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Anschlag auf Kirche : Auch der zweite Attentäter war Polizei bekannt

Gesicherter Gedenkgottesdienst in der Kathedrale von Rouen für den von IS-Terroristen ermordeten Priester Bild: AFP

Zwei Tage nach der Ermordung eines Priesters ist auch der zweite Attentäter identifiziert. In Frankreich wird nun darüber diskutiert, ob Fotos von ihm und anderen IS-Terroristen gezeigt werden sollen.

          Nach dem Terroranschlag in einer normannischen Kirche wird in Frankreich darüber diskutiert, ob die Namen der beiden 19 Jahre alten Terroristen enthüllt und ihre Fotos verbreitet werden sollen.  Abel Kermiche und Abdel Malik Nabil Petitjean hatten sich gefilmt, bevor sie den 86 Jahre alten Pfarrer mit einem Messer während der Messe ermordeten und einen  Kirchgänger schwer verletzten.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) stellte ein Video der beiden jungen Franzosen ins Internet, dessen Authentizität noch von den französischen Sicherheitsbehörden überprüft wird.  Der größte französische Nachrichtensender BFM-TV kündigte noch am Tag des Attentats an, keine Aufnahmen der Täter verbreiten zu wollen, um nicht unfreiwillig zu einer „Heroisierung“  beizutragen und der IS-Propaganda zuzuarbeiten.

          „Wir wollen vermeiden, diese Leute in den Mittelpunkt zu rücken“, sagte BFM-Redaktionsdirektor Hervé Béroud. „Wir wollen auch verhindern, dass den Terroristen genauso viel Aufmerksamkeit beigemessen wird wie den Opfern. Deshalb zeigen wir lieber das Foto des Pfarrers Jacques Hamel“, sagte Béroud.

          Von IS-Terroristen ermordet: Der Priester Jacques Hamel

          Der Radiosender Europe 1 und RFI, die Auslandssender France 24 und Monte Carlo Doualiya sowie die Zeitung „Le Monde“ und die katholische Tageszeitung „La Croix“ entschieden ebenfalls, auf ihren Internetseiten, in Fernsehberichten und in Zeitungen keine Fotos der Terroristen zu zeigen. Bereits nach  dem Terroranschlag von Nizza mit 84 Toten hat der französische Abiturient Edwyn Letellier die Initiative für eine Petition ergriffen, um die Namen und Fotos der Terroristen künftig nicht mehr zu verbreiten.

          Die Petition haben inzwischen 70.000 Franzosen unterschrieben. „Warum sollen wir die Identität eines Massenmörders kennen? Warum sollen wir einen Superstar aus ihm machen?“, fragte Letellier. Sobald er 75.000 Unterschriften beisammen habe, wolle er die Petition dem Vorsitzenden des Fernseh- und Rundfunkrats CSA, Olivier Schrameck, zur Prüfung übergeben.

          Der zweite Terrorist, der 19 Jahre alte Abdel Malik Nabil Petitjean, wurde am Donnerstag dank eines DNA-Tests seiner Mutter identifiziert. Sein Gesicht war aufgrund von Kopfschüssen so entstellt worden, dass die Identifizierung seiner Leiche nur über einen DNA-Abgleich möglich war, hieß es dazu bei der Staatsanwaltschaft in Paris. Petitjean  war nicht vorbestraft und der Polizei lagen deshalb keine Fingerabdrücke vor. Petitjean war den Sicherheitsbehörden jedoch seit dem 29. Juni bekannt, weil er versucht hatte, über die Türkei nach Syrien auszureisen.

          Seine Akte trug den Vermerk S für Staatssicherheit. Am 22. Juli, drei Tage vor dem Anschlag, gab die französische Anti-Terror-Koordinationsstelle Uclat eine dringende Suchmeldung aus  und forderte alle Dienste auf, nach Petitjean zu fahnden. Grundlage für die Suchmeldung waren Hinweise eines ausländischen Geheimdienstes, dass Petitjean „bereit sei, an einem Attentat auf französischem Boden mitzuwirken“, wie es hieß.

