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Paris-Attentäter Abdeslam : Untergetaucht in Molenbeek

Salah Abdeslam wurde nur wenige Meter von seinem Elternhaus entfernt festgenommen. Bild: AP

Die Verhaftung des Paris-Attentäters Salah Abdeslam war ein kriminalistisches Meisterstück. Doch nicht modernste Handyortung führte die Ermittler letztlich zum „meistgesuchten Mann Europas“, sondern der Zufall.

          Ein Fingerabdruck auf einem Wasserglas und ein verdächtiges Handysignal. Mehr brauchte es nicht, um Salah Abdeslam schließlich auf die Schliche zu kommen und hinter Schloss und Riegel zu bringen. Seit den Pariser Anschlägen im vergangenen November galt der in Brüssel aufgewachsene Franzose als „meistgesuchter Mann Europas“. Zur Festnahme war es am frühen Freitagabend in einer Wohnung im inzwischen weit über die belgischen Landesgrenzen hinaus bekannten Brüsseler Stadtteil Molenbeek gekommen – gerade einmal 300 Meter vom Elternhaus entfernt, in dem der 26 Jahre alte Abdeslam bis zu seinem Untertauchen gelebt hatte.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Seine Spur hatte sich am Nachmittag des 14. Novembers, weniger als 24 Stunden nach den Pariser Anschlägen mit 130 Toten, im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek verloren. Dreimal war Abdeslam in den Morgenstunden in einem von Paris Richtung Belgien fahrenden Auto gestoppt und kontrolliert worden. Da die französischen Polizisten aber offenbar über keine Hinweise zu Abdeslam verfügten und keinen Verdacht schöpften, ließen sie ihn und seine beiden Begleiter weiterfahren.

          Kurz darauf war der Name Abdeslam in fast aller Munde. So stand für die Ermittler in Brüssel und Paris rasch fest, dass er Teil des für die Anschläge verantwortlichen Kommandos war und zumindest Fahrzeuge und auch Unterkünfte mit Hilfe seiner Kreditkarte gemietet hatte, die Terroristen als Bleibe vor den Anschlägen dienten. In der Verlautbarung, mit der die Terrororganisation Islamischer Staat sich des Blutbads bezichtigt hatte, war auch die Rede von einem – nicht ausgeführten – Anschlag im 18. Pariser Stadtbezirk. Das legte die Vermutung nahe, dass Abdeslam dort sein Leben lassen sollte. Sein älterer Bruder, Brahim Abdeslam gehörte dem „Terrassenkommando“ an und sprengte sich vor dem Bistro „Comptoir Voltaire“ in die Luft.

          „Wir haben ihn“ - Michel verlässt EU-Gipfel

          Wenige Tage später tauchten von den Ermittlungsbehörden nicht bestätigte Berichte auf, Abdeslam sei dem Zugriff der Polizei in Molenbeek entgangen, weil es Komplizen gelungen sei, ihn in einem Schrank versteckt aus einem Haus zu schmuggeln. Vermutet wurde er dann in einem IS-Lager in Syrien, aber auch in einem der Nachbarländer Belgiens. Nur ein in einer als konspirativ geltenden Wohnung in Schaerbeek entdeckter Fingerabdruck nährte den Verdacht, er befinde sich weiter in der belgischen Hauptstadt – eine Vermutung, die sich erst am Freitag bestätigte. Die belgische Bundesanwaltschaft verwies darauf, dass Abdeslam Anfang Oktober gemeinsam mit einem Begleiter im schwäbischen Ulm von der Polizei kontrolliert worden sei. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe bestätigte, dass sie einem entsprechenden Verdacht nachgehe.

          „Wir haben ihn.“ Mit diesen drei über den Kurznachrichtendienst Twitter verschickten Worten meldete der belgische, für Asyl und Migrationspolitik zuständige Staatssekretär Theo Francken die Festnahme Abdeslams. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Hals über Kopf verließ der belgische Premierminister Charles Michel vorzeitig das Gipfeltreffen der EU mit der Türkei und eilte in seinen Amtssitz zurück. Dort verfolgte er gemeinsam mit dem kurz danach eingetroffenen französischen Staatspräsidenten François Hollande den noch laufenden Polizeieinsatz.

          Anders als in den vergangenen Wochen und Monaten, als in Paris und Brüssel spitze Bemerkungen zu Schwächen bei Ermittlungen im jeweiligen Nachbarland zu vernehmen waren, lobten Hollande und Michel nun die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung. „Diese Festnahme ist sehr wichtig für die Demokratie und gegen die widerwärtigen Feinde der Zivilisation“, sagte Michel. Hollande sagte: „Ich denke an die Familien der Opfer, die auf diesen Tag gewartet haben.“

          Als wahrscheinlich gilt, dass Abdeslam bald nach Frankreich ausgeliefert wird. Unmittelbar vor seiner Festnahme war er durch einen Schuss ins Bein verletzt worden. Am Samstagmorgen wurde er aus einer Brüsseler Klinik in die Zentrale der belgischen Bundespolizei zu einem ersten Verhör gebracht. Bis auf weiteres soll er im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in Brügge in Haft bleiben. Offenbar tappen die Ermittlungsbehörden noch bei der Frage im Dunkeln, wie wichtig seine Rolle innerhalb des „Islamischen Staats“ ist.

