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Ermittlungen nach Attentaten : Schüsse in Molenbeek

  • -Aktualisiert am

Über den Dächern von Brüssel: Belgische Spezialkräfte auf der Suche nach Terroristen in Molenbeek Bild: Reuters

Seit langem ist der Brüsseler Stadtteil eine Drehscheibe für Islamisten aus aller Welt. Die Bewohner wehren sich gegen Stigmatisierungen – und beobachten eine Razzia.

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          Der Blickfang an der Ecke zur Rue Delaunoy ist eigentlich der Obst- und Gemüseladen „Chez Charaf“. Aber kaum einer der Passanten wirft an diesem Montagmittag in diesem sonst eher ruhigen Winkel von Molenbeek-Saint-Jean ein Auge auf die bunte Geschäftsauslage mit Produkten aus südlichen Gefilden. Nicht zu übersehen ist hingegen das von zwei Ordnungshütern gesäumte weiße Polizeimotorrad, das die Einfahrt für Autos in die Straße im Brüsseler Westen verhindert.

          „Opération policière“, antwortet einer der Polizisten auf die Frage nach dem Grund der Absperrung. Mehr könne er leider nicht sagen. Dann lässt er sich doch noch entlocken, dass es an diesem Tag in Molenbeek vor Reportern nur so wimmele. „Die kommen aus aller Welt, auch aus Australien und Japan sind welche dabei“, sagt der Polizist.

          Parkscheine bringen Ermittler auf die Spur

          Rund 150 Meter weiter in der leicht abfallenden Straße gibt es für Kamerateams und Schaulustige kein Durchkommen mehr. Hinter der Absperrung sind weitere Polizisten zu sehen, einige davon vermummt und mit kugelsicheren Westen. Ein Spürhund ist auch dabei. Seit mehreren Stunden sehe es hier so aus, erzählen Passanten. Gegen 12.45 Uhr erklingt aus der Nähe plötzlich eine Detonation. Niemand vermag in diesem Augenblick zu sagen, was sich genau ereignet hat.

          Gerüchte wabern herum. Der Polizeieinsatz, heißt es, richte sich gegen Salah Abdeslam, nach dem am Sonntag wegen der vermuteten Verwicklung in die mörderischen Pariser Anschläge eine Großfahndung angelaufen ist. Der 26 Jahre alte Franzose mit Hauptwohnsitz in Molenbeek soll jenen schwarzen VW Polo mit belgischem Kennzeichen angemietet haben, der am Freitagabend kurz nach dem Anschlag auf den Pariser Konzertsaal „Bataclan“, der mehr als achtzig Menschenleben gefordert hat, entdeckt worden ist. Parkscheine aus Molenbeek hatten die Spurensuche in jenen Stadtteil im Brüsseler Westen gelenkt, der nicht erst seit den mörderischen Attacken in der französischen Hauptstadt in dem Ruf steht, eine Drehscheibe für gewaltbereite Islamisten zu sein.

          Am Samstagmorgen war Salah Abdeslam mit zwei anderen Männern aus Brüssel offenbar auf der Fahrt in die belgische Hauptstadt kurz vor der Ausreise aus Frankreich in eine Polizeikontrolle geraten. Doch kam es dabei lediglich zur Feststellung der Personalien. Erst wenige Stunden später wurde den Ermittlern dann bewusst, welch schwerer Verdacht auf dem im Brüssel lebenden Adeslam lastete, der vorübergehend als Angestellter für die Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft Stib tätig war.

          „Der wäre zu so etwas nicht fähig“

          Gilt der Großeinsatz der Polizei am Montagmittag in Molenbeek Salah Adeslam? Niemand weiß es zu dieser Stunde zu sagen, auch wenn die Hinweise von Ermittlern angeblich in diese Richtung weisen. Ein junger schwarzhaariger Bewohner der Rue Delaunoy berichtet, dass zuvor bereits jemand von der Polizei in Handschellen abgeführt worden sei. „Ich kenne ihn. Der geht abends aus und wäre zu so etwas nicht fähig“, sagt der Augenzeuge, der seit zwölf Jahren in Molenbeek lebt. Aber offenbar redet er nicht von Abdeslam, der in einer anderen, einige hundert Meter entfernt gelegenen Straße gewohnt haben soll. Im Laufe des Nachmittags gibt die Staatsanwaltschaft in Brüssel dann Entwarnung. „Die Hausdurchsuchung verlief negativ, und es wurden keinen gerichtlichen Festnahmen vorgenommen.“

          Der Rückweg von der Straßensperre in der Rue Delaunoy führt am Obst- und Gemüseladen „Chez Charaf“ vorbei. Dann geht es zweimal nach links in eine Parallelstraße, in der sich eine Moschee befindet. Sie sieht aus wie eine ehemalige Lagerhalle. Hin und wieder öffnet sich die Tür. Männer geben sich die Klinke in die Hand. Drei Moscheen, so hatte es zuvor unter den Schaulustigen in der Rue Delaunoy geheißen, seien Hochburgen radikaler Salafisten.

