger ein, die Einfluss auf die Jugendlichen nahmen. Ein ähnliches Phänomen gab es in Paris in der früheren Moschee Stalingrad, in der die späteren Terroristen Chérif und Said Kouachi radikalisiert wurden.

          Warum ist die Integration gescheitert?

          Es hat mit dem „Marsch der Beurs“ 1983, 21 Jahre nach der Unabhängigkeit von Algerien, begonnen. Das war damals eine Art Prozession der arabischen Franzosen, die sich quer durch die Viertel des algerischen Frankreichs zog, in einer Spiegelung des verblichenen französischen Algeriens. Der Marsch begann in Marseille und zog sich über Lyon bis nach Roubaix, einer weiteren Hochburg der algerischen Einwanderer. Er endete am Elysée-Palast. Der damalige Präsident, François Mitterrand, hatte als Innenminister zuvor den Spruch geprägt: Gegen die algerische Befreiungsbewegung FLN gibt es nur ein Mittel, den Krieg. Gegen die Forderungen der Kinder der FLN-Kämpfer nach politischer Emanzipation sah Mitterrand wieder nur ein Mittel: die List. So wurde eine Chance verpasst, Identifikationsfiguren für die nachfolgenden Einwanderergenerationen heranzuziehen.

          Aber liegt der Algerien-Krieg jetzt nicht schon zu lang zurück, um die neue Generation der Dschihadisten zu beeinflussen?

          Mohamed Merah hat die Kinder der jüdischen Schule in Toulouse am 19. März 2012 umgebracht, auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Waffenstillstand im Algerien-Krieg. Der 19. März 1962 symbolisiert das Ende des Krieges, die Rückkehr der Soldaten und nationale Erleichterung. Über die Bedeutung des Tages gibt es aber Streit. Die Front-National-Bürgermeister sind dabei, die Straßen des 19. März 1962 umzubenennen. Sie sagen, es sei ein Tag der nationalen Schande gewesen. Frankreich hätte nie nachgeben sollen. Mohamed Merah wiederum war in einer Familie geboren, die Frankreich zutiefst hasste. Seine Mutter war im Grunde begeistert darüber, wie ihr Sohn Frankreich kurzzeitig auf die Knie zwang. Der im Algerien-Krieg entstandene Hass auf die französischen Kolonialherren wirkt in vielen Einwanderungsfamilien bis heute nach. Bis zu den Anschlägen im November waren die Terroristen ausschließlich Franko-Algerier, mit Ausnahme von Amedy Coulibaly, der aber unter dem Einfluss seiner franko-algerischen Lebensgefährtin Hayad Boumeddiene stand. Frankreich ist das größte arabische Land in Europa. Deutschland ist türkisch, Großbritannien indo-pakistanisch. Aber der Dschihad ist ein arabischer. Die französischen Dschihadisten schämen sich, Französisch zu sprechen, sie lernen Arabisch. Sie wollen ihre Bindung zu Frankreich kappen. Das liegt auch daran, dass Frankreich von allen europäischen Gesellschaften am wenigsten für die Eingliederung tut.

          Ist das Einwanderungsland Frankreich gescheitert?

          Frankreich wird von einer Aristokratie aus hohen Beamten regiert, die sich aus der Steuerkasse alimentiert. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, das Wirtschaftswachstum springt nicht an. Die gutausgebildeten Kinder der Mittelschicht wie auch meine eigenen verlassen das Land, wenn sie es können, und bereichern lieber Großbritannien oder Amerika. Die Kinder aus der Einwanderungsgeneration haben kaum berufliche Aufstiegschancen. Das Versagen unserer Eliten ist auffallend.

          Das klingt alles sehr pessimistisch.

          Mein Buch ist dabei nicht pessimistisch. 2016 ist ein Schicksalsjahr für Frankreich. So interpretiere ich die Ergebnisse der Regionalwahl im Dezember. Im ersten Wahlgang haben 6,8 Millionen Wähler für den Front National gestimmt, aber nicht, weil sie Faschisten sind. Sie haben wie die Tunesier zum Ende der Herrschaft Ben Alis ihren Herrschenden zugerufen: Haut ab! Die größte Sorge der Franzosen ist das Unvermögen ihrer Regierenden. 75 Prozent der Franzosen wollen weder François Hollande noch Nicolas Sarkozy als Präsidenten. Wenn wir aus dem Horrorjahr 2015 die richtigen Lehren ziehen, dann kann sich das Blatt schnell wenden.

          Welche Lehren müssen gezogen werden?

          Wenn Wirtschaftsminister Emmanuel Macron von der Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise als Nährboden für den Terrorismus spricht, gehe ich noch einen Schritt weiter. Der Dschihadismus hat den Finger in die Wunde gelegt, die durch unsere Versäumnisse bei der Integration der Einwanderergenerationen entstanden ist. Unsere Kinder sind in den Heiligen Krieg gezogen. Der Premierminister sagt, dass höre sich nach Entschuldigung an. Er hat nichts kapiert. Es ist notwendig, nach den Gründen des Terrorismus zu suchen.

          Der Islamforscher Olivier Roy behauptet, nicht der Islam sei für die Radikalisierung verantwortlich, sondern der Wunsch nach Radikalität einer gewissen Gruppe von schlecht integrierten Jugendlichen habe im Islamismus seine Verwirklichung gefunden.

          Olivier Roy bietet den politischen Eliten die Thesen, die ihre eigene Faulheit rechtfertigen. Er lebt seit 15 Jahren in Florenz und weiß einfach nicht, wie es in vielen französischen Vorstädten heute aussieht, wie die Islamisierung sie verändert hat. Er hat Clichy-sous-Bois nicht ein einziges Mal betreten. Es ist bequem, sich zu sagen, dass es zu allen Zeiten Formen der Radikalisierung gegeben hat. Aber der „Islamische Staat“ ist nicht die „Rote-Armee-Fraktion“.

          Gilles Kepel ist der führende französische Islam-Fachmann. Er lehrt am renommierten Institut d’Etudes Politiques (“Sciences Po“) und am Institut Universitaire de France in Paris. In seinem neuen Buch „Terror im Hexagon“ untersucht der 60 Jahre alte Islamwissenschaftler die Fehler Frankreichs, die zum Entstehen einer neuen Generation von Dschihadisten beitrugen. Seine Analyse ist nach den Terroranschlägen des vergangenen Jahres auf ein großes Echo gestoßen. Kepel, der sich seit 30 Jahren mit dem Islamismus beschäftigt, konzentriert sich immer stärker auf den „hausgemachten“ Dschihad in Europa. (mic.)

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