          Anders als sein Bruder Brahim, der sich in Paris in die Luft gesprengt hatte, war er offenbar nie in Syrien. Erst am vergangenen Dienstag war die Polizei, offenbar eher zufällig, wieder auf seine Spur gestoßen. In Begleitung französischer Polizisten hatten belgische Sicherheitskräfte ein Haus in dem im Brüsseler Südwesten gelegenen Stadtteil Forest durchsuchen wollen.

          Zufall bringt Ermittler zu Spuren von Abdeslam

          Offenbar hofften sie, in dem als unbewohnt geltenden Haus auf Waffen und andere Hinweise zu den Terroristen zu stoßen. Bei ihrer Ankunft wurden die durch Kugelwesten geschützten Polizisten mit einem Kugelhagel empfangen. Als sie das Feuer erwiderten, starb ein 35 Jahre alter gebürtiger Algerier. Er soll, wie die Behörden später berichteten, unter anderem eine konspirative Wohnung bei Charleroi gemietet haben.

          Zwei weitere Männer konnten über die Dächer des dichtbesiedelten Stadtviertels entkommen. Einer der beiden war, wie die Öffentlichkeit erst am Freitag erfuhr, Abdeslam. Nun hieß es in belgischen Medien, der getötete Algerier habe sich regelrecht geopfert, um den beiden Komplizen die Flucht zu ermöglichen. Dass Abdeslam bei seiner Festnahme am Freitag unbewaffnet war, hat Spekulationen genährt, er passe nicht in das Schema des fundamentalistischen Selbstmordattentäters. Abdeslam selbst sagte bei seiner ersten Vernehmung in Belgien, er habe sich am 13. November in Paris in die Luft sprengen wollen, habe dann aber einen Rückzieher gemacht. So teilte es der Pariser Staatsanwalt François Molins am Samstagabend bei einer Pressekonferenz in Paris mit. Molins fügte hinzu, Abdeslams erste Aussagen müssten „mit Vorsicht“ behandelt werden. Außerdem würden sie eine Reihe von Fragen aufwerfen, „zu denen Salah Abdeslam sich nun erklären werden muss“.

          Nach dem Schusswechsel im Stadtteil Forest hatten die belgischen Behörden die Erwartungen am Dienstag zunächst gedämpft. Sie verbreiteten die Lesart, die Aktion habe zwar im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Pariser Anschlägen gestanden, nicht aber unmittelbar Abdeslam gegolten. Spätestens kurz darauf stellten die Ermittler fest, dass ihnen der Zufall zu Hilfe geeilt war und sich in der leer geglaubten Wohnung frische Spuren Abdeslams fanden. Letzte Sicherheit soll dann ein auf einem Wasserglas entdeckter Fingerabdruck gegeben haben.

          Dann folgte das, was die Zeitung „De Morgen“ am Samstag bewundernd als „Husarenstückchen auf dem Gebiet der Telefonie-Erforschung“ bezeichnete. So sollen Ermittler akribisch einen Wust von Telefonnummern von Handys durchkämmt haben, die am Dienstag in Forest genutzt wurden. Diese seien wiederum systematisch mit Handys verglichen worden, die nicht mehr in jenem Stadtteil, sondern anderswo geortet werden konnten. Das wiederum habe zu der Wohnung nahe dem Elternhaus Abdeslams in Molenbeek geführt, in der er und ein ebenfalls am Freitag festgenommener mutmaßlicher Komplize bei der Familie eines Freundes Unterschlupf gefunden hätten.

          Abdeslam sollte wohl erst am Wochenende festgesetzt werden. Dass dann alles viel schneller ging, hing offenbar damit zusammen, dass der manchen Medienvertretern unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit zugespielte Hinweis auf die Anwesenheit des „meistgesuchten Mannes Europas“ in Brüssel dann doch durchsickerte. Am Freitag gegen 16.40 Uhr kam es zum Einsatz.

          Bei aller Erleichterung über die Festnahme Abdeslams entbrannte abermals die Diskussion, wieso der mutmaßliche Terrorist sich offenbar über Monate unerkannt in der belgischen Hauptstadt habe aufhalten können. Zudem mehrten sich die Stimmen, nach denen sich Abdeslam in den vergangenen Wochen in seinem Stadtviertel wiederholt und - zumindest von den Ordnungshütern - unerkannt auf offener Straße gezeigt hat.

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