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Frankreichs Premierminister : „Der Antisemitismus ist immer noch da“

Frankreichs Präsident Hollande und Premierminister Valls (r.) bei der Gedenkfeier vor dem jüdischen Supermarkt Bild: AP

Fast die Hälfte aller Juden in Frankreich erwägt auszuwandern. Bei der Gedenkfeier vor dem im vergangenen Jahr attackierten jüdischen Supermarkt in Paris hat Premierminister Valls daher dazu aufgerufen, die Ängste von Frankreichs Juden ernst zu nehmen.

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          Der französische Premierminister Manuel Valls hat das Gedenken an die jüdischen Opfer des Terrorangriffs von vor einem Jahr zu einem Appell gegen jegliche Form des Antisemitismus genutzt. Bei einer Gedenkveranstaltung am Samstag vor dem jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ zu Ehren der vier jüdischen Opfer des Terrorangriffs vom 9. Januar 2015 warnte er davor, die „legitime Angst“ der französischen Juden zu ignorieren. Premierminister Valls sagte bei der Gedenkfeier: „Es ist eine unerträgliche Vorstellung, dass immer mehr Juden Frankreich verlassen, weil sie sich nicht mehr in Sicherheit fühlen, wie sie sich nicht mehr verstanden fühlen.“ „Der Antisemitismus ist da, immer noch da“, warnte Valls. „Ohne die französischen Juden wäre Frankreich nicht Frankreich.“

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Vorsitzende des Dachverbands der jüdischen Organisationen Crif, Roger Cukierman, sagte: „Das Jahr 2015 war ein Horrorjahr für die Juden.“ Die Zahl der französischen Juden, die an Auswanderung denken, war seit 1967 noch nie so hoch. Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Politologe Jérôme Fourquet und der Geograph Sylvain Manternach am Wochenende vorstellten. 43 Prozent aller in Frankreich lebenden Juden haben demnach eine Auswanderung in Erwägung gezogen. 13 Prozent seien dabei, „ernsthafte“ Pläne für einen Umzug in ein anderes Land zu schmieden. Auch innerhalb Frankreichs finde ein Verdrängungsprozess statt, so die Studie.

          Aufgrund des „Klimas der Unsicherheit“ in den hauptsächlich von Franzosen mit Migrationshintergrund bewohnten Vororten im Norden der Hauptstadt hätten die meisten jüdischen Familien diese Gegend verlassen. 63 Prozent der befragten Juden gaben an, dass es in der französischen Gesellschaft einen starken „antijüdischen Rassismus“ gebe. Die Auswanderungswelle wird sich nach Einschätzung Fourquets in den nächsten Jahren verstärken. Im Jahr 2000 wanderten nach Angaben des Politologen 2000 Juden pro Jahr nach Israel aus, 2014 waren es 7200, 2015 bereits 8000.

          Der französische Präsident Hollande lud am Sonntag seine Landsleute zum Gedenken an die Terroropfer des vergangenen Jahres auf dem Place de la République ein. Dennoch blieb der Platz halb leer. Das Umfrageinstitut Ifop hat zum Gedenktag ermittelt, dass weniger als 50 Prozent der Franzosen Präsident Hollande im Kampf gegen den Terrorismus vertrauen.

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