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Paris unter Schock : Gebete, Wut und Aggression

Stilles Gedenken in der Rue Alibert in Paris Bild: dpa

Die Anschläge haben Paris schlagartig verändert. Viele Menschen beten, andere sind hochgradig gereizt, manch einer fordert die Todesstrafe. Eindrücke aus einer tief verunsicherten Stadt.

          3 Min.

          Die Rue Oberkampf ist eine der beliebtesten Pariser Ausgehstraßen. In ihre Restaurants und Bars strömen sonst die Menschen, viele ziehen dann weiter ins berühmte Konzerthaus Bataclan, einmal um die Ecke in der Rue Voltaire. Doch an diesem Samstag ist im 11. Arrondissement alles anders. Das Konzerthaus mit der bunt bemalten Fassade und grünen Markise ist weiträumig abgesperrt. Schwer bewaffnete Polizisten stehen vor den Gittern, nur für Anwohner werden sie kurz geöffnet. Ein halbes Dutzend Polizeiautos stehen vor dem Bataclan. Blaulichter drehen sich auf den Dächern, das kalte Licht huscht über die nackten Bäume auf dem Square du Bataclan.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Hinter der Absperrung haben sich Trauernde versammelt. Sie haben Hunderte Teelichter mitgebracht. Der Wind bläst sie aus, aber die Menschen geben nicht auf. Immer wieder zünden sie die Lichter an. Ein Mann betet still, eine Frau legt ein paar weiße Rosen neben die Kerzen. „Nous sommes la liberté“ steht auf einem Blatt Papier – „Wir sind die Freiheit.“ Auf einem anderen auf deutsch „Warum?“ und „Terrorismus ist keine Religion“. Am Nachmittag hat ein Mann hier auf der Straße auf einem Flügel John Lennons Friedenshymne „Imagine“ gespielt.

          Doch in die Trauer und Stille mischt sich am Abend auch Wut und Aggression. „Wir müssen aufhören, immer von Menschenrechten zu sprechen“, poltert ein Mann in zerrissenen Jeans. Er hat auch Tränen in den Augen. Drei Freunde von ihm seien am Freitagabend im Konzert der „Eagles of Death Metal“ im Bataclan gewesen und hätten es nicht überlebt, erzählt er. „Terroristen haben keine Menschenrechte“, erregt er sich. „Wir müssen die Todesstrafe wieder einführen. Für atypische Menschen braucht man atypische Maßnahmen.“

          Um den Mann hat sich inzwischen eine Menschentraube gebildet. Einige klatschen, doch ein junger Mann entgegnet, dass es doch auch darum gehen müsse, die französischen Werte zu verteidigen. „Du weißt doch gar nichts“, schreit ihn der andere an. „Seit dem Anschlag auf ‚Charlie Hebdo´ fühle ich mich nicht sicherer, sondern noch unsicherer.“ Die Regierung habe nichts gelernt. „Nun schauen Sie, Monsieur Hollande, was Sie davon haben!“

          Eine Stadt im Ausnahmezustand

          Ein Polizist kommt herbeigelaufen. In Paris gilt weiter der Ausnahmezustand. Menschenansammlungen sollen daher aufgelöst werden. An der Place de la République ruft die Polizei mit Lautprechern alle paar Minuten zum Verlassen des Platzes auf. Doch der Mann, der seine Freunde verloren hat, hat sich wieder etwas beruhigt. Die Lage scheint unter Kontrolle, der Polizist lässt sie gewähren, schreitet nicht ein.

          Polizeibeamte suchen Beweismaterial in Trümmern unter einem mit Blut bespritzen Wegweiser in der Nähe des Stade de France. Bilderstrecke
          Anschläge : Terror in Paris - am Tag danach

          Angespannt ist die Stimmung auch ein paar Meter weiter im Supermarkt Monoprix. Viele Geschäfte haben an diesem Samstag gar nicht geöffnet. Daher ist der Andrang hier besonders groß. Am Eingang steht ein Wachmann, der sich die Einkaufstaschen zeigen lässt. Ein Kunde rennt einfach an der Sicherheitskontrolle vorbei, doch der Wachmann hält ihn fest. „Ich weiß gar nicht, was das hier soll“, motzt der Kunde. „Aber das ist doch nachvollziehbar“, sagt eine Frau, die hinter ihm steht. „Was geht es Dich an?“ schreit der Mann und verlässt den Laden wieder.

          Viele Menschen haben sich am Samstag gar nicht aus dem Haus getraut. Eine ältere Frau, die im 11. Arrondissement wohnt, sagt, sie habe lange gezögert, wolle sich aber doch ein Bild von der Lage machen. „Direkt vor meiner Haustür standen zwei Frauen mit Kopftuch, die schallend lachten“, berichtet sie. Vielleicht hätten sie ja über etwas anderes gesprochen, sagt sie, aber argwöhnisch ist sie trotzdem.

          Symbol der westlichen Vergnügungskultur

          Im Internet, so berichten Terrorexperten, feiern Dschihadisten die Terrorangriffe von Paris. Es gebe auch Aufrufe, das Morden fortzusetzen. Im Bekennerschreiben des IS steht, die Orte der Anschläge in der „Hauptstadt der Unzucht und Laster“ seien sorgfältig im Voraus ausgewählt worden; darunter das Bataclan, „wo Hunderte eine perverse Feier feierten“.

          1500 Besucher kamen am Freitagabend zum Auftritt der amerikanischen Bluesrock-Band „Eagles of Death Metal“. Die Band ist in Frankreich relativ unbekannt. Die Terroristen hatten es auf das Bataclan als Symbol der westlichen Vergnügungskultur abgesehen. Das Bataclan war schon mehrfach die Zielscheibe von Attentätern. In den Jahren 2007 und 2008 gab es Drohungen, weil sich im Bataclan zuweilen jüdische Gruppen und Organisationen getroffen haben. 2011 gab es einen Anschlagsversuch mit der Begründung, dass die Eigentümer des Bataclan Juden seien. Nun wird das traditionsreiche Haus für immer mit dem Blutbad des 13. November verbunden sein.

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