https://www.faz.net/-gpf-8eyue

Paris-Attentäter Abdeslam : Untergetaucht in Molenbeek

Als wahrscheinlich gilt, dass Abdeslam bald nach Frankreich ausgeliefert wird. Unmittelbar vor seiner Festnahme war er durch einen Schuss ins Bein verletzt worden. Am Samstagmorgen wurde er aus einer Brüsseler Klinik in die Zentrale der belgischen Bundespolizei zu einem ersten Verhör gebracht. Bis auf weiteres soll er im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in Brügge in Haft bleiben. Offenbar tappen die Ermittlungsbehörden noch bei der Frage im Dunkeln, wie wichtig seine Rolle innerhalb des „Islamischen Staats“ ist.

Anders als sein Bruder Brahim, der sich in Paris in die Luft gesprengt hatte, war er offenbar nie in Syrien. Erst am vergangenen Dienstag war die Polizei, offenbar eher zufällig, wieder auf seine Spur gestoßen. In Begleitung französischer Polizisten hatten belgische Sicherheitskräfte ein Haus in dem im Brüsseler Südwesten gelegenen Stadtteil Forest durchsuchen wollen.

Zufall bringt Ermittler zu Spuren von Abdeslam

Offenbar hofften sie, in dem als unbewohnt geltenden Haus auf Waffen und andere Hinweise zu den Terroristen zu stoßen. Bei ihrer Ankunft wurden die durch Kugelwesten geschützten Polizisten mit einem Kugelhagel empfangen. Als sie das Feuer erwiderten, starb ein 35 Jahre alter gebürtiger Algerier. Er soll, wie die Behörden später berichteten, unter anderem eine konspirative Wohnung bei Charleroi gemietet haben.

Zwei weitere Männer konnten über die Dächer des dichtbesiedelten Stadtviertels entkommen. Einer der beiden war, wie die Öffentlichkeit erst am Freitag erfuhr, Abdeslam. Nun hieß es in belgischen Medien, der getötete Algerier habe sich regelrecht geopfert, um den beiden Komplizen die Flucht zu ermöglichen. Dass Abdeslam bei seiner Festnahme am Freitag unbewaffnet war, hat Spekulationen genährt, er passe nicht in das Schema des fundamentalistischen Selbstmordattentäters. Abdeslam selbst sagte bei seiner ersten Vernehmung in Belgien, er habe sich am 13. November in Paris in die Luft sprengen wollen, habe dann aber einen Rückzieher gemacht. So teilte es der Pariser Staatsanwalt François Molins am Samstagabend bei einer Pressekonferenz in Paris mit. Molins fügte hinzu, Abdeslams erste Aussagen müssten „mit Vorsicht“ behandelt werden. Außerdem würden sie eine Reihe von Fragen aufwerfen, „zu denen Salah Abdeslam sich nun erklären werden muss“.

Nach dem Schusswechsel im Stadtteil Forest hatten die belgischen Behörden die Erwartungen am Dienstag zunächst gedämpft. Sie verbreiteten die Lesart, die Aktion habe zwar im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Pariser Anschlägen gestanden, nicht aber unmittelbar Abdeslam gegolten. Spätestens kurz darauf stellten die Ermittler fest, dass ihnen der Zufall zu Hilfe geeilt war und sich in der leer geglaubten Wohnung frische Spuren Abdeslams fanden. Letzte Sicherheit soll dann ein auf einem Wasserglas entdeckter Fingerabdruck gegeben haben.

Dann folgte das, was die Zeitung „De Morgen“ am Samstag bewundernd als „Husarenstückchen auf dem Gebiet der Telefonie-Erforschung“ bezeichnete. So sollen Ermittler akribisch einen Wust von Telefonnummern von Handys durchkämmt haben, die am Dienstag in Forest genutzt wurden. Diese seien wiederum systematisch mit Handys verglichen worden, die nicht mehr in jenem Stadtteil, sondern anderswo geortet werden konnten. Das wiederum habe zu der Wohnung nahe dem Elternhaus Abdeslams in Molenbeek geführt, in der er und ein ebenfalls am Freitag festgenommener mutmaßlicher Komplize bei der Familie eines Freundes Unterschlupf gefunden hätten.

Abdeslam sollte wohl erst am Wochenende festgesetzt werden. Dass dann alles viel schneller ging, hing offenbar damit zusammen, dass der manchen Medienvertretern unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit zugespielte Hinweis auf die Anwesenheit des „meistgesuchten Mannes Europas“ in Brüssel dann doch durchsickerte. Am Freitag gegen 16.40 Uhr kam es zum Einsatz.

Bei aller Erleichterung über die Festnahme Abdeslams entbrannte abermals die Diskussion, wieso der mutmaßliche Terrorist sich offenbar über Monate unerkannt in der belgischen Hauptstadt habe aufhalten können. Zudem mehrten sich die Stimmen, nach denen sich Abdeslam in den vergangenen Wochen in seinem Stadtviertel wiederholt und - zumindest von den Ordnungshütern - unerkannt auf offener Straße gezeigt hat.

Weitere Themen

Kontroverses TV-Duell kommt gut an Video-Seite öffnen

Istanbul vor Bürgermeisterwahl : Kontroverses TV-Duell kommt gut an

Ekrem Imamoglu von der linksnationalistischen Republikanischen Volkspartei (CHP) und Binali Yildirim von der regierenden islamisch-konservativen AKP warfen sich in der dreistündigen Debatte gegenseitig unsaubere Machenschaften bei der annullierten Wahl von Ende März vor.

Generalbundesanwalt ermittelt im Fall Lübcke Video-Seite öffnen

Erschossener Politiker : Generalbundesanwalt ermittelt im Fall Lübcke

Im Fall des erschossenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wurde ein Verdächtiger wegen Mordverdachts festgenommen. Der Verdacht eines rechtsextremistischen oder rechtsterroristischen Hintergrunds habe sich erhärtet.

Topmeldungen

Tipp von Achim Wiese: Nach dem Sonnen erstmal langsam abkühlen und nicht direkt ins Wasser springen.

Tipps zur Badesaison : „Eltern müssen mit ins Wasser“

Mit dem Sommer hat auch die Badesaison begonnen. Einfach so ins Wasser springen sollte man aber nicht: Achim Wiese vom DLRG erklärt, worauf große und kleine Badegäste achten müssen und welches Gewässer am gefährlichsten ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.