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Angriff auf Hotel in Mali : Terror im ganzen Land

Malische Spezialeinheiten hatten sich stundenlange Gefechte mit den Geiselnehmern geliefert. Bild: AFP

Der Angriff auf das Radisson-Hotel in der malischen Hauptstadt zeigt, dass die Dschihadisten längst nicht mehr nur im Norden des Landes stark sind. Drahtzieher könnte ein bereits totgesagter Terrorführer sein.

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          „Allahu Akbar“ sollen die Bewaffneten gerufen haben, als sie kurz nach sieben Uhr morgens das Luxushotel Radisson im Zentrum der malischen Hauptstadt Bamako stürmten und 140 Gäste und 30 Angestellte als Geiseln nahmen. Malische Journalisten berichteten, dass die Terroristen ihre Geiseln in die Halle des Hotels getrieben und aufgefordert hätten, Koranverse zu rezitieren, um Muslime von den anderen zu trennen. Wer diese Prüfung bestand, hat das Hotel offenbar verlassen dürfen.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Nach Angaben eines Angestellten sollen die Attentäter in mindestens einem Fahrzeug mit diplomatischem Kennzeichen vorgefahren sein, weswegen sie von den Wächtern am Tor umstandslos durchgelassen worden waren. Wie viele Angreifer es waren, darüber gab es widersprüchliche Angaben, von zwei bis zehn Personen ist die Rede.

          Das Radisson-Hotel ist das erste Haus am Platze in Bamako. Hier bringen Diplomaten, die UN und andere internationale Organisationen und Unternehmen ihre Gäste unter oder treffen sich auf einen Drink. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, vier Deutschen hätten das Hotel unversehrt verlassen können. Zum Zeitpunkt des Angriffes sollen sich zudem zwölf Angehörige von Air France und sechs Mitarbeiter der Turkish Airlines im Hotel befunden haben. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, waren auch mindestens sieben Chinesen unter den Geiseln.

          Gegen Mittag begannen malische Spezialkräfte, das Hotel zu stürmen. Am Abend war die Geiselnahme beendet, die Rede war von 15 bis 30 Toten. Unklar ist noch, ob sich in dem Hotel zum Zeitpunkt des Angriffs auch Delegationen der Konfliktparteien im Norden zu Verhandlungen in Bamako aufhielten.

          Al Qaida im islamischen Maghreb und die ihr nahestehende Splittergruppe al Mourabitoun bekannten sich zu dem Anschlag. Sie verlangten die Freilassung ihrer Kämpfer aus den Gefängnissen von Bamako. Der Anführer von al Mourabitoun ist der Algerier Mokhtar Belmokhtar.

          Der französische Verteidigungsminister, Jean-Yves Le Drian, sagte am Freitagabend dem Fernsehsender TF1, Belmokhtar habe die blutig beendete Geiselnahme in Bamako sehr wahrscheinlich organisiert. Im Juni hatte die libysche Regierung mitgeteilt, dass Belmokhtar bei einem amerikanischen Luftangriff im Osten Libyens getötet worden sei - was vom Terrornetzwerk Al Qaida später bestritten wurde.

          Im August hatte Al Mourabitoun in der zentralmalischen Kleinstadt Sévaré bereits das Hotel „Byblos“ angegriffen und dort Geiseln genommen, nachdem die Terroristen zuvor erfolglos versucht hatten, eine malische Kaserne zu stürmen. Mindestens 13 Menschen wurden getötet, als malische Soldaten das Hotel stürmten, darunter mindestens fünf UN-Mitarbeiter.

          Die Dschihadisten sind nicht besiegt

          Klar ist, dass sich der Terror in Mali, der sich lange Zeit auf den weiten und dünn besiedelten Norden konzentriert hatte, mittlerweile auf das ganze Land ausgeweitet hat. In jeder der acht malischen Regionen ist in jüngster Zeit ein Anschlag verübt worden, und nun auch wieder in der Hauptstadt: Im März diesen Jahres hatten Terroristen das Feuer auf einen bei Ausländern beliebten Nachtclub eröffnet und dabei fünf Menschen getötet. Mit der Ausweitung des Terrors wollen die Dschihadisten offenbar zeigen, dass weder die Regierung noch die internationale Gemeinschaft das Land schützen können und auch im Norden, wo die französische Armee militärische Erfolge erzielt hat, die Dschihadisten nicht besiegt sind.

          Bamako : Geiselnahme in Hotel in Mali

          Zum anderen verdeutlicht die Gewalt, dass auch der jüngste Friedensvertrag zwischen den widerstreitenden Tuareg-Gruppen und der Regierung, der Ende Oktober in Anéfis mit Pomp und Applaus unterzeichnet worden war, unmittelbar wenig wert ist. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren mühsam ausgehandelte Einigungen zwischen den Interessengruppen verkündet, deren Vertreter bei den Verhandlungen in Mali zumeist im Radisson residierten. Und immer wieder tauchten hernach neue bis dahin weitgehend unbekannte Gruppierungen auf, die jeweils einen weiteren Tuareg-Clan oder eine weitere Interessengruppe zu vertreten vorgaben.