          Debatte über das Verbreiten von Täter-Fotos

          Petitjean war 1996 in den Vogesen, in Saint-Dié-les-Vosges geboren, lebte aber zuletzt in den Savoyen. Seine Mutter Yasmina beschrieb ihren Sohn im lokalen Radiosender France Bleu als „Lamm“. „Mein Sohn ist ein Lamm, ich kenne ihn genau, er ist aus meinem Bauch gekommen“, sagte sie. „Ich kenne doch meinen Sohn, er ist freundlich, ich habe keinen Teufel auf die Welt gebracht“, sagte sie dem Radiosender RTL.

          Dem Fernsehsender France 2 zeigte sie das Zimmer ihres Sohnes  in der Wohnung in dem Alpenkurort Aix-les-Bains, in dem auch noch die 17 Jahre alte Schwester lebt.  Die Mutter sagte,  das Geschehen sei  für sie unfassbar. Ihr Sohn habe ihr gesagt, er wolle zu einem Vetter nach Nancy fahren und sich seither nicht mehr gemeldet. Zu dem Versuch ihres Sohnes, nach Syrien zu reisen, äußerte sie sich nicht. Die Polizei nahm am Donnerstag drei Verdächtige aus dem Bekanntenkreis Petitjeans fest.

          Gedenken auch in Frankreichs Hauptstadt: Frankreichs Präsident  Francois Hollande und der Pariser Erzbischof Andre Vingt-Trois vor der Kathedrale Notre Dame de Paris

          Auch französische Politiker beteiligen sich inzwischen an der Debatte, wie mit der Identität der IS-Terroristen umgegangen werden soll. Der Abgeordnete Hervé Mariton (Les Républicains) sagte, er sei „extrem schockiert“ darüber gewesen, dass die Medien „Selfies“ des Attentäters von Nizza in seinem Lastwagen verbreitet hätten. Der Abgeordnete, der bei den Vorwahlen seiner Partei antritt, hat zusammen mit 40 anderen Parlamentariern den Fernseh- und Rundfunkrat CSA angerufen.  Die für die Opferbetreuung zuständige Staatssekretärin Juliette Méadel kündigte an, im September allgemeingültige Empfehlungen vorlegen zu wollen. „Wir müssen die Berufsethik der Journalisten nach den Terroranschlägen neu definieren“, sagte sie.

          Die Zeitung „Le Monde“ hat seit den ersten Anschlägen ihre Haltung bereits verändert.  Täterfotos seien inzwischen tabu.  Mit dem Schritt solle verhindert werden, dass die Täter „posthum verherrlicht“ werden, sagte „Le Monde“ -Direktionsdirektor  Jérôme Fenoglio. „Wir dürfen nicht die Tatsachen oder den Werdegang der Mörder verheimlichen, deswegen sind wir nicht für eine Anonymität.  Aber es werden keine Fotos mehr verwendet, um ihren Werdegang zu beschreiben“, sagte er.

          Die staatliche Fernsehanstalt France Télévisions hingegen argumentiert, dass ein freiwilliges Namens- und Fotoverbreitungsverbot nur Verschwörungstheorien befördern würde. „Wir haben nicht auf die jüngsten Anschläge gewartet, um verantwortungsvoll über den terroristischen Horror zu berichten“, sagte Informationsdirektor Michel Field. 

          „Anonyme Attentate mit Tätern ohne Gesicht und Namen? Etwas Besseres gibt es nicht, um die Verschwörungsstimmung anzuheizen und den Verdacht zu befördern, dass die Medien Informationen verschweigen“, so Field.  „Fotos von Terroristen abzudrucken und sie zu verherrlichen ist nicht dasselbe", sagte der stellvertretende Redaktionschef der  "Libération", Johan Hufnagel. 

            

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