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Polizistenmord : „Ich brauchte Anerkennung“

Der 25 Jahre alte Larossi Abballa ermordete am Montag ein Polizistenpaar, bevor er von Spezialeinheiten erschossen wurde. Bild: AFP

Der Polizistenmörder von Paris war den Behörden als radikaler Dschihadist bekannt. Er war schon wegen Terrorismus verurteilt worden. Jetzt wirft die Opposition der Regierung Hollande vor, im Kampf gegen den Terror versagt zu haben.

          „Eine schändliche terroristische Tat“ hat Innenminister Bernard Cazeneuve nach einer Krisensitzung im Elysée-Palast am Dienstagmorgen angeprangert. Die französische Polizei steht nach dem Mord am Montagabend an einem Polizeikommissar und seiner ebenfalls im Polizeidienst beschäftigten Frau in Magnanville im Département Yvelines unter Schock. Ein 25 Jahre alter Franzose mit Einwanderungshintergrund hat sich der Tat bezichtigt und behauptet, im Namen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ gehandelt zu haben. Auch die Terrororganisation bezichtigte sich des Anschlags.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Terrorist wurde von der Eliteeinheit Raid nach einer kurzen Belagerung des Wohnhauses des Polizistenpaares getötet. Der drei Jahre alte Sohn des Polizistenpaares wurde körperlich unversehrt in dem Haus seiner ermordeten Eltern gefunden, er soll zugesehen haben, wie der Täter seine Mutter mit einem Messer erstach. Der Täter hat laut Berichten eines französischen Journalisten direkt nach der Tat Live-Videos der getöteten Opfer und des lebenden Kindes auf Facebook gestreamt. Erst am Dienstagmorgen löschte die Plattform das Material.

          Noch am Vormittag hat die konservative Opposition begonnen, der Linksregierung Versagen im Kampf gegen den Terrorismus vorzuhalten. Die Regionalratsvorsitzende der Hauptstadtregion Ile-de-France, Valérie Pécresse, will einen verschärften Notstand. „Die Franzosen müssen endlich vor der Terrorgefahr geschützt werden“, sagte sie. Jeder sei bedroht. Der Abgeordnete Eric Ciotti (Republikaner) forderte Internierungslager für alle islamistischen Gefährder. Es könne nicht weiter toleriert werden, dass radikalisierte Islamisten sich in Frankreich frei bewegen können. Der Fraktionsvorsitzende der Republikaner im Senat, Bruno Retailleau, kritisierte „das Versagen der Sicherheitsbehörden“. Der Täter sei den Sicherheitsbehörden einschlägig bekannt gewesen.

          Der Lebenslauf des 25 Jahre alten Larossi Abballa weist erschreckende Ähnlichkeiten zu den Terrorkarrieren der französischen Selbstmordattentäter vom 13. November und der Terroristen aus dem Januar 2015 auf. Abballa wuchs in einer sozialen Brennpunktsiedlung in Mantes-la-Jolie bei Paris auf. 2011 wurde er wegen des Verdachts festgenommen, einer Terrorzelle anzugehören. Abballa soll geholfen haben, radikalisierte junge Franzosen zum „Dschihad“ nach Pakistan zu schleusen. Bei seinem Gerichtsprozess im September 2013 berichtete Abballa einem Reporter von „Le Monde“: „Meine Geschichte ist die von allen uns hier. Ich brauchte Anerkennung, ich hatte keine Arbeit und keinen Abschluss. Da hat man mir von der Religion erzählt und ich habe Trost gefunden.“ Abballa sagte weiter, im Internet habe er sich dann radikalisiert. Seine Freundesgruppe war dabei entscheidend. „Wir haben alle nur noch vom Dschihad gesprochen. Es war, als wenn man jede Minute mit einem Einbrecher verbringt, irgendwann wird man dann selbst auch zum Einbrecher“, sagte Abballa vor Gericht.

          Er schilderte, dass islamistische Videos über die Unterdrückung der Muslime ihn schwer beeindruckt hätten. „Sie haben mich tief bewegt“, sagte er vor Gericht. Er wurde zu drei Jahren Haft, davon sechs Monate auf Bewährung verurteilt. Nach seiner Haftentlassung gründete Abballa eine Firma, die sich auf nächtliche Fast Food-Lieferungen spezialisierte. Auf seiner Facebook-Seite beschwerte sich Abballa darüber, wie unhöflich seine Kunden seien. Er ließ durchblicken, dass er sich als Muslim diskriminiert fühlte. Noch ist unklar, wie er sein Opfer ausgewählt hat. Das Innenministerium hat noch nicht enthüllt, ob der Polizeikommissar, der im Revier in Les Mureaux arbeitete, zuvor Kontakt mit Abballa hatte. Abballa war auch wegen Diebstahlsdelikten bekannt.

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