          Jüngst war dies die „Coordination des mouvements de l’Azawad“ (CMA), die im August den bewaffneten Kampf wieder aufnahm. Ihnen stellten sich sogenannte Selbstverteidigungskräfte entgegen, deren Kämpfer anderen Tuareg-Clans angehören und die sich offiziell auf die Seite der Regierung stellten. Diese „Groupe d’autodefense touareg imrad et alliés“ (Gatia) hatte Mitte August die Stadt Anéfis unter ihre Kontrolle gebracht, die an der Straße zwischen Gao und Kidal liegt.

          Kampf um die Kontrolle der Schmuggelrouten

          Hintergrund der Konflikte ist somit auch die Kontrolle über trans-saharische Schmuggelrouten, über die Rauschgift, Waffen, Zigaretten und zum Teil auch Migranten gen Europa transportiert werden. Tuareg-Rebellen, die heute zur CMA gehören, hatten sich 2012 wie so oft in der Geschichte Malis gegen die Regierung erhoben und das Chaos nach einem Militärputsch in Bamako ausgenutzt, der zwei Wochen vorher stattgefunden hatte. Versorgt von Waffenlieferungen aus dem zerfallenen Libyen erklärten diese Rebellen die Unabhängigkeit des „Azawad“, dem „Land der Nomaden“, das einen großen Teil des malischen Nordens umfasst. Dass die Tuareg auch im Norden Malis nicht die Bevölkerungsmehrheit stellen, hinderte sie nicht an der Ausrufung ihres Tuareg-Staats.

          Bilder des malischen Fernsehsenders ORTM zeigen Soldaten, die Geiseln in Sicherheit bringen. Bilderstrecke
          Bilder des malischen Fernsehsenders ORTM zeigen Soldaten, die Geiseln in Sicherheit bringen. :

          Wenige Monate später wurden die Rebellen, die ihrerseits in verschiedene kriminelle Netzwerke verstrickt gewesen sein sollen, wiederum von den Terrorgruppen Ansar al Dine, Mujao und Belmokhtars Aqim (Al Qaida im islamischen Maghreb) vertrieben, die eine islamistische Herrschaft unter Maßgabe der Scharia ausriefen. Viele der Dschihadisten kamen nicht aus Mali, sondern vor allem aus Algerien und Libyen, Berichten zufolge auch aus Pakistan, Ägypten oder Afghanistan. Eine Geisel berichtete der Nachrichtenagentur Reuters gegenüber auch am Freitag, sie habe mindestens zwei Attentäter miteinander Englisch sprechen hören.

          Tief in die organisierte Kriminalität verstrickt

          Einige der Dschihadisten, so der Gründer von Ansar al Dine, der an der Grenze zu Algerien geborene Targi Iyad ag Ghaly, waren an den verschiedenen Tuareg-Aufständen beteiligt – Ag Ghaly hatte Anfang dieser Woche das Friedensabkommen von Anéfis für nichtig erklärt und zum „Heiligen Krieg“ gegen Frankreich aufgerufen. Seine Gruppe rekrutiert neuerdings auch unter Angehörigen anderer Ethnien, so der Peul in Zentralmali, die die Terrorgruppe „Force de libération du Macina“ gründeten. Zudem sind die Dschihadisten wie Belmokhtar tief in die organisierte Kriminalität verstrickt. Der malische Präsident Ibrahim Boubakar Keita, der sich am Freitag zu Gesprächen in Tschad aufhielt, war 2013 auch deshalb wiedergewählt worden, weil er versprochen hatte, die Spaltung des Landes aufzuheben und mit der Korruption aufzuräumen.

          Der französische Präsident François Hollande ließ am Freitag 50 zusätzliche Spezialkräfte der Nationalgendarmerie nach Bamako verlegen, auch wenn sein Land bereits 1000 Soldaten in Mali und weitere 2000 in der Region stehen hat. Anfang 2013 hatte Hollande einen Kampfeinsatz zur Vertreibung der Dschihadisten im Norden Malis befohlen. Maßgeblich unterstützt wurden die Franzosen und ihre „Opération Barkhane“ dabei von der Armee Tschads. Der Internationale Rahmen dafür wurde mit einem UN-Mandat gesteckt und die UN-Blauhelmtruppe (Minusma) gebildet, die gemeinsam mit der malischen Armee die zurückeroberten Gebiete halten und sichern sollten. Doch gelang dies nicht immer. Minusma gilt neben der in Somalia als die UN-Truppe, die weltweit die höchsten Verlustraten zu beklagen hat.

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