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Verteilaktion „Lies!“ : Hass säen unter dem Deckmantel des Korans

Mit einem Plakat auf dem Rücken versuchte ein Teilnehmer der Koran-Verteilaktion „Lies!“» am 31 Januar 2015 auf der Zeil in Frankfurt am Main die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bild: dpa

„Die wahre Religion“ (DWR) gilt als das mitgliederstärkste salafistische Netzwerk in Deutschland. Ihr Ziel ist die Radikalisierung der Gesellschaft.

          Hinter der Koranverteilaktion „Lies!“ steht eine salafistische Vereinigung mit dem Namen „Die wahre Religion“ (DWR). Ihr Kopf ist Ibrahim Abou-Nagie, ein in Köln lebender selbsternannter Prediger, der 1964 in einem palästinensischen Flüchtlingslager zur Welt kam und bisher neben Pierre Vogel, Sven Lau (der sich derzeit in Düsseldorf wegen Terrorverdachts vor dem Oberlandesgericht verantworten muss) und dem in der vergangenen Woche festgenommenen Abu Walaa zu den führenden Salafisten in Deutschland zählte. Kernelement seiner Ideologie ist die Einteilung der Welt in Muslime und „Kuffar“ (Ungläubige).

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die „Lies“-Aktion war nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes  das „mitgliederstärkste Netzwerk im Bereich des extremistischen Salafismus". Abou-Nagie zählt die Behörde zu den zehn wichtigsten Radikalisierern in Nordrhein-Westfalen. Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland hat es im vergangenen Jahr 350 Koranverteilungen gegeben. Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz hat „Lies!“ in Deutschland bisher etwa drei Millionen Koran-Ausgaben verteilt. Auch in anderen europäischen Ländern wie in Österreich und in der Schweiz ist die Aktion des Predigers mittlerweile aktiv. Zuletzt hatten „Lies!“ eine schwedische Übersetzung drucken lassen, auch eine portugiesische Übersetzung soll laut Verfassungsschutz geplant gewesen sein.

          Die vergangenen fünf Jahre verteilten junge bärtige Männer in weißen Jacken in vielen großen deutschen Städten unter dem Motto „Lies! Im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat“ kostenlos Koran-Übersetzungen. Angeblich wollen die Männer den Koran unter die Leute bringen, damit sich jeder eine eigene Meinung über den Islam bilden kann. Sie berufen sich auf die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit. Das Bundesamt für Verfassungsschutz kam jedoch bald zu der Einschätzung, dass die Missionierungsarbeit nur ein „Deckmantel“ sei. Ziel der „Lies“-Aktivisten sei, ihre „salafistische Ideologie zu propagieren, die geeignet ist, eine islamistische Radikalisierung anzustoßen oder voranzutreiben“, hieß es im jüngsten Bericht des Bundesamts. „Gerade bei jungen Menschen in der Identitätsfindungsphase und auf der Suche nach Antworten finden salafistische Ideen oftmals Anklang, wenn charismatische Leitfiguren der salafistischen Szene einfache Lösungen auf komplexe Fragen anbieten.“ Durch die intensive Nutzung moderner Medien und sozialer Netzwerke sind vor allem junge Leute schnell auf DWR aufmerksam geworden. 

          Auch die Sicherheitsbehörden der Bundesländer beobachteten die Koran-Verteilaktionen intensiv. Denn in ihrem Rahmen ist es Salafisten schon dutzendfach gelungen, junge Leute weiter zu radikalisieren: Mehrere ehemalige Koran-Verteiler sind mittlerweile nach Syrien oder den Irak in den „Heiligen Krieg“ gereist. Nach Erkenntnissen des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes hat jeder fünfte Dschihad-Reisende Kontakt zu „Lies!“ gehabt. Im April wurden in Ulm drei Terrorverdächtige festgenommen, die im Rahmen mehrerer „Lies“-Aktionen Geld gesammelt haben sollen, um sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anschließen zu können. Anfang Oktober verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf den Deutsch-Türken Kerim Marc B., der in Syrien dem Anführer des IS die Treue geschworen und an Kämpfen teilgenommen hatte, zu sechs Jahren und neun Monaten Haft. In Deutschland hatte der Islamist vor einigen Jahren an der Koran-Verteilaktion „Lies!“ teilgenommen.

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