          Salafisten? Da hatte der junge Bewohner der Rue Delaunoy zuvor noch energisch den Kopf geschüttelt und ausgesprochen, was an diesen Tagen von vielen der Einwohner, ob Alteingesessene oder Zugewanderte, zu hören ist: Es sei unerträglich, wie Molenbeek dieser Tage in aller Welt als Brutstätte des radikalen Islamismus karikiert werde. Man könne hier doch ganz gewöhnlich leben. Auch eine in Brüssel geborene Sozialarbeiterin mit Kopftuch, die in einem wenige hundert Meter entfernten, von der Europäischen Union finanziell unterstützten Berufsbildungszentrum arbeitet, hat es zuvor ähnlich formuliert. Natürlich seien die rund vierzig aus verschiedenen Teilen der Erde stammenden Kursteilnehmer an diesem Morgen reichlich verunsichert im Zentrum erschienen. Ein Teilnehmer, der in dem Stadtviertel zu Hause sei, habe gesagt: „Man muss endlich damit aufhören, die Leute in Molenbeek zu verteufeln.“

          Molenbeek muss jetzt mit diesem Ruf leben

          Zu dieser Stunde sitzen einige Kursteilnehmer einträchtig im Sprachkurs, andere üben in einer Tischlerwerkstatt oder versuchen sich als künftige Maurer. „Wir wollen hier nicht nur den Menschen, unabhängig davon, wo sie herkommen, eine berufliche Perspektive bieten. Es geht auch darum zu zeigen, dass man Probleme gemeinsam lösen kann“, sagt ein Mitarbeiter des Zentrums.

          Dennoch muss Molenbeek jetzt mit dem Ruf leben, eine Hochburg für Fundamentalisten zu sein. Immer wieder sind Anschläge in den vergangenen Jahren mit radikalen Islamisten in Verbindung gebracht worden, die entweder in der nur zwei U-Bahn-Stationen von der Brüsseler Altstadt entfernten Gemeinde zu Hause waren oder sich dort vorübergehend aufgehalten haben. Das galt schon für die mutmaßlichen Hintermänner der mörderischen Anschläge auf Vorortzüge in Madrid im März 2004.

          Auch der für den Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel im vergangenen Jahr mutmaßlich verantwortliche Täter hat sich in Molenbeek aufgehalten. Auch ein in Syrien befindlicher Kämpfer, dessen Name jetzt mit den Anschlägen in Paris in Verbindung gebracht worden ist, lebte einst im Brüsseler Westen. Schließlich war hier auch Brahim Abdeslam zu Hause, ein älterer Bruder des nach wie vor flüchtigen Salah Abdeslam. Der ältere Bruder, einer der nach den Anschlägen identifizierten Attentäter, soll sich einige Zeit lang in Syrien aufgehalten haben. Der älteste Bruder, ein langjähriger Mitarbeiter der Ausländerbehörde in Molenbeek, war am Samstag festgenommen, aber am Montag wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

          „Fruchtbarer Nährboden“ für radikale Islamisten

          Molenbeek, dessen Bevölkerungszahl in den vergangenen Jahrzehnten rasant von 70.000 auf fast 100.000 angestiegen ist, zählt unter den 19 Gemeinden der Brüsseler Hauptstadtregion zu jenen mit dem höchsten Ausländeranteil. Zwar hat offiziell nur ein Viertel einen ausländischen Pass, viele der überwiegend aus Marokko stammenden Einwanderer haben jedoch von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, die belgische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Die Gettobildung in Molenbeek ist unabhängig davon so weit vorangeschritten, dass in manchen Vierteln, wie Bürgermeisterin Françoise Schepmans zu bedenken gibt, der Anteil der Bevölkerung mit – vor allem maghrebinischen – „Migrationshintergrund“ achtzig Prozent erreiche.

          Immer wieder hat die liberale Politikerin seit dem Wochenende erläutert, dass ihre Gemeinde in der Vergangenheit einen „fruchtbaren Nährboden“ für radikale Islamisten geboten habe. Ihre Verwaltung arbeite seit zwei Jahren verstärkt daran, den Radikalisierungstendenzen entgegenzuwirken. „In meiner Gemeinde ist das jedoch auf einzelne, isolierte Personen zurückzuführen, die man schwerer erfassen kann“, sagt die Bürgermeisterin am Montag im belgischen Rundfunksender RTBF. Anders als in Flandern verlaufe in Brüssel die Radikalisierung Jugendlicher auch nicht über fundamentalistische Organisationen wie „Sharia4Belgium“ – eine vor allem in Antwerpen aktive und an der Anwerbung von Syrien-Kämpfern in Belgien beteiligte Gruppierung, gegen die kürzlich ein spektakulärer Prozess mit zahlreichen langen Haftstrafen zu Ende gegangen ist.

          Für Interviewwünsche steht Bürgermeisterin Schepmans am Montagmittag zunächst nicht zur Verfügung. Stundenlang berät sie mit anderen Spitzenvertretern des Stadtbezirks über das weitere Vorgehen. Währenddessen endet in der nur wenige hundert Meter vom Rathaus entfernten  Rue Delaunoy der mehrstündige Polizeieinsatz. Es spielen sich in Molenbeek ähnliche Szenen wie kurz zuvor ab. Hinter den Absperrungen auf der Straße ist deutlich zu beobachten, wie bewaffnete Sicherheitskräfte sich an einem weißen Gebäude vorarbeiten. Dann fällt abermals ein Schuss. Die Staatsanwaltschaft wird später mitteilen, dass dort niemand festgenommen worden sei. Über einen belgischen Sender lässt Bürgermeisterin Schepmans am Nachmittag wissen, dass lediglich Warnschüsse abgefeuert worden seien.

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